Bias: Diese Fehler verhageln Privatanlegern mächtig die Rendite

Als Anleger entscheiden Sie selten nach Verstand – auch, wenn wir das gerne von uns behaupten. Diese Fehler (Bias) sollten Sie unbedingt vermeiden.

Die meisten Anlageentscheidungen werden von Emotionen ausgelöst. Das Ausmaß ist so groß, dass sich mit Behavioral Finance (auch „Neurofinance“ genannt) ein gesamtes Forschungsgebiet etabliert hat.

Tatsächlich beobachte ich im Austausch mit Anlegern immer wieder ein besorgniserregendes Phänomen. Die wenigsten Menschen können ihre (Ver-)Käufe an der Börse auf Basis rationaler Entscheidungsprozesse begründen.

Im nachfolgenden Beitrag habe ich die relevantesten psychologischen Fallstricke und Lösungen für Sie zusammengefasst. Wer diese versteht, wird automatisch vernünftigere Entscheidungen treffen und seinen Börsenerfolg verbessern.

Home-Bias

Der Home-Bias gehört zu den häufigsten Anlagefehlern der Deutschen. Investoren neigen grundsätzlich dazu den Heimatmarkt in ihren Portfolios überproportional zu gewichten. Ein ETF-Portfolio, in dem der DAX beispielsweise über 50 Prozent vom Gesamtvolumen ausmacht, ist nicht ausreichend diversifiziert. Die hohe Konzentration auf den deutschen Markt verursacht Klumpenrisiken.

Dieses Phänomen entsteht dadurch, dass wir mehr Vertrauen in heimische Unternehmen setzen. Wir begegnen ihnen fast täglich – ob in den Medien oder dadurch, dass z.B. ein Onkel von uns bei SAP arbeiten. Psychologisch entsteht so ein Gefühl von Nähe und Vertrautheit, was gerade Einsteiger zu voreiligen Investments verleitet.

Unsere Lösung: Falls Sie die Gewichtung Ihres Heimatmarktes erhöhen wollen, dann tun Sie das in einem begrenzten Rahmen. Ein EuroStoxx 600 enthält die größten DAX-Unternehmen und ist demnach eine attraktivere Alternative zu einem reinen DAX-ETF. Dadurch verbessern Sie die Gewichtung des europäischen Marktes in Ihrem Depot, ohne signifikante Kompromisse in der Diversifikation eingehen zu müssen.

Confirmation Bias

Ein Fehler, den auch ich in der Anfangszeit als Investor begangen habe, ist der Confirmation Bias. Er besagt, dass Anleger überwiegend nach Informationen suchen, die ihre Meinung bestätigen. Anstatt sich beispielsweise gesamtheitlich mit einem Unternehmen oder einer Anlageklasse zu beschäftigen, suchen Anleger gezielt nach Gründen für (oder gegen) ein Investment. Widersprechende Meinungen werden ignoriert.

Hier einmal ein Beispiel: Anstatt sich auch mit den Risiken von Kryptowährungen zu beschäftigen, suchen viele Menschen bei Google lediglich nach Gründen, die für ein Investment in Bitcoin & Co. sprechen. Da wird jeder früher oder später auf exorbitante Kursprognosen stoßen, die den Kauf motivieren. Mit einer durchdachten, objektiven Anlageentscheidung hat das nichts zu tun.

Unsere Lösung: Informieren Sie sich stets über objektive Quellen und insbesondere gesamtheitlich. Betrachten Sie Chancen und Risiken und wägen Sie diese miteinander ab.

Endowment Effect

Ein anderes Phänomen, das sich oft beobachten lässt, ist die abweichende Bewertung eigener und fremder Wertpapiere. Eine Apple-Aktie wird beispielsweise höher bewertet, wenn sie im eigenen Besitz ist. Die Bewertung beruht dann verstärkt auf (teilweise überzogenen) Zukunftserwartungen. Bevor sie im Besitz des Anlegers war, beruhte die Bewertung auf rationalen Faktoren wie z.B. einer Fundamental- oder Kennzahlenanalyse.

Warum ist dieser Effekt gefährlich? Er verzerrt unsere Wahrnehmung über die Realität. Befinden sich Unternehmen in einer Abwärtsspirale, wird ihre Zukunft von uns weiterhin als „zu gut“ eingeschätzt. Ein extremes Beispiel für den Endowment Effect ließ sich im vergangenen Jahr beim Untergang von Wirecard beobachten.

Unsere Lösung: Wenn Sie in Aktien investieren, sollten Sie die Entwicklung Ihrer Unternehmen immer im Blick behalten. Prüfen Sie regelmäßig die Entwicklung der Umsatz- und Gewinnzahlen und bleiben Sie stets kritisch. Im Zweifel sollten Sie sich von einem Investment lösen und das Kapital in ein anderes Unternehmen oder direkt in einen ETF investieren.

Overconfidence Bias

Als junger Anleger hatte ich nach ein paar Glücksgriffen schnell das Gefühl, dass ich so ziemlich alles richtig mache. In den ersten beiden Jahren stand im Depot eine Rendite von knapp 50 Prozent p.a. zu Buche. Traf ich bewusste Anlageentscheidungen? Nein, ich folgte bestimmten Anlageempfehlungen und Unternehmen, die medial sehr präsent waren. Geschäftsberichte schaute ich mir nur im seltensten Fall an.

Die Konsequenz: Sobald die Märkte korrigiert haben, setzte bei mir eine große Unsicherheit ein. All das Selbstvertrauen war innerhalb weniger Tage weg. Warum? Weil ich plötzlich zu viel Vertrauen in meine (teilweise blinden) Anlageentscheidungen aufgebaut hatte. Das Bewusstsein, dass sich Märkte schnell ändern und dass ein Bullenmarkt nicht ewig hält, musste ich damals noch entwickeln. Jeder von uns wird einen Glückstreffer landen. Bilden Sie sich jedoch nichts darauf ein. Niemand kann Kurse vorhersagen. Viele Anlageempfehlungen beruhen auf Unsicherheit. Anleger möchten, dass andere Anleger investieren, um die eigene Entscheidung zu bestätigen. Im Zweifel ist man am Ende nicht die einzige Person mit Verlusten.

Unsere Lösung: Machen Sie sich bewusst, dass Sie als Privatanleger niemals in eine Situation kommen werden, ein Unternehmen besser zu verstehen, als der Gesamtmarkt. Sie können die zukünftige Kursentwicklung nicht berechnen – höchstens schätzen. Setzen Sie auf eine rationale Analyse Ihrer Investments. Wir empfehlen zum Aufbau einer Portfoliobasis mittels ETFs, um dem Gesamtmarkt – und weniger einzelnen Unternehmen – zu folgen.

Disposition Effect

Viele Anleger halten Wertpapiere, die in der Verlustzone sind, während sie Wertpapiere in der Gewinnzone früh verkaufen, um sichere Gewinne mitzunehmen. Verhaltenswissenschaftler begründen dieses Verhalten mit einer Zunahme der Risikobereitschaft, sobald man Verluste erzielt. Aus einem Gewinnanstieg in der Verlustzone ziehen Anleger mehr Nutzen pro Wertzuwachs als in der Gewinnzone.

Diese Verhaltensanomalie führt langfristig zu einer Underperformance. Erneut kann hier das Beispiel zu Wirecard herangezogen werden. Die Kurse brachen ein, trotzdem hielten viele Anleger an der Aktie fest. Verluste wurde bereits erzielt, also warum nicht auf einen Kursanstieg hoffen und zumindest verlustfrei aussteigen?

Unsere Lösung: Bewerten Sie ein Unternehmen oder ein ETF immer anhand objektiver Kriterien. Befindet sich eine Branche langfristig im Abschwung (ohne Zukunftsaussichten), sollten Sie sich von einem Branchen-ETF trennen – auch, wenn Sie in der Verlustzone sind. Analog sollten Sie mit Aktien umgehen. Stellt sich nach einer Bewertung heraus, dass das aktuelle Kursniveau zu hoch ist, sollten Sie sich von dem Unternehmen lösen. Hoffnungen auf zukünftige Kursanstiege sind spekulativ.