Von Redaktion2. August 2022
Edelmetall Silber: Warum die Stimmung am Markt gerade dreht

Edelmetall Silber: Warum die Stimmung am Markt gerade dreht

Der am Freitagabend veröffentlichte Commitments of Traders-Report der US-Aufsichtsbehörde CFTC hatte bei Silber-Futures eine Überraschung parat: Große Terminspekulanten (Non-Commercials) waren erstmals seit Mai 2019 per Saldo pessimistisch gestimmt.

Dies ist immer dann der Fall, wenn die Zahl der short positionierten Futures höher als das Long-Engagement ausfällt. Eine solche Situation wird als Netto-Short-Position (Pessimismus überwiegt) bezeichnet und bringt ein negatives Marktsentiment zum Ausdruck, schließlich sind dann am Terminmarkt von der jeweiligen Gruppe von Marktakteuren mehr Wetten auf einen sinkenden als auf einen steigenden Silberpreis platziert. Bei Silber waren die Großspekulanten in der Vergangenheit ausgesprochen selten netto short. In den vergangenen zehn Jahren war dies lediglich an 32 Handelstagen der Fall.

Aktuelle Stimmungslage hat Seltenheitswert

Besonders interessant: Unmittelbar nach solch extremen Stimmungslagen tendierte der Silberpreis in der Vergangenheit in der Regel deutlich bergauf und erzielte binnen weniger Wochen Kursgewinne im zweistelligen Prozentbereich. Dieser Reflex scheint sich auch diesmal abzuzeichnen, schließlich legte der Silberpreis seit dem Tag der Datenerfassung (stets dienstags) bereits um ungefähr acht Prozent zu. Nun darf man gespannt sein, ob die Stimmung großer Terminspekulanten wieder in den positiven Bereich drehen wird.

Seit dem Jahreswechsel sind neben großen Terminspekulanten auch Kleinspekulanten (Non-Reportables) erheblich skeptischer geworden. Beide haben nämlich ihr Long-Exposure massiv reduziert und zugleich die Short-Seite massiv nach oben gefahren. Dies führte seit dem Jahreswechsel bei den Großspekulanten zu einem Einbruch ihrer Netto-Long-Position um fast 31.000 Kontrakte auf aktuell minus 4.500 Futures. Bei kleinen Terminspekulanten stellte sich im selben Zeitraum bei der Netto-Long-Position ein Rückgang von 15.470 auf 7.150 Kontrakte (-53,8 Prozent) ein. Da ein Silber-Future den Gegenwert von 5.000 Feinunzen Silber bewegt, wurden seit Ende Dezember damit mehr als 6.100 Tonnen Silber von der Long- auf die Short-Seite „geschaufelt“, was immerhin fast 24 Prozent der jährlichen Minenproduktion von Silber (2021) entspricht.

Ist der Preis für Silber viel zu billig?

In der Finanz-Community wird seit langem darüber diskutiert, ob der Silberpreis nach unten manipuliert wird. Bei dem Foren-Betreiber Reddit.com versuchen US-Kleinanleger seit Januar 2021 in der Gruppe „Wall Street Silver“, eine vermeintliche Unterbewertung nach oben zu korrigieren – bislang ohne nachhaltigen Erfolg. Dass im Silbermarkt irgendetwas nicht so recht zusammenpasst, ist jedoch nicht von der Hand zu weisen. Dies sieht man beim Edelmetallhandelshaus pro aurum offenbar ähnlich.

Im Juli-Marktbericht weist Robert Hartmann, der Mitgründer des Unternehmens darauf hin, dass bei Silbermünzen und -barren die aktuelle Versorgungslage weiterhin angespannt sei. Laut Hartmann würde pro aurum gern viel mehr Unzenmünzen in Silber kaufen, als aktuell von den Produzenten zugeteilt werden. Sein Fazit lautet: „Wenn man zum aktuellen Weltmarktpreis für Silber nicht annähernd so viel Ware bekommt, wie man ordern möchte, dann stimmt meines Erachtens am Preis etwas nicht.“

Für Anleger mit viel Geduld und einer ordentlichen Portion Risikobereitschaft bietet sich aufgrund der aktuell hohen Aufgelder und der bei Barren und Münzen anfallenden Mehrwertsteuerpflicht und Lagerkosten alternativ auch ein Silber-ETF an. Dabei sollte man aber auf das physische Hinterlegen des Silbers größten Wert legen. Bei solchen Exemplaren schwankt das Total Expense Ratio (TER) zwischen 0,39 und 0,49 Prozent p.a.

Tipp: Hier erfährst du alles über das Investieren in Silber.

Übrigens: Sollte der Silberpreis in den kommenden Jahren ein neues Rekordhoch markieren, wäre damit eine Performance von über 100 Prozent verbunden, schließlich notierte das Edelmetall im April 2011 bei fast 50 Dollar (aktuell: 20,24 Dollar).

Über den Autor: Jörg Bernhard

Jörg Bernhard ist freier Wirtschaftsjournalist und hat sich auf die Themenbereiche Rohstoffe, Edelmetalle, Börse, Hebelprodukte und Anlagezertifikate spezialisiert. Vor seiner Selbstständigkeit war er von 1994 bis 2002 bei einem Münchner Verlag aus dem Bereich Wirtschaftspresse als Redakteur, stellvertretender Redaktionsleiter und Redaktionsleiter angestellt.