ETFs sind das neue Sparbuch? Diese Denke ist brandgefährlich

ETFs liegen voll im Trend – zurecht! Doch in einigen Medien heißt in letzter Zeit oftmals: ETFs sind das neue Sparbuch! Einsteiger führt dies auf die völlig falsche Fährte. 

In den vergangenen Monaten war in diversen Medien immer wieder zu lesen, ETFs seien das neue Sparbuch. Die Intention dahinter ist positiv. Die Autorinnen und Autoren möchten zum Ausdruck bringen, dass ETFs immer beliebter werden und dem Sparbuch – nach wie vor der Deutschen liebstes Kind unter den Sparformen – langsam aber sicher den Rang ablaufen.

Dass ETFs immer beliebter werden, ist faktisch vollkommen korrekt. Dies lässt sich anhand der Daten, die wir von extraETF.com in einer monatlichen Umfrage unter 14 Banken und Broker in Deutschland erheben, eindeutig belegen. Allein im August haben Anleger in Deutschland über Sparpläne 312 Millionen Euro in ETFs investiert.

Das entspricht einem Anstieg von 46,5 Prozent gegenüber dem Wert zum Jahresende 2019. Das ETF-Handelsvolumen liegt im laufenden Jahr bisher bei insgesamt 39,2 Milliarden Euro – und somit bereits über dem Handelsvolumen von 2019. 

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ETF und Sparbuch haben nichts miteinander gemein!

Damit haben ETFs jedoch noch eine lange Wegstrecke vor sich, bis sie das Sparbuch endgültig eingeholt haben. Ende 2019 horteten die Deutschen knapp 600 Milliarden Euro auf Sparbüchern, Tages- und Festgeldern. Doch wir von extraETF.com sind äußerst zuversichtlich, dass ETFs diesen Wert künftig übertreffen – und zwar noch in der laufenden Dekade

Dennoch hinkt der Vergleich mit dem Sparbuch. Und viel mehr noch: er ist potenziell sogar gefährlich! ETFs haben rein gar nichts mit einem klassischen Sparbuch gemein. Denn ein Sparbuch – das darf man nicht vergessen – ist ein Produkt, auf dem Gelder komplett ohne die Gefahr eines zwischenzeitlichen Wertverlustes angelegt werden.

Es gibt keinerlei Risiko, dass dieses Geld im Nominalwert einen Verlust erleidet – zumindest einen für das Auge ersichtlichen Wertverlust. Wer 10.000 Euro einzahlt, erhält auch 10.000 Euro zurück. Früher – einige Ältere mögen sich erinnern – gab es sogar Zinsen on top. 

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Unsichtbare Verluste auf dem Sparbuch

Das mit den Zinsen ist freilich passé. Aber das ist hinlänglich bekannt. Nullzinsen und Inflation sorgen aktuell dafür, dass die Realverzinsung auf Sparbüchern negativ ist. Es gibt also einen Wertverlust, doch der ist unsichtbar. Wer 50.000 Euro zehn Jahre lang zu einem Zinssatz von null Prozent p.a. anlegt, verliert bei zwei Prozent jährlicher Inflation knapp 9.000 Euro an Kaufkraft. Allein: der Sparer nimmt dies nicht wahr, weil der Nominalwert des Geldes ja erhalten bleibt. 

Dieses Beispiel zeigt: Risiko kann viele Formen annehmen. Nur weil ein bestimmtes Risiko nicht offen sichtbar ist, kann es trotzdem existieren und gewaltige Vermögensschäden verursachen. 

Diese Argumente werden auch immer wieder von Autorinnen und Autoren angeführt, die sich für ETFs als sinnvolle Alternative zum Sparbuch stark machen. Die Augsburger Allgemeine schrieb neulich in einem Beitrag: „In Zeiten von Niedrigzinsen haben sicherheitsorientierte Anleger nur noch wenige Möglichkeiten, ohne großes Risiko Renditen zu erzielen. ETFs stellen hierbei eine gute Option dar, weil das Risiko durch die Nachbildung eines Indizes entsprechend gestreut wird und trotzdem ansehnliche Wertzuwächse zu verzeichnen sind.“ 

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Richtige Argumente, falscher Kontext

Dass ETFs eine breite Streuung bieten, ist vollkommen richtig. Im Vergleich zu einer einzelnen Aktie, bietet ein ETF definitiv eine breitere Diversifizierung, wie es in der Fachsprache heißt. Damit wird das Unternehmensrisiko eliminiert. Zur Verdeutlichung: Ein Anleger, der nur Wirecard-Aktien im Depot hatte, hat im laufenden Jahr 99 Prozent seines Geldes verloren. Mit einem Dax-ETF stehen aktuell nur knapp zwei Prozent Minus fürs laufende Jahr zu Buche. 

Die Augsburger Allgemeine hat in ihrem Text also faktisch richtige Argumente in einem falschen Kontext dargestellt – oder zumindest missverständlich formuliert. Denn mit Aussagen wie der obigen wird der Eindruck vermittelt, als gäbe es keine Risiken bei der Geldanlage mit ETFs. Als seien ETFs ein Allheilmittel, um Gelder mit größtmöglicher Sicherheit anzulegen. Doch das ist falsch. Anleger gehen mit ETFs durchaus Risiken ein. Rendite und Risiko sind schließlich untrennbar miteinander verbunden.

Der Deal bei der Geldanlage mit ETFs

Wer einen Aktien-ETF kauft – und sei  er noch so breit gestreut wie beispielsweise der MSCI World oder der MSCI ACWI – geht das Risiko ein, zwischenzeitlich starke Kursverluste zu erleiden. Das ist der Deal, um in den Genuss einer Rendite von 5,2 Prozent pro Jahr zu kommen. Dies ist laut Bloomberg die Rendite, die der MSCI World Index von 1971 bis Anfang 2020 pro Jahr erreicht hat.

Der Deal besteht darin, zwischenzeitliche Kursstürze (wie im März dieses Jahres geschehen) emotional auszuhalten, um langfristig sein Geld zu mehren. Dessen sollten sich ETF-Einsteiger bewusst sein. 

Tipp: Mit unserem Risikorechner ermitteln Sie anhand von zehn Fragen die optimale Aktienquote für Ihr Portfolio.

Sachkundige mögen jetzt einwenden, dass es neben Aktien ja auch andere Anlageklassen wie Anleihen oder Gold gibt, die weniger stark schwanken. Das ist zwar richtig, doch auch hier kann man mit ETFs durch Kursrückgänge einen zwischenzeitlichen Wertverlust erleiden. Die Kunst bei der Geldanlage mit ETFs ist es, eine Anlagestrategie zu finden, die die persönliche Risikoneigung des Anlegers und den zu erwartenden Ertrag miteinander in Einklang bringt. In unserem Artikel „Asset Allocation – Risiko und Ertrag im Einklang“ finden Sie wertvolle Hinweise, wie das geht. 

Erwartete Rendite eines Buy and Hold-Portfolios

Gerd Kommer hat in seinem Buch "Souverän investieren mit Indexfonds, Indexzertifikaten und ETFs" verschiedene Rendite/Risiko-Szenarien beschrieben.
 Portfolio 1Portfolio 2Portfolio 3Portfolio 4Portfolio 5
% risikofreie Anlage10 %30 %50 %70 %90 %
% Weltportfolio90 %70 %50 %30 %10 %
maximaler Verlust22 %17 %9 %6 %2 %
erwartete Rendite p. a.8,7 % 7,5 %6,1 %4,6 %3,1 %
empf. Mindestanlagedauer10 Jahre8 Jahre6 Jahre3 Jahre2 Jahre
Quelle: Souverän investieren mit Indexfonds, Indexzertifikaten und ETFs

Fazit

ETFs sind nicht das neue Sparbuch. Und sie sind auch kein Sparbuch-Ersatz. Einsteiger sollten sich vor Vergleichen dieser Art in Acht nehmen. Denn diese suggerieren etwas vollkommen falsches und schüren eine falsche Erwartungshaltung an diese Geldanlage. Im schlimmsten Fall kehren Einsteiger ETFs wieder den Rücken, sobald sich die ersten Verluste einstellen.

Wer als Einsteiger wissen möchte, was es mit ETFs stattdessen auf sich hat, erhält eine sehr anschauliche und einfache Erklärung in diesem Podcast.