Von Antje Erhard28. Juni 2022
Börse im zweiten Halbjahr: Was bewegt die Finanzmärkte? Teil 2

Börse im zweiten Halbjahr: Was bewegt die Finanzmärkte? Teil 2

Schon das erste Halbjahr war an Dramatik für die Finanzmärkte nicht zu überbieten. Doch da gingen die Experten noch davon aus, dass Besserung in Sicht ist: Zum Beispiel, dass die Inflation nachlässt. Weit gefehlt.   

Kurz vor Ende des ersten Halbjahres ist klar: Das konjunkturelle Bild wird noch düsterer. Eine Rezession in den USA, die dann nach Europa schwappt, wird wahrscheinlicher. Eine Gaskrise wird für Europa immer mehr Thema. Gleichzeitig müssen die Notenbanken die Inflation in den Griff bekommen. Die Zinsen werden schneller und stärker steigen als die meisten noch am Jahresanfang gedacht haben. Und jetzt kommt noch die Berichtssaison dazu, deren Zahlen und Ausblicke Sorgen machen.

Unternehmensgewinne: Die Erwartungen sind zu hoch

Die Zahlen zum ersten Quartal waren noch recht gut. Aber da war der Ukraine-Krieg noch nicht enthalten. Und auch keine Gas-Engpässe. Vor der neuen Berichtssaison werden die Analystinnen und Analysten angesichts einer drohenden Rezession in den USA zunehmend skeptischer, weil auch während der Rezession 2008/09 die Gewinnmargen der Unternehmen eingebrochen waren. Bei der Commerzbank heißt es: „Derzeit erwarten Analysten rekordhohe Nachsteuer-Gewinnmargen von 8,4 Prozent für die DAX-Unternehmen und 12,7 Prozent für die S&P 500-Unternehmen, verglichen mit langjährigen Durchschnittswerten (20 Jahre) von 4,5 Prozent für den DAX und 7,9 Prozent für den S&P 500. Wir befürchten ab dem dritten Quartal nun deutlich fallende Margenerwartungen. Daher erwarten wir für das Geschäftsjahr 2022 einen DAX-Gewinnrückgang um 5 Prozent, und für das US-Rezessionsjahr 2023 halten wir einen zweistelligen Rückgang für wahrscheinlich.“

Alarmstufe im Notfallplan Gas

Mit der Ausrufung der Alarmstufe im Notfallplan Gas sind Unternehmen und Verbraucherinnen und Verbraucher schon jetzt alarmiert. Es ist die zweite von insgesamt drei Eskalationsstufen. Weil Russland immer weniger Gas liefert, ist vor allem die Lage in der chemischen Industrie und in anderen energie-intensiven Branchen wie die Lebensmittel-, Zement- und Metall-Industrie. extrem schwierig, schon jetzt. Stoppt Russland die Gaslieferungen komplett, dann müsste Deutschland die Notfallstufe ausrufen.

Die Bundesnetzagentur muss dann Gas rationieren und kann ganze Industrien von der Versorgung abschneiden. Denkbar wäre auch, dass Freizeitreinrichtungen, Einkaufszentren etc geschlossen würden. Private Haushalte sind jedoch besonders geschützt. „Ein vollständiges Gasembargo stürzt Deutschland und die EU spätestens in der ersten Jahreshälfte 2023 in eine Rezession“, erklärt das ifo-Institut.

Der Ukraine-Krieg

Es ist keine Entspannung in Sicht. Im Gegenteil. Russlands Präsident hat die Verlagerung atomwaffenfähiger Raketen nach Belarus angeordnet. Russische Streitkräfte rücken in der Ost-Ukraine immer weiter vor. Indessen werden vor allem Nahrungsmittel knapp, weil Agrarexporte durch Sanktionen erschwert sind und weil Transportwege unterbrochen sind.

In der Folge muss das Energie-Versorgungssystem komplett auf neue Füße gestellt werden, die Handelspolitik neu ausgerichtet werden.

Die G7-Staaten wollen nun Milliarden Dollar in Klimaschutz, Gesundheit und Kommunikationstechnologien der Entwicklungs- und Schwellenländer investieren und so ein Gegengewicht zu Chinas neuer Seidenstraße aufbauen. US-Präsident Joe Biden sagte beim G7-Gipfel, dass fast 600 Milliarden US Dollar bis 2027 investiert würden. Die USA allein würden 200 Milliarden Dollar stemmen.

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Lieferengpässe und Rohstoffpreise

Der Ukraine-Krieg sorgt für Lieferengpässe, steigende Preise bei vielen Produkten und Rohstoffen und für extreme Unsicherheit. Der Weizenpreis ist seit Ausbruch des Konflikts um mehr als 50 Prozent gestiegen, zeitweise hatte er um mehr als 80 Prozent zugelegt.

Verbraucher sehen es im Supermarkt: Leere Regale dort, wo sonst Öl, Toilettenpapier und Nudeln lagern. Aber damit nicht genug: Chinas Null-Covid-Strategie verschärft die Probleme in der Industrie. Weltweite Schiffe-Staus werden noch monatelang noch Auswirkungen auf die Wirtschaft haben, sagen Experten. Denn ein Schiff vom weltgrößten Hafen in Shanghai braucht sechs bis acht Wochen nach Deutschland. Wenn es denn losgefahren ist… Vor allem Deutschland ist vom Reich der Mitte abhängig, 46 Prozent der Industrieunternehmen brauchen China: Nicht nur Produkte, sondern auch Vorprodukten und Rohstoffe. So fehlen allein Lithium und Kobalt für die Automobil-Industrie.

Corona hat die Weltwirtschaft im Mark erschüttert, der Ukraine-Krieg verschärft Lieferengpässe und Preissteigerungen. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Fazit

Das zweite Börsenhalbjahr dürfte enttäuschend ausfallen. Alternativen zum Aktienmarkt sind dünn gesät. „Vor dem Hintergrund der neuen Prognosen der Volkswirte mit einer mittelfristig drohenden US-Rezession prognostizieren wir daher, dass sich der DAX im zweiten Halbjahr unter großen Schwankungen größtenteils zwischen 11.500 und 13.500 bewegen wird. Die implizite DAX-Volatilität VDAX wird wahrscheinlich recht hoch bleiben.“

Die Marktlage bleibt schwierig: „Rezessions-, Zins-, Inflations- und Kriegsängste, plötzliche Volatilitätsspitzen und der zunehmende Eintritt der Aktienmärkte in den Bärenmarkt kleben an den Börsen wie Kaugummi am Schuh. Bis es mehr Klarheit bei Inflation, Geldpolitik sowie Konjunktur- und Unternehmensgewinnentwicklung gibt, werden die Märkte nervös bleiben“, erklärt Robert Halver von der Baader Bank.