Wertpapierhandel zum Nulltarif: Low-Cost-Broker mischen den Markt auf

Wer wissen möchte, wie es hierzulande weitergeht, bemüht den Blick über den großen Teich, denn neue Trends und Geschäftsmodelle, die zuerst in den USA entwickelt werden, bevor sie nach Europa (bzw. Deutschland) schwappen, sind keine Seltenheit. Derzeit sorgen insbesondere US-Broker für Aufsehen.

Seitdem das kalifornische Start-Up Robinhood vor sechs Jahren mit der Mission durchstartete, den Markt der etablierten Online-Broker aufzumischen und zum ersten Mal Aktienhandel zum Nulltarif ermöglichte, locken immer mehr Anbieter mit null (oder sehr geringen) Gebühren beim Online-Handel von Aktien. Jagen sie so den angestammten Brokern ihre Marktanteile ab?

Bewegung im Markt

Charles Schwab, einer der größten (klassischen) US-Broker erhebt seit vergangenen Herbst ebenfalls keine Gebühren mehr und hat jetzt auch noch seinen größten Konkurrenten TD Ameritrade für satte 26 Milliarden US-Dollar geschluckt. Zusammen erwächst aus beiden Brokern ein neuer „Gigant auf dem Markt”, der sich von dem Zusammenschluss vor allem Kostenersparnisse sowie Wettbewerbsvorteile erhofft.

Auch hierzulande ist der Konkurrenzkampf im Brokermarkt groß. Die Commerzbank (► Zum Testbericht) übernimmt derzeit ihre Tochter Comdirect (► Zum Testbericht) und erhofft sich vor allem Synergieeffekte, um das Online-Geschäft auszubauen. Das ist jedoch nicht die einzige Übernahme, die derzeit in Frankfurt abgewickelt wird: Der Online-Broker Flatex (► Zum Testbericht), einer der ersten auf dem deutschen Markt, wickelt derzeit den Kauf des niederländischen Brokers Degiro ab und will damit neue Märkte in Deutschland und Europa erschließen. 

Low-Cost-Broker auf Kundenfang

Überdies hat Flatex angekündigt, ab dem 1. März 2020 die kostenlose Depotführung zu beenden und eine jährliche Depotgebühr von 0,119 Prozent des Kurswertes der verwalteten Wertpapiere einzuführen. Überraschenderweise zu einem Zeitpunkt, an dem sogenannte „Low-Cost-Broker” wie Smartbroker, Gratisbroker, Trade Republic (► Zum Testbericht) oder Justtrade mit extrem niedrigen Gebühren und kostenfreien Angeboten am deutschen Markt auf Kundenfang gehen. Mit Erfolg?

Da der Konkurrenzkampf im Brokermarkt vor allem über Gebührensenkungen ausgetragen wird, stehen die Broker vor einem Dilemma: Auf der einen Seite verdienen sie durch Wertpapiertransaktionen immer weniger Geld, auf der anderen Seite müssen sie hohe Investitionen tätigen, um technologisch auf der Höhe zu bleiben und die wachsenden (digitalen) Bedürfnisse ihrer Kunden zu befriedigen.

Das wirft die Frage auf: Wie und warum können Low-Cost-Broker so niedrige Kosten anbieten? Nur weil sie ein eingeschränktes Angebot haben? Um die Frage zu beantworten, hat extraETF.com das Angebot von Smartbroker, Gratisbroker, Trade Republic und Justtrade etwas genauer unter die Lupe genommen. (vgl. Grafik)

Gebühren und Handelsplätze der Low-Cost-Broker

Das Angebot von Smartbroker, Gratisbroker, Trade Republic und Justtrade im direkten Vergleich.
Quelle: extraETF.com (Stand 01/2020)

Gemeinsamkeiten der Low-Cost-Broker

Die Depotführung ist bei allen Low-Cost-Brokern völlig kostenfrei. Wie können sie sich das leisten? Die zentrale Idee hinter den Low-Cost-Brokern ist, ihren Kunden ein gutes Angebot bereitzustellen, es aber gleichzeitig einzuschränken. Durch diese Einschränkungen weisen die Low-Cost-Broker deutlich weniger Produkte auf, die sich auch an weniger Börsen handeln lassen. Dadurch können sie aber günstigere Konditionen anbieten als klassische Banken.

Trade Republic – Jeder Handel ein Euro

Der Low-Cost-Broker Trade Republic zeichnet sich vor allem durch ein sehr einfach zu verstehendes Geschäftsmodell aus: Jede Transaktion kostet einen Euro – immer. Beim Konkurrenten Smartbroker (► Zum Testbericht) sind es vier Euro pro Transaktion. Das erleichtert es Anlegern, auch mal kleine Transaktionen durchzuführen und schneller zu traden, da die Gebühren im Vergleich zu klassischen Banken (zehn Euro pro Transaktion und mehr) deutlich geringer sind. 

Dazu ein Beispiel: Wenn man 5000 Euro investiert und einen Gewinn von sagen wir 50 Euro eingefahren hat, könnte man das Wertpapier kostengünstig verkaufen. Bei Trade Republic würden bei diesem Szenario zwei Euro Gebühren anfallen, ein Euro für den Kauf ein Euro für den Verkauf. Bei Smartbroker würden acht Euro anfallen. Zum Vergleich: Bei der DKB (► Zum Testbericht) würden schon 20 Euro anfallen. Bei Comdirect sogar 34 Euro. Der Gewinn würde von den Ordergebühren bei klassischen Brokern also deutlich geschmälert.

Justtrade und Gratisbroker – Handel zum Nulltarif

Bei Justtrade und Gratisbroker entfällt die Ordergebühr sogar komplett, aber man muss mindestens für 500 Euro oder mehr Wertpapiere kaufen bzw. verkaufen, damit keine Gebühren anfallen. Dadurch dass bei Low-Cost-Brokern alles mit spitzer Feder kalkuliert ist, müssen Kunden generell gewisse Einschränkungen hinnehmen, insbesondere was das Angebot an Produkten und die Börsenplätze anbelangt.

Low-Cost-Broker handeln an wenigen Börsenplätzen – anders der Smartbroker

Die Finanzprodukte von Trade Republic sind bislang nur an einem einzigen Börsenplatz handelbar: LS Exchange. Ein Handel bei der Frankfurter Börse oder bei Xetra wird nicht angeboten. Bei Justtrade ist das Angebot schon etwas ausgeweitet: Anlegern stehen zwei Handelsplätze und zwei außerbörsliche Partner zur Verfügung. Gratisbroker bietet wiederum nur einen Handelsplatz: Gettex, das außerbörsliche Handelssystem der Börse München. 

Nur Smartbroker tanzt hier aus der Reihe: Die Depots bei Smartbroker werden von der DAB Bank (BNP Paribas) verwaltet und somit stehen Anlegern alle Inlandsbörsen, 16 außerbörsliche Plätze und 19 Auslandsbörsen zum Handeln offen. Im Sinne von möglichen Handelsplätzen ist das Angebot also umfangreich, aber das hat natürlich seinen Preis: Smartbroker ist im Vergleich um 3 bis vier Euro pro Transaktion teurer als die anderen Low-Cost-Broker, aber immer noch wesentlich günstiger als die meisten etablierten Broker. Das zeigt: Je komplexer das Angebot wird, desto teurer wird in der Regel auch der Broker.

Wie begrenzt ist das Angebot der Low-Cost-Broker?

Bei allen Low-Cost-Brokern können Aktien, Fonds, ETFs, Anleihen und Zertifikate gehandelt werden. Auch kostenlose ETF-Sparpläne gehören zum Angebot. Die wesentliche Einschränkung besteht darin, dass die ETF-Produkte nur von ausgewählten ETF-Anbietern gehandelt werden können, aber keineswegs von allen Anbietern. Klein ist das Angebot aber trotzdem nicht:

  • Bei Trade Republic sind 500 ETFs von iShares handelbar, 300 ETFs davon sind sparplanfähig.
  • Bei Justtrade stehen Anleger rund 1.000 ETFs (inklusive ETCs) zur Verfügung. Sparpläne sollen erst noch kommen.
  • Bei Gratisbroker sind 300 ETFs von DWS und neuerdings auch von Amundi handelbar – Sparpläne werden (noch) nicht angeboten.
  • Beim Smartbroker gibt es 604 ETFs im Rahmen eines Sparplans, wovon sogar aktuell 295 ETFs der Anbieter Amundi, Xtrackers, Lyxor und iShares kostenfrei angespart werden können.

Unterschied zu klassischen Banken

Trade Republic arbeitet mit HSBC als Abwicklungsbank. Justtrade vermittelt ihre Kunden an die Sutor Bank, Gratisbroker an die Baader Bank AG. Smartbroker arbeitet mit der DAB, einer Tochter von BNB Paribas zusammen. Da die Low-Cost-Broker also allesamt mit Banken zusammenarbeiten, die schon seit langem etabliert sind, müssen Anleger auf die wichtigsten „Basics” nicht verzichten. Themen wie die Jahressteuermitteilung, Berechnung der Abgeltungsteuer oder Freibeträge sind klar geregelt wie bei jeder anderen Bank auch. Wesentliche Einschränkungen liegen eher beim Service – insbesondere bei der persönlichen Betreuung oder Beratung. 

So können Anleger bei den Low-Cost-Brokern lediglich Wertpapiere handeln. Klassische Banken bieten ihren Kunden ein Girokonto und / oder Kreditkarten. Dort können Anleger auch aktive Fonds kaufen oder ein Robo-Advisor-Angebot nutzen. Unterm Strich bieten klassische Banken also viele Service-Angebote, die Low-Cost-Broker nicht bieten können bzw. auch gar nicht bieten wollen.

Fazit: Das Geheimnis der günstigen Kosten

Denn dass die Low-Cost-Broker ihr Produktangebot und die Auswahl der Börsenplätze einschränken, folgt natürlich einem Kalkül und damit ist das „Geheimnis der günstigen Kosten“ im Grunde schon gelöst: Die Börsen bzw. Handelsplätze zahlen für jede erfolgreich vermittelte Order Rückvergütungen an die Broker. Viele klassische Banken behalten die Vergütung für sich und verlangen vom Kunden eine eigene Gebühr für jede auszuführende Order. 

Anders die Low-Cost-Broker: Diese verwenden die Rückvergütungen der Börse (zumindest zum Teil) dafür, um die Orderprovisionen und Depotgebühren dauerhaft gering zu halten. Der verbleibende Teil der Rückvergütungen wird in den Ausbau und die kontinuierliche Verbesserung des (digitalen) Angebots investiert. Und da es sich bei den Low-Cost-Brokern um seriöse Unternehmen handelt, stellen sie mit Sicherheit eine Bereicherung für Privatanleger dar, allein weil sie für ordentlich Wettbewerbsdruck sorgen. Doch das können sie auf Dauer natürlich nur aufrechterhalten, wenn sie eine nennenswerte Anzahl an Kunden gewinnen. Denn am Ende verdienen Low-Cost-Broker ihr Geld dann, wenn sie viele Kunden haben, die möglichst viele Transaktionen ausführen. Dann – und nur dann – können sie ihr Angebot niedrig halten oder gar kostenlos anbieten.

Tipp: Letzten Endes kommt es bei der Wahl des richtigen Brokers auf die persönlichen Wünsche des Anlegers an. Wer mit einem geringeren Angebot und Service zufrieden ist, für den wird ein Low-Cost-Broker die ideale Wahl darstellen. Andere Anleger stellen jedoch andere, höhere Anforderungen an ihren Broker. Hier finden Sie einen ausführlichen Vergleich und Test aller ETF-Broker.

Am 27.01.2020 veranstaltet extraETF ein kostenloses Webinar: „Low-Cost-Broker im Vergleich“. Hier geht‘s zur Anmeldung.