20 Jahre ETFs aus Sicht der Index-Welt

20 Jahre ETF-Handel in Europa, das sind zwei Jahrzehnte geprägt von starkem Wandel in der Art zu investieren – und der stark gestiegenen Ansprüche an Indizes.

Vor zwei Jahrzehnten, am 11. April, wurden die ersten europäischen ETFs an der Frankfurter Wertpapierbörse gelistet. Die ETFs wurden mit großer Begeisterung aufgelegt – aber auch mit einem gewissen Maß an Zurückhaltung, denn dieses Produkt war zwar innovativ, aber auf dem lokalen Markt noch nicht erprobt.

„Das war auf jeden Fall eine sehr kleine Geschäftseinheit, die im wahrsten Sinne des Wortes von handgemacht war“, sagt Konrad Sippel, der damals im Jahr 2000 die Berechnungsgrundlage für den indikativen Nettovermögenswert der Fonds manuell ausgefüllt hat, und zwar auf der Grundlage der von den Fondssponsoren per E-Mail übermittelten Informationen. Seine akribische Arbeit war ebenso handwerklich wie zeitaufwendig.

„Es ist jetzt völlig unvorstellbar, dass ein solch kritischer Prozess von Hand erledigt werden musste“, fügt Sippel hinzu, der mittlerweile den Bereich Big Data & Analytics bei der Deutschen Börse leitet. „Das zeigt auch, wie weit sich die Branche entwickelt hat.“

Zwei Jahrzehnte später ist Sippels ETF-Preisfindungsaufgabe vollständig automatisiert – ein durchaus willkommener Fortschritt, denn der Markt ist von zwei Pionierfonds auf mehr als 1.500 ETFs auf der Xetra-Plattform der Deutschen Börse gewachsen. Auch das auf Xetra-gehandelte investierte ETF-Vermögen zeigt die Beliebtheit dieser Produkte: von 400 Millionen Euro Ende 2000 stieg es auf über 700 Milliarden Euro an.

Wachstum bei passivem Investieren

Die Zahlen stehen symbolisch für den Boom der sogenannten passiven Investments, einem globalen Aufgebot von indexgebundenen Fonds und Produkten, die auf vielen Märkten weltweit die Mehrheit der verwalteten Vermögen übernommen haben. Das Rückgrat des Phänomens des passiven Investierens bildet der Index, der ursprünglich aus der Notwendigkeit heraus geboren wurde, die Richtung des Marktes zu bestimmen, und der nun förmlich in den Mittelpunkt wichtiger Investitionsentscheidungen katapultiert wurde.

Natürlich sind nicht alle Indizes Basiswerte für Finanzprodukte. Insgesamt gibt es heute weltweit rund drei Millionen Indizes, die alle Bereiche des Aktienmarktes und alle Aktienstrategien abdecken und auch die Art und Weise verändern, wie Menschen in Anlageklassen wie Anleihen investieren. Indizes bilden auch die Basiswerte für eine schier endlose Zahl von Investitionskonzepten, die sachkundige Entscheidungsprozesse, Risikomanagement und Kostenreduzierung unterstützen.

„Die Vermögensverwaltungsbranche hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten durch Fortschritte in der Technologie, der Globalisierung und der zunehmenden Verfeinerung des Anlegerverhaltens verändert“, sagt Stephan Flaegel, Head of Indices and Benchmarks bei Qontigo. „Investitionen in Fonds sind günstiger geworden, und die Auswahl hat sich vergrößert. Die Indizes haben diese Entwicklung begleitet und gefördert. Sie decken heute viele Anlagestrategien ab und garantieren gleichzeitig Unabhängigkeit und Objektivität.“

Investieren im Wandel der Zeit

Im Laufe der vergangenen 20 Jahre hat sich die Rolle des Indexes weiterentwickelt, und es haben sich mehrere Aspekte der Index-Investitionen herauskristallisiert, die zu Beginn dieses Jahrtausends noch nicht offensichtlich waren.

Erstens ist das Index-Investment nicht mehr ausschließlich für passive Investoren interessant. Vielmehr sind ETFs zu Bausteinen geworden, die sowohl für den strategischen Portfolioaufbau als auch für taktische Bewegungen verwendet werden. In der modernen Anlagelandschaft setzt der „intelligente Anleger“ aktiv und passiv je nach Lage ein und profitiert von beiden Strategien.

Die Index-Wahl ist also auch eine „aktive“ Entscheidung für Anleger. Auf einer europäischen Investmentkonferenz in Paris, die von der Société Générale im November vergangenen Jahres organisiert wurde, stellten die Podiumsteilnehmer fest, dass bis zu 90 Prozent der Portfolio-Performance auf die Auswahl der Vermögenswerte, die Indexwahl und das statische Faktor-Exposure zurückzuführen ist.

Das heißt also: Anleger, die sich für einen ETF entscheiden, erwerben damit nicht nur einen ganzen Markt, sie wählen auch aktiv eine Anlageklasse, eine Region, eine Indexmethode, einen Stil und ein Faktor-Exposure sowie den Zeitpunkt des Kaufs.

Der Auftritt von Smart-Beta

Die Möglichkeit der Indexwahl hat sich mit der Einführung von Strategien, die auf systematische Weise bestimmte Risiko- und Ertragsquellen auszunutzen versuchen, ebenfalls stark erweitert. Das so genannte Smart oder Alternative Beta hat in den letzten Jahren die Landschaft des passiven Investments mit einem effizienten und einfach zu handhabenden Angebot aufgemischt. Bis zum letzten November waren in faktorbasierte ETFs und ETCs weltweit 835 Milliarden US-Dollar investiert worden, nachdem das Vermögen in den zurückliegenden fünf Jahren jährlich um 20 Prozent gewachsen war.

Die Indizes sind in ihrer Zielsetzung granularer und in ihrem Ansatz innovativer geworden. Zugehörige Werte werden nicht mehr allein durch den jeweiligen juristischen Sitz der einzelnen Werte bestimmt – sondern vielmehr durch eine breite Palette von Variablen, die von der Ertragsquelle über die Kursdynamik bis hin zur Anzahl der weiblichen Vorstandsmitglieder reichen.

Big Data hat die Möglichkeiten der Indexgestaltung erweitert, und die Aktienauswahl stützt sich auf neuartige Methoden. Dazu gehört beispielsweise die Verwendung künstlicher Intelligenz und offener Programmier-Schnittstellen, eine vor 20 Jahren unvorstellbare Möglichkeit. 

Anleger haben die große Auswahl der verfügbaren Optionen dankend angenommen und nutzen verstärkt Indizes, um individuelle Strategien und Ideen zu entwickeln. Im vergangenen Dezember hat Qontigo das STOXX iSTUDIOTM eingeführt, eine Anwendung, die es Kunden ermöglicht, maßgeschneiderte Indizes zu entwerfen und auch gleich an den Start zu bringen. STOXX iSTUDIO steht für die Vielseitigkeit von Investments mit Hilfe von Indizes.

Neue Themen

Die nächsten 20 Jahre sehen für die ETFs genauso vielversprechend aus wie die ersten. Es sind inzwischen neue Anlagemotive aufgekommen, wie ein Fokus auf bestimmte Themen, auf Nachhaltigkeit, auf mehrere Anlageklassen, auf den Faktor-basierten Ansatz – oder gleich eine Kombination aus allen Ansätzen. All dies beflügelt bereits jetzt die Fantasie und die Nachfrage auf Seiten der Vermögenseigner und Investoren.

Hinter jedem dieser Konzepte stehen Indizes, als unabhängige Hüter von Strategien, die weltweit Milliarden von Anlegergeldern leiten. Das Gesicht der Indizes mag sich geändert haben, aber ihre Hauptmerkmale als kostengünstiges, transparentes und regelbasiertes Anlageinstrument, bleiben unverändert.

„Vor zwanzig Jahren war ein Index ein einfaches Instrument, das die Performance von Bluechip-Unternehmen in einem bestimmten Markt maß“, weiß Sippel. „Davon sind wir nun weit entfernt. Wer heute eine führende Rolle spielen will, muss ständig innovativ sein. In diesem Sinne ist die Indexindustrie eine gewaltige Innovationsfabrik.“