Von Timo Baudzus15. März 2022
Aktienfinder

Torsten Tiedt von Aktienfinder: "In die Emerging Markets zu investieren, ist immer noch sinnvoll"

Mit der Plattform Aktienfinder.net hilft Torsten Tiedt vielen Börsianern bei der Aktienauswahl. Im Interview verrät der Aktienprofi, wie er die aktuelle Marktlage einschätzt – und wo sich womöglich Chancen auftun. 

Torsten Tiedt betreibt die erfolgreiche Finanzplattform Aktienfinder.net. Mit der Website hilft er Anlegerinnen und Anlegern dabei, gute Investmententscheidungen zu treffen anhand von fundamentalen Aktienkennzahlen. Mit dem Aktienfinder hat Torsten ein sehr nützliches Tool entwickelt, um zu ermitteln, ob eine Aktie fundamental betrachtet günstig bewertet ist oder nicht.

Er selbst ist seit über 25 Jahren als Börsianer aktiv und hat bereits mehrere Crashs und Korrekturen an den Märkten erlebt. Wir haben bei ihm nachgefragt, wie er die aktuelle Börsenlage einschätzt und ob er weiterhin optimistisch ist für die Aktienmärkte. 

Torsten, welche Gedanken macht sich ein erfahrener Investor wie du angesichts der aktuellen Situation?

Die wesentlichen Gedanken, die ich mir mache, sind dieselben, die ich mir unabhängig von der aktuellen Situation mache. Ich möchte wissen, ob die Unternehmen, in die ich investiere, zukunftsträchtig sind. Das heißt, ob ich eine Kurssteigerung und gegebenenfalls eine Steigerung der Dividenden zu erwarten habe oder nicht. Ich habe mir natürlich auch Gedanken gemacht, ob und inwiefern meine Aktien von dem Ukraine-Krieg und den Wirtschaftssanktionen betroffen sind. Glücklicherweise bin ich nicht in russischen Aktien investiert.

Wir haben aktuell eine hohe Inflation und es besteht nach wie vor das Risiko, dass nochmal eine aggressive Coronavirus-Variante auftritt. Jetzt kommt auch noch der Ukraine-Krieg hinzu. Gibt es aus deiner Sicht aktuell Aspekte, die dafür sprechen, dass die Aktienkurse in diesem Jahr nochmal nach oben gehen könnten?

Es kann durchaus sein, dass die Kurse steigen werden, dass wir am Ende sogar ein gutes Börsenjahr haben. Ich weiß, dass das kontraintuitiv ist. Aber nehmen wir mal an, dass die Inflation sich halbwegs beruhigt, die Zinserhöhungen in einem moderaten Rahmen bleiben, ein neuer Corona-Ausbruch ausbleibt und der Russland-Ukraine Krieg seinen Höhepunkt überschritten hat und einer friedlichen Lösung zugeführt wird. In diesem Fall kann ich mir schon vorstellen, dass die Kurse auch wieder steigen. Manchmal reicht es auch, dass sich die Lage nicht verschlimmert – und sofort gehen die Kurse nach oben. Die Märkte sind ja sehr feinfühlig.

Du bist ein sehr erfahrener Aktien-Investor, hast auch schon andere Aktienkorrekturen und sogar Crashs ausgesessen. Wie kann man sich das aneignen, wenn man das jetzt zum ersten Mal erfährt, dass ein Depot 10 oder 20 Prozent im Minus ist. Wie macht man das?

Was definitiv hilft, ist sich bewusst zu machen, dass du nicht in eine Aktie investiert hast, sondern in ein Unternehmen. Wenn du nur die Aktie betrachtet hast, vielleicht weil sie gehypt wurde oder der Kurs nach oben ging, dann ist die aktuelle Marktlage natürlich schwer auszuhalten. Wenn du aber das Unternehmen anschaust, in das du investiert hast, und das Unternehmen macht nach wie vor Gewinn, ist weiterhin gut aufgestellt und dürfte auch in der Zukunft seinen Gewinn erhöhen, dann hilft das emotional und auch rational, an seinem Investment festzuhalten und nicht überstürzte Entscheidungen zu treffen. 

Torsten von Aktienfinder.net: „Aktien sind extrem vielfältig“

Torsten Tiedt ist der Gründer von Aktienfinder.net.
Torsten Tiedt ist der Gründer von Aktienfinder.net und Kolumnist für das Extra-Magazin von extraETF.

In den letzten zehn Jahren hat man nichts falsch gemacht, wenn man zu 100 Prozent in Aktien investiert war. Glaubst du, dass sich jetzt möglicherweise der Wind dreht und andere Anlageklassen wie Rohstoffe, Anleihen und Krypto wichtiger werden?

Prinzipiell ist es nicht schlecht, wenn man streut. Allerdings kann man die Streuung natürlich auch mit Aktien erreichen. Aktien sind extrem vielfältig und man kann extrem viele Themen über Aktien abdecken. Du kannst über Aktien in Immobilien investieren, in Krypto – zum Beispiel über Coinbase * – , in Rohstoffe über  Öl-Aktien oder Minenbetreiber. Du kannst über Kursgewinne und Dividenden, Rendite erzielen. Insofern finde ich Aktien auch attraktiver als Anleihen. Gold beispielsweise wirft keine laufenden Erträge ab. Finde ich auch nicht so unglaublich sexy.

Hältst du Investments in die Emerging Markets weiterhin für aussichtsreich?

Ich halte es nach wie vor für sinnvoll, auch in die Emerging Markets zu investieren. Es gibt einige chinesische Dividenden-Aktien, die bis heute kaum jemand auf dem Schirm hat. China Mobile sagt wahrscheinlich noch dem einen oder anderen was. Aber es gibt auch interessante China-Aktien in Bereichen wie Umwelt oder Energie. Das sind teilweise Aktien, die sehr hohe Dividendenrenditen abwerfen. Aber natürlich gibt es bei solchen Werten aus China ein gewisses politisches Risiko. Und damit muss man sich ein wenig beschäftigen. Es kann aber durchaus sinnvoll sein, sich langfristig zu diversifizieren im Portfolio und die klassischen Pfade mal ein wenig zu verlassen. Aber natürlich immer mit Augenmaß! 

Mit der Plattform Aktienfinder.net versuchst du, die fairen Werte von Aktien zu ermitteln. Wie geht das? Ist das sehr kompliziert?

Nein, eigentlich nicht. Man braucht nur relativ viele Daten, aber die haben wir. Zur Ermittlung des fairen Werts einer Aktie: Die Börse weiß im Prinzip langfristig ganz gut, was ein Unternehmen und was eine Aktie wert ist, auch wenn es kurzfristig zu Über- oder Untertreibungen kommt. Man kann sich also die Vergangenheit anschauen und an den Daten ablesen, mit wie viel Gewinn, Cashflow oder Umsatz, der Markt die Aktie eines Unternehmens bewertet hat. Und dann kann man einen Durchschnitt bilden aus den letzten Jahren. Und diese durchschnittlichen Bewertungen kann man auf heute anwenden. Wenn zum Beispiel eine Aktie in den vergangenen zehn Jahren mit dem zehnfachen Gewinn bewertet war, dann wäre es irgendwie komisch, wenn heute dasselbe Unternehmen mit einem KGV von 20 bewertet wäre oder nur mit 5, zumindest wenn sich nichts Wesentliches geändert hätte. Das heißt, ich kann mir den Gewinn angucken, den das Unternehmen dieses Jahr voraussichtlich erwirtschaften sollte. Sagen wir einen Euro je Aktie! Dann multipliziere ich einfach den Gewinn je Aktie mit 10 und erhalte den fairen Kurswert der Aktie. Der wäre in diesem Fall 10 Euro. Wenn die Aktie am Markt aber nur 5 Euro kostet, habe ich ein Aufwärtspotenzial von 100 Prozent. Wenn die Aktie aber 20 Euro kostet, liegt das Abwärtspotenzial bei 50 Prozent. 

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