Zu viel Streuung: Kann man sein ETF-Depot überdiversifizieren?

Eine breite Streuung gilt als Erfolgsfaktor beim Investieren. Daran gibt es nichts zu rütteln. Allerdings besteht die Gefahr, zu stark zu diversifizieren. Wie viel Diversifikation ist genug?  

Diversifikation ist der wichtigste Erfolgsfaktor beim langfristigen Vermögensaufbau. John Bogle, Ray Dalio und selbst Warren Buffet plädieren für eine breite Streuung über kostengünstige Indexfonds (ETFs).

Vor lauter Motivation, diese Grundregel einzuhalten, begehen viele Privatanleger jedoch einen kritischen Fehler: Sie übertreiben es und schaden ihrem Portfolio mit einem überproportionalen Diversifikationsgrad. Was dahinter steckt, erläutern wir in diesem Beitrag.

Streuung: Warum macht Diversifikation Sinn?

Wer sein Kapital breit auf verschiedene Anlageklassen, Regionen und Branchen streut, minimiert Einzelrisiken. Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten vor 20 Jahren in den Reisekonzern TUI investiert. Ihr gesamtes Vermögen ist nun von der Entwicklung eines einzelnen Unternehmens abhängig. Bis heute hätten Sie einen Verlust von ca. 80 Prozent gemacht.

Warum reicht es nicht, nur langfristig zu denken? Weil das Umfeld einer Industrie und die Wachstumsvoraussetzungen einem dynamischen Veränderungsprozess unterliegt. Wer in verschiedene Unternehmen investiert, wird mit einigen von ihnen Verluste erzielen – diese werden jedoch von Gewinnen anderer Unternehmen aus anderen Regionen und Branchen ausgeglichen.

Aus dem Grund: Diversifizieren ist wichtig.

Tipp: In diesem Wissensbeitrag erfahren Sie alles zum Thema Diversifikation.

Wie kann ich mein Portfolio „überdiversifizieren“?

Eine Studie von Morningstar hat gezeigt, dass Privatanleger schnell überfordert sind, wenn Sie sich zu vielen Möglichkeiten konfrontiert sehen. Anstatt rational zu entscheiden, kaufen Sie „sicherheitshalber“ mehrere Optionen – ohne negative Effekte zu berücksichtigen.

Ein Beispiel: Macht aus Ihrer Sicht ein Investment in den MSCI World und den S&P 500 Sinn? Wahrscheinlich nicht. Im MSCI World ist der US-Markt mit über 65 Prozent bereits vertreten. Warum sollten Anleger dann noch zusätzlich in den S&P 500 investieren Dadurch steigen unnötigerweise die Korrelation und folglich das Klumpenrisiko in Ihrem Portfolio. Ihrem Vermögensaufbau bringt dieser zusätzliche Baustein absolut nichts.

Pro Anlageklasse sollten höchstens zwei ETFs gekauft werden. Bei Aktien wären das z.B. der MSCI World und der MSCI Emerging Markets – damit decken Sie den globalen Aktienmarkt ab.

Von dieser „naiven“ Diversifikation sind nicht nur Einsteiger betroffen. Auch Deutsche Bundesbank Präsident Jens Weidmann gab in einem Interview zu, dass er neben dem Eurostoxx 600 auch einen Dax-ETF hält – das ergibt keinen Sinn, da auch hier viele Dopplungen vorhanden sind (z.B. SAP).

Tipp: Mit den Tools und Funktionalitäten von extraETF haben Sie Ihr Depot stets im Blick und können es perfekt analysieren.

Risiken einer Überdiversifikation

Das sind die Schlüsselrisiken, die durch eine zu hohe Diversifikation entstehen:

Steigende Kosten

Je mehr Aktien oder ETFs Sie kaufen, desto höher sind auch Ihre Transaktionskosten. Gerade beim jährlichen Rebalancing machen sich diese schnell bemerkbar. Wenn Sie dazu noch in Wertpapiere investieren, die Ihrem Vermögensaufbau eher schaden als unterstützen, dann sind das unnötige Renditekiller.

Hohe Komplexität

Je breiter Sie streuen, desto schwieriger wird es für Sie, den Überblick über Ihrer Investments zu behalten. Das Gesetz des abnehmenden Grenznutzen gilt auch für die Diversifikation. Sie erhöhen die Komplexität Ihrer Geldanlage, ohne davon zu profitieren.

Portfolios sind schwer zu managen

Besonders Anleger, die in Einzelaktien investieren, landen schnell in einer Situation, in der Sie Ihre Geldanlage nicht mehr effizient steuern können. Der Zeitaufwand steht dann in keinem Verhältnis mehr mit dem Ertrag. Besonders in turbulenten Phasen kann dies zu sehr viel Stress führen. Weniger ist manchmal mehr.

Wie viel Diversifikation ist genug?

Lassen Sie uns kurz einen Blick auf Einzelaktien werfen. Forschungsergebnisse legen nahe, dass bereits 15-20 Aktien innerhalb einer Region für einen ausreichenden Diversifikationseffekt sorgen. Die Annahme ist, dass Sie die Aktien gleich gewichten. 20 Aktien würden einen ähnlichen Effekt realisieren wie 1.000 Aktien.

Vorsicht: Hierbei handelt es sich nur um eine Daumenregel. Je nach Region, Branche und Anlageklasse kann die notwendige Anzahl an Wertpapieren abweichen.

ETFs sind kostengünstige Indexfonds, die im einen gesamten Markt oder Industrie abdecken. Dadurch, dass sie eine passive Ausrichtung haben und keine Stock-Picking Strategien verfolgen, sind sie besonders kostengünstig und ermöglichen eine effiziente Diversifikation. Pro Anlageklasse genügt hier ein ETF – bei einer globalen Streuung dürfen es auch zwei bis drei ETFs sein. Den globalen Aktienmarkt können Sie z.B. mit einem MSCI World und dem MSCI-Emerging Markets ETF abdecken.