Paradigmenwechsel im Jahr 2013

Paradigmenwechsel im Jahr 2013

 

Vor Kurzem schrieb mir ein Freund und Kollege aus der Auto-Zulieferindustrie in einem Weihnachtsgruß: „Die Eurokrise ist vorbei. Jetzt müssen wir die Konjunkturdelle in Deutschland und das Konjunkturtal in Europa bewältigen. Verdammt harte Arbeit.“ Ich war über diese knappe und etwas harsche Formulierung zunächst überrascht. Je länger ich aber darüber nachdenke, umso mehr habe ich aber den Eindruck, dass sie den Paradigmenwechsel, vor dem wir am Jahresende stehen, genau auf den Punkt bringt.

2012 war das Jahr der Eurokrise. Unter großen Schmerzen wurden die Reform- und Konsolidierungsmaßnahmen in den einzelnen Schuldnerländern eingeleitet und es wurden institutionelle Rettungsschirme installiert. Das hat gewirkt. Die Krise ist zwar noch nicht zu Ende. Sie wird uns auch noch manche Kopfschmerzen bereiten. Das Hauptthema des kommenden Jahres ist jedoch ein anderes: Es ist die schwache Konjunktur.

Nachdem ich in den vergangenen Wochenkommentaren immer wieder auf Einzelaspekte der wirtschaftlichen Entwicklung eingegangen bin, möchte ich heute einen Blick auf das Ganze lenken. Hier ein paar Highlights des Jahres 2013, wie ich es sehe.

Wachstum

KunjunkturabschwungWachstum: Anders als von vielen erwartet, wird sich die Wirtschaft im kommenden Jahr nicht erholen, sondern sich weiter abschwächen. Das gilt global und regional. Die Weltwirtschaft wird im kommenden Jahr dank des Fiscal Cliff in den USA, des niedrigeren Wachstums in China und natürlich auch wegen der Probleme in Europa nur noch um 2,5 % wachsen (2012: 3,3 %). In Euroland wird es aufgrund der anhaltenden Sparanstrengungen noch einmal eine Rezession geben (2012: -0,4 %). Für Deutschland rechne ich mit Stagnation (2012: 0,7 %). Das ist der Preis der Krise. Der Abschwung wird nicht so stark sein wie 2009. Er ähnelt eher dem der Jahre 2000 bis 2002 oder 1991 bis 1993 (siehe Grafik). Ob es danach 2014 gleich wieder nach oben geht (womit alle rechnen), ist unsicher. Nach meiner Ansicht wird dann aber die Rezession in den gebeutelten Peripheriestaaten Europas zu Ende sein.

Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit: Die Arbeitslosigkeit wird wieder ansteigen. Trotz der erreichten strukturellen Verbesserungen am Arbeitsmarkt und trotz der demographisch abnehmenden Zahl der Erwerbstätigen wird sie in Deutschland wieder auf über 3 Millionen gehen. Das hat auch Auswirkungen auf die Lohnentwicklung. Ich rechne damit, dass die Lohnerhöhungen niedriger als 2012 ausfallen werden.

Preise

Preise: Die Inflationsrate, die sich in Euroland in den letzten Jahren hartnäckig über 2 % gehalten hat, wird unter 2 % fallen. Dazu trägt einmal ein Rückgang der Rohstoffpreise aufgrund der schlechteren Weltkonjunktur bei. Zum anderen spielt eine Rolle, dass die Unternehmen bei schwächerer Konjunktur Kostensteigerungen nicht mehr so gut auf die Abnehmer überwälzen können. Für Sparer, die unter den niedrigen Zinsen leiden, ist das eine gute Nachricht.

Geldpolitik

Geldpolitik: Die Europäische Zentralbank wird den Leitzins als Reaktion auf die schlechtere Konjunktur und die niedrigeren Preissteigerungen (nicht wegen der Eurokrise) um ein Viertelprozentpunkt senken. Er liegt damit immer noch höher als in den USA, in Japan oder in der Schweiz. Der Zins für die Einlagenfazilität wird vermutlich nicht angepasst, weil er sonst negativ würde.

Kapitalmarktzinsen

Kapitalmarktzinsen: Die Renditen für 10-jährige Bundesanleihen sind mit 1,3 % schon sehr niedrig. Ich kann mir vorstellen, dass sie in dem ungünstigen gesamtwirtschaftlichen Umfeld, vielleicht auch als Reaktion auf eine weitere Zinssenkung durch die EZB, noch etwas weiter zurückgehen. Die vergleichbaren Renditen in der Schweiz liegen heute bei 0,3 %. So niedrige Zinsen erschienen noch vor ein, zwei Jahren für Deutschland gänzlich unvorstellbar. Wenn sich jedoch die Geldentwertung zurückbildet (in der Schweiz sinken die Preise absolut), dann sieht das Ganze anders aus.

Wechselkurs

Wechselkurs: Der Euro hat Potenzial nach oben. Was für ihn spricht, ist erstens die Erfahrung, dass er trotz aller Unkenrufe nicht zerbrochen ist. Hedge-Fonds werden es sich drei Mal überlegen, bevor sie noch einmal gegen den Euro spekulieren. Zweitens wird Euroland 2013 einen Überschuss in der Leistungsbilanz aufweisen, die USA ein Defizit. Drittens sind die Zinsen höher als in den USA. Konjunkturell stecken sowohl die USA als auch Europa in einem Tief.

Aktien

Aktien: Natürlich wird es an den Märkten zunächst schwierig, weil die Kurse so lange gestiegen sind und weil sich der DAX der magischen Grenze von 8.000 nähert. Auch schlechte Konjunkturnachrichten drücken auf die Kurse. Der DAX kann also noch einmal auf unter 6.000 fallen. Andererseits gibt es die Erleichterung, dass das Schlimmste in der Eurokrise überwunden ist. Europa steht im weltweiten Vergleich durch seine Strukturreformen besser da als andere Regionen. Zudem gibt es viel Liquidität. Anleger haben bei den niedrigen Zinsen wenig Alternativen zu Aktien. Es gibt einen großen Nachholbedarf an Aktien bei privaten und institutionellen Investoren. Ein Stand von 8.500 beim DAX in einem Jahr ist unter diesen Umständen durchaus realistisch. Renner werden die Unternehmen sein, die flexibel auf Nachfrageschwankungen reagieren können.

Für den Anleger

Anlagenotstand bleibt auch 2013 ein Thema. Die Zinsen sind niedrig und können die Inflationsverluste nicht ausgleichen. Investoren sind auf Aktien angewiesen. Da es hier speziell in Europa aber gute Aussichten gibt, könnte 2013 noch einmal ein ordentliches Anlagejahr werden. Ich bleibe – allerdings mit ein bisschen Zittern – optimistisch.

© 12. Dezember 2012 /Martin Hüfner