Von Katja Brauchle19. November 2021

Darum ist das geplante Verbot von Neobroker-Geschäftsmodellen das falsche Signal

Die EU möchte das „Payment for Order Flow“-Modell der Neobroker verbieten. Das Modell wäre nicht transparent genug. Mein Kollege Timo Baudzus hat gestern in diesem Artikel ausführlich darüber berichtet. Ich halte das für eine schlechte Idee.

Für lange Zeit war der Handel mit Aktien und anderen Wertpapieren in Deutschland und eigentlich überall auf der Welt nur einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung vorbehalten. Der Zugang zur Börse war schwierig, das benötigte Fachwissen nicht mit zwei Klicks abrufbar und das nötige Kleingeld hatten die meisten ohnehin nicht.

Investieren ist so einfach wie noch nie

Dass das inzwischen anders ist, haben wir mit Sicherheit in weiten Teilen dem Siegeszug des Internets zu verdanken. Alles, was wir zum Aktienhandel benötigen, können wir ganz einfach am Bildschirm ablesen. Zwar mangelt es vielen Menschen immer noch an der nötigen Finanzbildung, doch die Inhalte sind da – und vor allem in der westlichen Welt verfügbar.

Dennoch hat es gedauert, bis eine breitere Bevölkerung die Chancen erkannt hat, die sich mit Aktien, ETFs und anderen Wertpapieren ergeben. Vor allem junge Menschen sind offen für diese vermeintlich neue Art der Geldanlage. 2020 kam es – sicher auch in Folge der Coronakrise – zu einem regelrechten Jugend-Boom an den Börsen. Laut einer Studie des Deutschen Aktieninstituts engagierten sich 2020 12,3 Millionen Menschen an der Börse. Das war zuletzt nach der Jahrtausendwende der Fall. Schaut man sich an, welche Altersgruppe dabei besonders gewachsen ist, dann sind das Anleger unter 30. Diese Gruppe hat verglichen mit 2019 um 67 Prozent zugenommen.

Neobroker sprechen vor allem Einsteiger an

Grund für dieses enorme Wachstum sind auch die Apps der Neobroker. Wir haben in den vergangenen Tagen mehrfach über die Vor- und Nachteile derer Geschäftsmodelle geschrieben, eines war dabei aber immer klar: Sie machen insbesondere jungen und unerfahrenen Anlegerinnen und Anlegern den Einstieg in die Börsenwelt sehr einfach. Denn sie sind simpel aufgebaut, überzeugen mit frischem Design und haben vor allem sehr geringe Gebühren.

Über dieses Interesse sollten wir uns freuen. Denn nicht nur in Deutschland haben wir ein gravierendes Problem mit Altersarmut. Schon jetzt sind Millionen Rentner betroffen, die Aussichten für die Generationen X, Y und Z sind düster. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als privat vorzusorgen, sofern wir nicht bis 80 arbeiten oder im Morgengrauen Flaschen sammeln wollen, um im Alter noch über die Runden zu kommen. Das weiß auch der (voraussichtlich) künftige Bundeskanzler Scholz, der schon seit langem dazu rät, privat in Aktien zu investieren.

Dass das Geschäftsmodell der Neobroker transparenter sein sollte, sei es im Bezug auf Gebühren oder Börsenplätze, dem stimme ich zu. Das ist für Anfänger oft nicht auf den ersten Blick erkennbar.  Und dass Trade Republic * mit ihrer eigenen Studie zu einem für sie positiven Ergebnis kommt, ist auch keine Überraschung.

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Verbot könnte Trendwende einleiten

Dennoch wäre es fatal, vor allem jungen und unerfahrenen Anlegern den Einstieg an die Börse wieder zu erschweren. Natürlich möchten Neobroker auch Geld verdienen, welches Unternehmen möchte das nicht? Auch klassische Banken bieten ihren Kunden den Wertpapierhandel nicht für lau an. Kostenlose Sparpläne, sehr niedrige Sparplan-Raten? Fehlanzeige. Und weil die Neobroker genau das bieten, sind sie so beliebt. Sie haben Verbesserungspotential, keine Frage.

Doch sollte der Gesetzesentwurf zur Realität werden, ist eine Trendumkehr bezüglich der Investitionsbereitschaft in Deutschland – und sicher auch in vielen anderen europäischen Ländern – absehbar. Und das Rentenproblem, das uns nicht nur als Individuen, sondern als Gesellschaft betrifft, würde somit wieder größer.

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