Von Timo Baudzus17. Februar 2022
Lars Erichsen sieht Chancen im Bärenmarkt.

Lars Erichsen: Wo der Börsenprofi im Bärenmarkt die besten Chancen sieht

Lars Erichsen lebt von der Börse und ist einer der versiertesten Investoren Deutschlands. Im Interview mit extraETF ordnet Erichsen die aktuelle Marktlage ein – und erklärt, wo sich aktuell Chancen bieten. 

Lars Erichsen ist einer der bekanntesten Profianlager Deutschlands. Mit den YouTube-Kanälen Erichsen und Tradermacher begeistert er tausende Privatanleger für das Investieren an der Börse. Lars Erichsen nutzt sowohl die sogenannte Charttechnik für kurzfristige Trades als auch die Fundamentalanalyse für langfristige Investitionen. Hier erklärt Lars Erichsen, wie er die aktuelle Börsensituation einschätzt – und wo sich aktuell große Chancen auftun.

Lars, du bist seit über 25 Jahren an der Börse aktiv und lebst auch davon. Viele Menschen in Deutschland haben erst innerhalb der letzten zwei Jahre den Weg an die Börse gefunden. Was sind die wichtigsten Learnings, die du Einsteigerinnen und Einsteigern mit auf den Weg geben kannst?

Der erste Punkt wäre, dass man an der Börse nicht zwangsläufig aktiv traden muss, um Erfolg zu haben. Man kann auch einfach einen ETF-Sparplan anlegen und damit sehr gut fahren. Grundsätzlich habe ich auch nichts gegen aktive Fonds, aber ETFs schlagen Fonds auf der Kostenseite praktisch immer. Und deswegen kann man auch die pauschale Empfehlung für ETFs aussprechen. So kann wirklich jeder in die Sachwertklasse Aktien investieren, egal ob Schüler, Azubi oder Student. Meine erste Empfehlung ist, sich am Anfang damit auseinanderzusetzen, wie Aktien im langfristigen Vergleich abgeschnitten haben. Das ist extrem wichtig, denn in guten Zeiten – so wie in den letzten 18 Monaten oder langfristig seit 2009 – ist es relativ leicht am Ball zu bleiben, weil es da im Wesentlichen nur nach oben ging mit den Kursen. Entscheidend ist aber, dass man nicht verkauft, wenn die Kurse mal fallen, also in einem Bärenmarkt. 

Gutes Stichwort! Seit einigen Monaten sind die Aktienkurse in einer Abwärtstendenz. Befinden wir uns aktuell bereits in einem Bärenmarkt? 

Wenn man diverse Indikatoren zu Rate zieht, dann könnte das tatsächlich sein. Wichtig ist aber, dass sich der Bärenmarkt aktuell noch begrenzt auf die Tech-Werte, also auf Aktien im Nasdaq 100, und hier insbesondere auf die Tech-Werte aus der zweiten und dritten Reihe. Wir haben in den letzten Monaten eine starke Rotation gesehen – raus aus Wachstum, rein in Value

Hängt das alles mit der Inflation und der Angst vor Zinsanhebungen der Notenbanken zusammen?

Das ist jedenfalls ein gewichtiger Faktor. Wir haben aktuell stark steigende Inflationsraten, von denen die Notenbanken glauben, sie seien temporär. Deswegen sind die Notenbanken auch „behind the curve“, also sie ziehen die Zinsen nicht so stark an, wie es normalerweise geboten wäre. Das ist ein Umfeld, das wir in den letzten Jahren einfach nicht hatten. Das bedeutet, dass eine Disziplin wie Stock Picking wieder wichtiger wird. Es wird einen Riesenunterschied machen, gerade für den aktiven Anleger, in welchen Märkten er investiert ist.

Lars Erichsen: „Rohstoffe sind der Inflationsschutz Nummer eins“

Lars Erichsen: Seit mehr als 25 Jahren an der Börse erfolgreich.
Lars Erichsen: Seit mehr als 25 Jahren an der Börse erfolgreich.

 

Welche Märkte und Sektoren sind aus deiner Sicht interessant?

Der Gedanke, dass die Zinsen nicht allzu weit steigen können aufgrund der Verschuldung vieler Staaten, ist nicht grundsätzlich verkehrt. Aber bleibt die Inflation bei 4 bis 6 Prozent und die Zinsen steigen auf 2 Prozent, dann entschulden sich einige hochverschuldete Staaten – und die Notenbanken praktischerweise gleich mit. In so einem Umfeld werden Banken und Versicherungen interessant, aber auch Rohstoffwerte und möglicherweise auch der Ölsektor, wenn man es denn etwas spekulativer haben möchte. 

Warum findest du Rohstoffe so spannend?

Rohstoffe sind der Inflationsschutz Nummer eins.  Ich glaube, dass wir sowohl im Bereich der Industriemetalle aber auch des Ölmarktes einen Effekt sehen werden, der selbst in diesen hohen Kursen noch nicht eingepreist ist. Insbesondere ist das Angebot relativ starr. Die Öl-Produktion kann nicht mal eben um 10, 20 oder 30 Prozent erhöht werden. Die Reserven sind sowieso schon weitestgehend ausgeschöpft. Und wenn dann noch eine erstarkende Wirtschaft dazukommt, dann ist das etwas, was meines Erachtens in den Kursen noch gar nicht eingepreist ist. Auch wenn Öl bereits ziemlich gut gelaufen ist, sind zwischenzeitliche Korrekturen möglicherweise interessante Investitionsmöglichkeiten. Viele Öl-Aktien sind aktuell übrigens so bewertet, als ob der Ölpreis innerhalb der nächsten Monate wieder auf 60 oder 70 Dollar fällt, vielleicht sogar darunter. Das ist zumindest eine spekulative Chance aus meiner Sicht.

Lass uns doch mal kurz auf die Tech-Werte zurückkommen, insbesondere auf die zweite und dritte Reihe. Dort hat es zum Teil exorbitante Kursrückgänge gegeben. Wenn du jetzt die ETF-Anleger Brille aufsetzt: Würde es Sinn machen, auf diese Aktien einen ETF-Sparplan aufzusetzen? 

Auf langfristige Sicht entsteht hier gerade eine Chance. Aufgrund der hohen Volatilität muss das aber auch wirklich ein sehr langfristiger Ansatz sein. Viele kleinere Tech-Werte sind selbst nach den Kursstürzen immer noch mit ihren Bewertungen oberhalb der Durchschnittswerte, die sie vor der ganz großen Rally im Jahr 2021 hatten. Das heißt, sie sind noch immer nicht schreiend günstig. Es könnte also durchaus noch einmal ein großer Rutsch nach unten kommen. Man sollte daher vorsichtig in Tranchen investieren. Und auch nur dann, wenn man mit temporären Kursrückgängen von 30 bis 40 Prozent mental umgehen kann. Dann macht das Investieren über Sparpläne definitiv Sinn. 

Wie ist denn deine Einschätzung zu Bitcoin aktuell?

Es ist noch gar nicht lange her, nur ein paar Monate, da wollten manche Anleger Kredite aufnehmen, weil sie überzeugt waren: „Der Bitcoin schießt jetzt auf 100.0000 Dollar.“ Dann sind wir binnen weniger Wochen über 50 Prozent vom Hoch runtergekommen. Jetzt sind wir allerdings wieder bei 43.000 Dollar und eine Ausdehnung dieser Bewegung in Richtung 50.000 Dollar halte ich durchaus für möglich. Wäre der Ausverkauf weiter gegangen, hätte es aber auch in Richtung 27.000 Dollar gehen können. Und das Risiko besteht nach wie vor. Eine valide Prognose über kurzfristige Kursmarken lässt sich da aktuell nicht abgeben. Ich bin in Bitcoin langfristig investiert und hoffe insofern natürlich, dass er langfristig steigt. 

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