Von Katja Brauchle22. Juli 2022
EZB erhöht Leitzins - was das für deine Geldanlage bedeutet

EZB erhöht Leitzins – was das für deine Geldanlage bedeutet

Mit Spannung wurde gestern die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Erhöhung des Leitzins erwartet. Zum ersten Mal seit fast elf Jahren wurden die Zinsen um 0,5 Prozent angehoben.

Damit übertraf die EZB rund um Präsidentin Christine Lagarde die Erwartungen vieler Analysten, die von einem Schritt von 0,25 Prozentpunkten ausgegangen waren, wie von der EZB bei der letzten Ratssitzung in Amsterdam auch angekündigt. „Der EZB-Rat hielt es für angemessen, einen größeren ersten Schritt auf dem Weg zur Normalisierung der Leitzinsen zu tun, als er auf seiner letzten Sitzung angekündigt hatte“, so die EZB zur Entscheidung. Sie beruhe auf der aktualisierten Einschätzung der Inflationsrisiken durch den EZB-Rat. Weitere Schritte werden folgen. Im Kampf gegen die Inflation sehen viele Experten diese Schritte als wichtig, aber auch als überfällig.

Erhöhung kommt zu spät

Ebenso sind sich viele Experten einig darin, dass dieser erste Schritt nicht ausreicht, um die historisch hohe Inflation wirksam einzudämmen. „Die EZB hat es versäumt, auf den Anstieg der Inflation zu reagieren. Es war schon im Frühjahr 2021 absehbar, dass sie deutlich ansteigt. Bereits damals hätte die EZB ihre sehr lockere Geldpolitik anpassen müssen“, sagte etwa der ehemalige Wirtschaftsweise Volker Wieland gegenüber dem Hessischen Rundfunk. Dennoch hofft er, dass die EZB auch die weiteren Erhöhungen nun schneller angeht als bislang angenommen.

Im EU-Raum lag die Inflation im Juni bei 8,6 Prozent. Für das gesamte Jahr 2022 geht die EU-Kommission von einer durchschnittlichen Inflation von 7,6 Prozent im gesamten Währungsraum aus. Höher war sie noch nie – und die von der EZB angestrebte Inflationsrate von 2 Prozent ist damit mehr als deutlich übertroffen. Treiber der hohen Inflation sind insbesondere die hohen Energiekosten. Christian Keller, Chefvolkswirt der Investmentbank Barclays, sprach im Interview mit dem SPIEGEL sogar davon, dass die Kerninflation (die Inflation ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise) in der Eurozone fast fünf Prozent niedriger sei als die Gesamtinflation.

Transmission Protection Instrument – ein Schritt zu weit?

Sorgen machen sich Experten vor allem wegen des zweiten Beschlusses der EZB zum TPI (Transmission Protection Instrument). Die Währungshüter möchten Staatsanleihen hoch verschuldeter Staaten aufkaufen, obwohl das Programm der Nettoanleihekäufe ausgelaufen ist. So soll verhindert werden, dass Risikoaufschläge für die Anleihen solcher hoch verschuldeter Staaten wieder stark ansteigen und die Zinsniveaus zwischen den Staaten nicht zu stark auseinanderdriften.

Passiert das, spricht man von Fragmentierung: Die Geldpolitik innerhalb der EU soll möglichst einheitlich sein, durch eine Zinsdifferenz würde sie aber je nach Region immer mehr in Fragmente zerfallen. Das soll verhindert werden. Doch Experten sehen das Instrument kritisch. Clemens Fuest, Präsident des Münchner ifo-Instituts, befürchtet etwa, dass die EZB die Grenze zur Staatsfinanzierung überschreiten könnte und ihre Unabhängigkeit gefährdet.

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Ähnlich sieht es auch Christian Keller im SPIEGEL-Interview: „Sie würde durch TPI letztlich in den Anleihenmarkt und in die Staatsfinanzierung eingreifen. Ungeachtet der Rechtmäßigkeit kann das schnell zur weiteren Politisierung der Geldpolitik führen. Ich halte das für nicht ratsam. Für den Fall, dass ein Land wirkliche Probleme bekommt, gibt es bereits das OMT-Programm mit unbegrenzten Stützungskäufen. Das ist die fundamentale Absicherung eines jeden Euromitglieds. Die damit verbundene Anfrage von Hilfen aus dem Stützungsfonds ESM mag politisch unangenehm sein. Aber das darf kein Kriterium von Geldpolitik sein. Die Staaten müssen nachhaltig wirtschaften.“

Schluss mit Nullzinsen

Einige Banken haben bereits die Zinsen für Tages- und Festgeldkonten erhöht. Nennenswerte Zinsen dürfte es vorerst jedoch kaum geben, hier sollten sich Sparerinnen und Sparer noch in Geduld üben. Durch die hohe Inflation bleibt der Realzins wohl noch über längere Zeit im negativen Bereich. Immerhin: Viele Banken haben bereits das Verwahrentgelt abgeschafft.

Kredite hingegen werden teurer, nicht nur für Staaten und Unternehmen, sondern auch für Privatpersonen. Insbesondere Baufinanzierungen haben bereits kräftig angezogen – „Die Durchschnittszinsen für zehnjährige Baufinanzierungen haben sich ausgehend von 0,8 Prozent zum Jahresstart fast vervierfacht und sind auf über 3 Prozent geklettert“, so Ingo Foitzik, Geschäftsführer Baufinanzierung beim Vergleichsportal Check24 gegenüber Rheinpfalz.de.