Von Thomas Brummer30. Juni 2022
Frank Fischer, Geschäftsführer der Shareholder Value Management AG.

Frank Fischer (Shareholder Value Management AG): Darum ist der klassische Value-Ansatz überholt

Ein modifizierter Value-Ansatz auf ETF-Basis, der nachhaltig ist. Frank Fischer, Geschäftsführer der Shareholder Value Management AG, stellt dieses neue Produkt im Gespräch vor.

Herr Fischer, beschreiben Sie bitte kurz, was sich hinter der Value-Geldanlage im Allgemeinen verbirgt?

Der Value-Grundgedanke im Allgemeinen beruht auf der Idee, für ein Unternehmen an der Börse weniger zu bezahlen, als es tatsächlich wert ist. In der klassischen Definition des Value-Investing von Benjamin Graham bedeutet dies, etwas mit einer Sicherheitsmarge zu kaufen, also beispielsweise 60 Cent auf den US-Dollar zu bezahlen, da der Börsenwert eines Unternehmens nicht immer seinen durch die Unternehmensanalyse ermittelten inneren Wert reflektiert. Dieser Ansatz basiert auf fundamentalen Kennzahlen wie Kurs/Gewinn- oder Kurs/Buchwert-Verhältnis.

Unserer Meinung hat dieser klassische Ansatz jedoch Schwächen, denn er berücksichtigt nicht die künftigen Perspektiven eines Unternehmens. Wenn ein Unternehmen ein schwaches Geschäftsmodell hat, ist es fraglich, ob sich die Bewertung ändert. Dann ist das Unternehmen zu Recht billig – und wird es auch bleiben. Wir nutzen deshalb einen Ansatz, den wir Modern Value nennen: nicht der Preis allein ist für uns entscheidend, sondern der Mehrwert, den wir als Investoren in Form von Dividenden, Aktienrückkäufen, Wachstum und Rendite auf reinvestiertes Kapital (ROIIC) dafür bekommen.

Sie bauen mit Ihrem neuen Frankfurter UCITS-ETF – Modern Value genau auf den beschriebenen modifizierten Value-Ansatz. Allerdings hinkt Value der Growth-Methode seit Jahren hinterher. Rechnen Sie also mit einem Value-Comeback?

Ich glaube, die strikte Trennung in Value- oder Growth-Aktien ist überholt. Wer legt fest, in welche Kategorie welche Aktie gehört? Wir sehen immer wieder, dass Aktien mal dem Growth und mal dem Value-Lager zugerechnet werden. Insofern hilft uns die Unterscheidung nicht weiter, damit ist auch die Frage, welcher Stil gerade vorne liegt, für uns nicht wichtig. Wir suchen nach Qualitätsaktien, die krisenresistent sind und uns langfristig eine Eigenkapitalrendite von 20 Prozent jährlich bieten.

Tipp: Hier findest du eine Auflistung von Value-ETFs.

Diese Qualitätsaktien zeichnen sich durch strukturelle Wettbewerbsvorteile, so genannte economic moats aus, verzeichnen eine positive Wachstumsdynamik, haben eine angemessene Verschuldung und sind idealerweise eigentümer- oder inhabergeführt. Das sind die Aktien, die wir bei Shareholder Value für all unsere Mandate suchen, und diese Titel bilden auch das Portfolio des Frankfurter UCITS-ETF – Modern Value.

Inwieweit unterscheidet sich denn dann der Frankfurter UCITS-ETF – Modern Value von ihren aktiv gemanagten Fonds?

Unsere Fonds sind als vermögensverwaltende Produkte angelegt. Unsere Anleger müssen sich keine Gedanken über die Situation an den Aktienmärkten machen, weil wir innerhalb der Fonds die Aktienquote aktiv steuern und ggf. noch andere Anlageklassen beimischen.

Der Frankfurter UCITS-ETF – Modern Value geht in eine andere Richtung. Er ist ein reiner, 100%iger Aktienbaustein und immer voll investiert. Wir haben immer wieder Anleger, die gerne unsere Aktienexpertise in Reinform haben wollen, weil sie die Asset Allokation in ihrem Portfolio selbst machen. Für diese Zielgruppe haben wir den ETF aufgelegt.

Der Frankfurter UCITS-ETF – Modern Value bildet den Frankfurter Modern Value Index (WKN: SL0DNF) ab. Den Index haben wir gemeinsam mit Solactive selbst entwickelt und schon im Sommer 2021 aufgelegt. Er umfasst die 25 besten Qualitätsunternehmen aus unserem Anlageuniversum.  Jedes Quartal findet ein Rebalancing statt. Auf diese Weise werden Aktien, die gut gelaufen sind, verkauft, und Aktien, die noch Potenzial haben, nachgekauft. Im Gegensatz zu anderen Indizes werden hier nicht nach Marktkapitalisierung die Verlierer, wie die Commerzbank, durch den nächsten Flop Wirecard ersetzt, sondern es fließen die laut unseren Analysten aussichtsreichsten Aktien ein. Auf diese Weise verknüpfen wir das Beste aus beiden Welten, indem wir die Liquidität und die Kostenstruktur eines ETFs mit unserer langjährigen Aktienexpertise kombinieren.

Zweifelsohne ein großer Trend ist das Thema Nachhaltigkeit. Welche Chancen sehen Sie in diesem Bereich in Bezug auf die Geldanlage?

Die Integration nachhaltiger Investmentkriterien ist heute vielfach die Grundvoraussetzung, um überhaupt am Markt agieren zu können. Auch wir haben unsere Produkte und somit auch den neuen ETF nach Artikel 8 der Offenlegungsverordnung klassifiziert. Ich glaube, dass es langfristig ohne solche Merkmale nicht gehen wird.

Trotzdem sollte man das Thema nüchtern betrachten: nachhaltige Kriterien allein machen noch kein Qualitätsunternehmen und auch keinen guten Fonds. Wir sind hier pragmatisch unterwegs, nachhaltige Kriterien sind bei uns Teil des Risikomanagements. Bestimmte Industriezweige laufen Gefahr, irgendwann zu „stranded assets“ zu werden. Auch die gesellschaftliche Akzeptanz verschiedener Geschäftsmodelle und -praktiken ist wichtig. Ein Unternehmen kann nicht gegen öffentlichen Widerstand langfristig erfolgreich sein. Insofern versuchen wir das, von vornherein zu vermeiden und haben zum Beispiel Glückspiel, Kernenergie, bestimmte Waffen, Kohle oder Fracking ausgeschlossen. Gut möglich, dass sich der Blickwinkel bei einigen Themen aufgrund der öffentlichen Debatte in den kommenden Jahren ändert, etwa was die Atomenergie angeht. Aber für uns gelten diese Kriterien zunächst.

Welche Trends sehen Sie grundsätzlich für das restliche Börsenjahr 2022?

Der Ukraine-Krieg und seine politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen werden für den Rest des Jahres bestimmend bleiben, hinzu kommen die hohe Inflation und zunehmende Lieferengpässe in vielen Bereichen. Ich glaube, dass eine Rezession nicht zu vermeiden sein wird, weil das Wirtschaftswachstum außerhalb Chinas zu schwach ist und die Notenbanken die Zinsen erhöhen müssen, um die Inflation in den Griff zu kriegen. Der weltweite Wachstumsoptimismus ist auf einem Tiefpunkt.

Wir sind an den Börsen nun quasi offiziell in einem Bärenmarkt. Ich halte eine kurze Sommerrally dabei aber nicht für ausgeschlossen, wenn die Rezession zu einer rückläufigen Inflation führt und die Erwartung steigt, dass die Notenbanken wieder Liquidität in den Markt geben. Ein nachhaltiges Ende des Bärenmarktes werden wir aber nur sehen, wenn die Zentralbanken tatsächlich Liquidität schaffen. Allerdings sollten wir dabei nicht übersehen, dass dieses Umfeld auch immer wieder Gelegenheiten schafft, um qualitativ gute Unternehmen mit einem krisenfesten Geschäftsmodell zu niedrigen Kursen zu kaufen. Von daher ist jetzt die Zeit der Stockpicker. Und deshalb passt auch unser Frankfurter UCITS-ETF – Modern Value als Aktienbaustein sehr gut in dieses Umfeld, denn er kombiniert die Vorteile eines ETFs mit dem Mehrwert eines fundamentalen Aktienresearch.