Schuldenkrise

Krisenländer mit unterschiedlichen Perspektiven

Dank der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) befinden sich die Aktienmärkte und Anleihenkurse der krisengeplagten Euro-Staaten im Aufwind. Anleger sollten nicht vorschnell auf den fahrenden Zug aufspringen, denn die Risiken sind nach wie vor groß.

Manche bezeichnen ihn als den mächtigsten Mann Europas, andere nennen ihn einfach Super-Mario. Die Rede ist von Mario Draghi, der als Chef der EZB in diesem Jahr eine Politik der ruhigen Hand umsetzen will. Weitere geldpolitische Maßnahmen hat er nicht geplant. Stattdessen will er auf die Selbstheilungskräfte der Märkte setzen. Vielleicht ist Draghi einen Tick zu optimistisch. Denn die Perspektiven der hoch verschuldeten Euro-Länder sind ziemlich trist. Aber abgesehen davon glauben die meisten Marktteilnehmer, dass die Euro-Zone dank der Interventionen der EZB nicht zerbrechen wird.

Rallye an den Aktienmärkten

KrisenländerMit ETFs auf die Aktienindizes von Portugal, Italien, Spanien und Griechenland konnten Anleger seit Anfang September 2012 viel Geld verdienen. Der Startschuss für die Rally an diesen Märkten war die Ankündigung Draghis, dass die EZB Anleihen der Euro-Krisenländer in unbegrenztem Umfang kaufen wird. Danach ist zum Beispiel der spanische Leitindex IBEX 35 innerhalb von vier Monaten um etwa 40 Prozent gestiegen. Noch besser entwickelte sich im selben Zeitraum der ASE General Index – das griechische Kursbarometer stieg um rund 48 Prozent. Betrachtet man die Entwicklung seit 1. Januar 2012, sieht es anders aus. Seither kletterte der IBEX 35 lediglich um ein Prozent nach oben. Der griechische Leitindex notiert hingegen um knapp 44 Prozent über seinem Niveau von Anfang 2012. Zum Vergleich: Der Stoxx Europe 600 ist seither um 19,2 Prozent gestiegen.

Risikobereitschaft hat zugenommen

Charttechnisch ist an den Aktienmärkten der hoch verschuldeten Euro-Nationen alles im grünen Bereich. Und daran dürfte sich in den kommenden Monaten nichts ändern. Schließlich ist die Verunsicherung der Marktteilnehmer fast vollständig verschwunden. Einer der Gründe hierfür ist die Tatsache, dass die Krisenländer ihre Bonds inzwischen wieder problemlos platzieren können. Überdies würden Euro-Staaten im Falle von extremen Liquiditätsengpässen Geld vom Euro-Rettungsschirm ESM bekommen. Last but not least hat die Risikobereitschaft vieler Anleger zuletzt zugenommen.

Griechenland in der Rezession

Unter fundamentalen Aspekten ist erwähnenswert, dass die US-Ratingagentur Standard & Poor’s Griechenlands Bonitätsnote im Dezember um sechs Stufen auf B-/B hochgestuft hat. Zudem hat die Regierung des Mittelmeerstaates jüngst Steuererhöhungen beschlossen und Steuerausnahmen abgeschafft. Infolgedessen erfüllt das Land nun die Voraussetzungen für die Auszahlung von Krediten mit einem Gesamtvolumen von 14,7 Milliarden Euro. Ministerpräsident Antonis Samaras verkündete zudem, dass 2013 für Griechenland „das Jahr der Wende“ wird. Tatsächlich ist jedoch kein Licht am Ende des Tunnels in Sicht. Aktuellen Prognosen zufolge wird die Wirtschaftsleistung Griechenlands in diesem Jahr um 4,2 Prozent schrumpfen.

Arbeitslosigkeit wird zunehmen

Eines haben die vier Krisenländer gemeinsam – und das ist eine hohe Arbeitslosigkeit. In Spanien beträgt die Erwerbslosenquote derzeit 26,6 Prozent. Diese Quote wird laut Fachleuten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young 2013 auf über 27 Prozent steigen. In Portugal erwarten die Experten 2013 einen Anstieg der Quote von 16 auf 17 Prozent. In Griechenland waren im vergangenen Oktober 26,8 Prozent der Bevölkerung arbeitslos.

Sparmaßnahmen helfen nicht

Der Marktstratege Rober Halver von der Baader Bank bezeichnet die Situation in Griechenland und Portugal als „fatal“. „Diese Länder werden vor allem wegen ihrer gravierenden Standortnachteile wie der großen Hitze im Sommer und einer für Unternehmen teuren Sozialgesetzgebung nie mit erfolgreichen Industrienationen wie Deutschland, Holland und Polen konkurrieren können“, sagt der Analyst in einem Gespräch mit dem EXtra-Magazin. Ergänzend fügt er hinzu: „Aufgrund von Spardiktaten werden diese Euro-Staaten nicht auf den Wachstumspfad zurückkehren.“ Theoretisch möglich wäre dies laut Halver eventuell durch Investitionen von Ausländern, wodurch Arbeitsplätze geschaffen werden. Damit darf jedoch zumindest in Griechenland nicht gerechnet werden, denn mittelfristig könnte das Land aus der Euro-Zone austreten.

In Portugal und insbesondere Griechenland könnte es infolge der extremen Sparmaßnahmen zu massiven sozialen Problemen kommen, auf die die jeweilige nationale Politik reagieren müsste. Politik hat immer für Perspektive für die Bevölkerung zu sorgen. Ist dies nicht zu gewährleisten, sollte man sich die möglichen gravierenden sozialen und politischen Konsequenzen mit Blick auf die deutsche Geschichte nach den „Hungerjahren“ ab 1929 ansehen. Das wird die jeweilige nationale Politik immer berücksichtigen müssen. „Abgesehen davon sind Portugal und Griechenland schlichtweg Dauerpatienten, die am finanziellen Tropf der EZB beziehungsweise des Euro-Rettungsschirms hängen“, betont der Analyst.

Berlusconis Comeback wäre negativ

„In der Euro-Zone wollte man Länder mit sehr unterschiedlichen Chancen und Risiken unter einen Hut bringen, der auch noch die eindeutige Farbe der Stabilität tragen sollte. Dieses Vorhaben ist gescheitert. Überdies haben die Krisenländer der Euro-Zone nun nicht mehr die elegante Möglichkeit, sich durch eine Währungsabwertung Wettbewerbsvorteile gegenüber den starken Industrienationen zu verschaffen“, erklärt Halver. In den südlichen Euro-Ländern sieht der Experte auch kaum Chancen für massive Reformen, die zu einer signifikanten Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beitragen könnten. Immerhin ist der Stratege verhalten optimistisch bezüglich der Konjunkturentwicklung in Italien. Seine Einschätzung begründet Halver unter anderem damit, dass es in Norditalien viele gut geführte Industrieunternehmen gibt. „Negativ wäre allerdings, wenn Silvio Berlusconi in Italien wieder eine tragende politische Rolle spielen würde, da er auf weitere Reformen verzichten und die Schulden des Landes nach oben treiben würde und ein grundsätzliches Euro-Risiko darstellt“, meint der Stratege.

Mutige Anleger setzen auf Südländer

Unter Berücksichtigung aller Faktoren stehen die Chancen gut, dass sich die Aktienmärkte Spaniens und Italiens in diesem Jahr besser als der DAX entwickeln werden. Denn eine Fortsetzung oder gar eine Eskalierung der Euro-Krise wird geldpolitisch verhindert. Zudem haben die Kurse der Anleihen dieser Euro-Staaten Potenzial nach oben, zumal institutionelle Investoren weiterhin bei diesen Papieren aus Renditeüberlegungen zugreifen werden. Daher eignen sich Aktien- und Anleihen-ETFs auf Spanien und Italien als Depotbeimischung für mutige Anleger. Auf die Märkte in Portugal und Griechenland sollten allerdings nur sehr risikofreudige Spekulanten setzen, und wenn, dann genießen Aktien Priorität.

 

Mit diesen ETFs können Sie in die Aktien- und Rentenmärkte der Peripheriestaaten investieren

Index  KAG TER Volumen
WKN
PSI 20 ComStage 0,35 % 25,81 Mio. € ETF047
FTSE MIB db x-trackers 0,30 % 131,22 Mio. € DBX1MB
FTSE Athex 20 Lyxor 0,45 % 65,81 Mio. € LYX0BF
MSCI Spain Amundi 0,25 % 33,78 Mio. € A0REJT
Barclays Italy Tre. Bond iShares 0,20 % 203,77 Mio. € A1J0BF
Barclays Spain Tre. Bond iShares 0,20 % 92,78 Mio. € A1J0BH