18. Mai 2022
Aktienfinder: Hier gibt es gute Chancen für Börsianer.

Aktienfinder: "Ich favorisiere Aktien aus den USA und Westeuropa"

Mit der Plattform Aktienfinder.net hilft Torsten Tiedt vielen Börsianern bei der Aktienauswahl. Im Interview verrät der Aktienprofi, wie er die aktuelle Marktlage einschätzt – und wo sich womöglich Chancen auftun. 

Torsten Tiedt betreibt die erfolgreiche Finanzplattform Aktienfinder.net. Mit der Website hilft er Anlegerinnen und Anlegern dabei, gute Investmententscheidungen zu treffen anhand von fundamentalen Aktienkennzahlen. Mit dem Aktienfinder hat Torsten ein sehr nützliches Tool entwickelt, um zu ermitteln, ob eine Aktie fundamental betrachtet günstig bewertet ist oder nicht.

Er selbst ist seit über 25 Jahren als Börsianer aktiv und hat bereits mehrere Crashs und Korrekturen an den Märkten erlebt. Wir haben bei ihm nachgefragt, wie er die aktuelle Börsenlage einschätzt und ob er weiterhin optimistisch ist für die Aktienmärkte. 

Viele Depots von Privatanlegern sind aktuell stark im Soll aufgrund der allgemeinen Marktsituation. Was sind deine Tipps für die aktuelle Lage?

Zunächst einmal Ruhe bewahren und keine emotionalen Handlungen vornehmen, beispielsweise Panikkäufe durchführen. Falls Ruhe bewahren schwerfällt, ist dies ein Indiz, dass man von den eigenen Aktien bzw. ETFs nicht wirklich überzeugt ist und deshalb eine große Unsicherheit verspürt. In diesem Fall macht es Sinn, sich tiefer mit der eigenen Anlagestrategie und der Auswahl der Wertpapiere im Depot zu beschäftigen. Verkäufe machen erst dann Sinn, wenn man weiß, was man wirklich will und damit gleichzeitig auch, was im eigenen Depot nichts verloren hat. Dieser Erkenntnisprozess ist unabhängig von der aktuellen Marktlage sinnvoll, drängt sich bei fallenden Kursen wegen des vermehrten Unwohlseins jedoch geradezu auf.

Cash ist trash – diese Losung liest man aktuell sehr oft in diversen Anlegerforen. Wie siehst du das?

Solange die Kurse an der Börse fallen, verliert man mit Cash trotz der sehr hohen Inflation tatsächlich weniger. Allerdings weiß niemand, wann die Börsen wieder drehen. Langfristig betrachtet ist Sachvermögen jedoch deutlich wertstabiler und renditestärker als Geldvermögen. Der Preis dafür ist eine höhere Schwankungsanfälligkeit, gerade bei Aktien. Insofern ist der Spruch „Cash is trash“ nicht ganz aus der Luft gegriffen. Es sind immer nur kurze Phasen, in denen Cash Sachwerte schlägt.

Welche Branchen und Regionen bieten deiner Meinung nach gutes Potenzial?

Vermutlich wenig überraschend favorisiere ich die USA und das westliche Europa. Die autoritären Regime Russland und China haben sich entweder bereits in Abseits manövriert oder auf dem Weg dahin. Eine Entwicklung, die ich sehr traurig finde. Von den Branchen her verspreche ich mir ein gutes Chance-Risikoverhältnis von den eher als langweilig geltenden Basis-Konsumwerten wie Unilever oder McDonalds sowie auf der anderen Seite von den großen, renditestarken Technologiewerten wie Alphabet oder Microsoft.

Nach welchen Kriterien suchst du Aktien aus, in die du investierst?

Ich habe mehrere Depots und fahre mehrere Anlagestrategien parallel. Unabhängig von meiner Strategie sind für mich jedoch nur Unternehmen mit langfristig steigenden Gewinnen interessant, was ich an den Kennzahlen Gewinnstabilität und Gewinnsteigerung festmachen kann. Im Detail schaue ich mir dann auch die Entwicklung von Umsatz und Margen an, aus denen sich der Gewinn ergibt und werfe auch einen Blick auf die wichtigsten Bilanzpositionen. Hier interessiert mich, ob es Risikopositionen wie z.B. einen hohen Goodwill gibt. Liest sich kompliziert, doch all diese Informationen werden gebündelt im Aktienfinder angezeigt, so dass dieser Prozess mit etwas Übung schnell vonstattengeht. Fällt der Qualitätscheck positiv aus, schaue ich mir die Bewertung der Aktie an. Von eindeutig überteuerten Aktien lasse ich die Finger und setze in diesem Fall ein Kauflimit.

Was hältst du von Tech-Aktien? Aktien wie Netflix, Coinbase & Co. sind stark gefallen. Jetzt zugreifen?

Nur Tech-Unternehmen mit vorhersehbaren Gewinnen und Cashflows sind für mich interessant. PayPal oder Meta beispielsweise stehen fundamental gut da. Netflix erwirtschaftet zwar hohe Gewinne, hat durch die vielen Eigenproduktionen jedoch ein Problem mit dem Cashflow, während Coinbase * wiederum von der unvorhersehbaren Wertentwicklung der Kryptowährungen abhängig ist. Es gibt also große Unterschiede innerhalb der Tech-Aktien. Da hilft nur die Entscheidung von Fall zu Fall nach den eigenen Maßstäben.

Torsten vom Aktienfinder: „Von überteuerten Aktien lasse ich die Finger“

Torsten Tiedt ist der Gründer von Aktienfinder.net.
Torsten Tiedt ist der Gründer von Aktienfinder.net und Kolumnist für das Extra-Magazin von extraETF.

Viele Dividenden-Aktien bieten derzeit starke Dividendenrenditen. Doch das liegt ja auch vor allem daran, dass die Kurse stark gefallen sind. Worauf schaust du, wenn du Dividenden-Aktien aussuchst?

Dividenden-Aktien sind auch nur Aktien. Auch in diesem Fall kommt es in erster Linie auf die Gewinnentwicklung des Unternehmens an. Ansonsten wird es schwer mit der Zahlung einer verlässlichen Dividende. Von Kursgewinnen ganz abgesehen. Auf Dividendenkennzahlen bezogen spielen in erster Linie die Höhe der Dividendenrendite sowie die jährliche Steigerung der Dividende eine Rolle. Ich bin gerne bereit auf die hohe Anfangsdividende zu verzichten, wenn Dank steigender Gewinne die Dividende steigt und Kursgewinne winken.

Ein bekannter Vermögensverwalter soll angeblich kürzlich gesagt haben, mit passiven Anlagestrategien würde man derzeit überproportionale Verluste hinnehmen müssen. Was denkst du darüber?

Diese Aussage ist dermaßen pauschal, dass ich sie nicht ernst nehme. Sowohl mit Aktien als auch mit ETFs kann man gezielt in einzelne Branchen und Regionen investieren und damit sowohl richtig als auch falsch liegen.