Brent-Rohöl auf 18-Jahrestief - Jetzt als Anleger einsteigen?

Die Coronakrise und der damit zusammenhängende Nachfrageeinbruch ließ Preis für Rohöl der Sorte Brent auf den tiefsten Stand seit dem Jahr 2002 sinken. Verstärkt wird dieser Abwärtstrend durch den Streit zwischen Russland und dem OPEC Staat Saudi-Arabien. Lohnt sich jetzt ein Einstieg?

„Wir leben in einer Zeit einer beispiellosen Volatilität der Ölpreise – wohl als Folge eines doppelten Schocks: die Nachfrage bricht zusammen, gleichzeitig steigt das Angebot. Die Ölpreise sind heute volatiler als während der 2008 begonnen großen Finanzkrise oder während der Ölkrise 2014-2016“, so kommentiert Nitesh Shah, Research-Director bei Wisdomtree. Der schiere Preisverfall über eine so kurze Zeitspanne sei bisher kaum zu beobachten gewesen. „Weder 2008 noch 2014 kam es zu derart massiven Verlusten. Wenn wir den Preisniedergang der letzten beiden Wochen auf Jahresbasis umrechnen, wird er die Rückgänge der Jahre 2008 und 2014 übertreffen“, berichtet Shah.

Ein OPEC-Protagonist sucht Rache

Noch während der Diskussion um die sich als griechische Tragödie herausstellende Post-OPEC-Tagung hätten die Ereignisse vom 5. und 6. März die Ölmärkte grundlegend verändert. Dabei hätten sich die Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC) und ihre Partnerländer (OPEC+) nicht über eine gemeinsame Politik einigen können. „Wir glauben, dass die OPEC dadurch funktional nicht mehr existiert. Seit 2017 war die OPEC darauf angewiesen, dass Russland ihre Politik unterstützt. Und auch wenn Russland die vereinbarten Produktionsquoten gewöhnlich nicht in vollem Umfang umsetzt, ist die Einheit symbolisch wichtig, da Saudi-Arabien bereit war, mehr als seinen fairen Anteil zu kürzen, um dies auszugleichen. Aufgrund des Treuebruchs Russlands an diesem Bündnis senkt Saudi-Arabien nun die Preise und erhöht die Produktion“. Saudi-Arabien verkauft Öl mit einem Preisnachlass von fast 3 US Dollar pro Barrel an seine Konkurrenten.

Saudi-Arabien verfolge damit eine eigene Agenda: „Das Land möchte Russland größtmögliche Schmerzen zuzufügen, und scheint sich nicht darum zu kümmern, welche Verluste es dabei hinnehmen muss. Saudi-Arabien beabsichtigt, die Kapazität von derzeit 12 Millionen Barrel pro Tag auf 13 Millionen Barrel pro Tag zu erweitern. Noch im Februar 2020 produzierte die Ölmacht 9,6 Millionen Barrel pro Tag. Sollte das Land an der Kapazitätsgrenze produzieren, wird die Welt mit Öl geflutet“, ergänzt Shah.

Zweifache Schocks treiben extremen Contango an

„Dieser Angebotsschock kommt zu einer Zeit, in der die Nachfrage durch die COVID19-Pandemie sowieso schon stark behindert wird. Dieser doppelte Tiefschlag führte zu einem extremen Contango an den Ölmärkten. Am Tag vor den OPEC-Treffen befand sich Öl in einem leichten Contango, wobei der Unterschied zwischen dem 1. und 36. Vertrag nur zwischen zwei und drei Milliarden US-Dollar (WTI und Brent) lag. Am 19. März 2020 stieg der Contango extrem, wobei der Unterschied zwischen dem 1. und 36. Kontrakt zwischen 17 und 18 US-Dollar pro Barrel (WTI und Brent) liegt. Lediglich mitten in der Großen Finanzkrise von 2008 hatten wir einen derart tiefen Contango gesehen.

Wohin wird uns das führen?

Der Schmerz des Ölpreiskrieges 2014-2016 ist den OPEC-Ländern noch immer in Erinnerung. Er konnte Saudi-Arabien jedoch nicht davon abhalten, sich auf einen neuen Preiskrieg mit Russland einzulassen. Wir glauben nicht, dass die Gruppe in absehbarer Zeit ihren Kurs ändern wird und auch nicht daran, dass der Rest der OPEC ohne Saudi-Arabien operieren kann. Das Königreich am persischen Golf ist für den größten Teil der Swing-Produktion der Gruppe verantwortlich – d.h. für den Aufbau freier Produktionskapazitäten, die in Zeiten von Nachfrageschüben oder Angebotsausfällen genutzt werden können.

Es ist zu bezweifeln, dass der Rest der Welt in der Lage sein wird, sich schnell an diese neue Realität anzupassen. Die meisten globalen Ölgesellschaften verwenden nicht das Modell von Saudi Aramco (staatliche Ölgesellschaft in Saudi-Arabien), um überflüssige Kapazitäten zu halten. Die Einstellung der Produktion ist für die meisten Ölfirmen so langsam und kostspielig, dass die Finanzen des Unternehmens existenzbedrohend belastet werden.

Es gab Diskussionen über ein mögliches gemeinsames Ölbündnis zwischen den USA und Saudi-Arabien, die von US-Energieminister Dan Brouillette bestätigt wurden. Es war nur eine von vielen Strategien, die politische Entscheidungsträger in den USA diskutieren. Wir bezweifeln, dass die USA sich an einem Kartell beteiligen werden, das sie seit Jahrzehnten kritisieren. Verzweifelte Zeiten können allerdings verzweifelte Maßnahmen erfordern. Schließlich wurde das OPEC-Kartell auf die texanischen Ölpraktiken der 1930er bis 1970er Jahre ausgerichtet.

Wir halten es eher für möglich, dass die USA es der Marktwirtschaft erlauben werden, die Produktion zurückzuschrauben. Unsere Arbeitshypothese sieht den Break-even-Preis für die Ölförderung in den USA bei 50 US-Dollar/Barrel. Bei einem WTI-Preis von 25 US-Dollar pro Barrel zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels werden die amerikanischen Ölproduzenten leiden. Wir rechnen daher mit einem sprunghaften Anstieg der Konkurse. Im Ölpreiskrieg 2014-2016 brachen zwei Drittel der in den USA in Betrieb befindlichen Bohrinseln zusammen. In den USA dominiert die Schieferölförderung, die nicht die gleichen langen Vorlaufzeiten für das An- und Abschalten der Produktion aufweist, wie die traditionelle Ölförderung. Aber der Niedergang der Bohrinseln kam zu einer Zeit, als die technologischen Verbesserungen der Fördertechniken rasch zunahmen. Der endgültige Rückgang der Produktion fiel also nicht so massiv aus. Diesmal könnten in Betrieb befindliche Bohrinseln, die bereits seit einem Jahr sinkende Umsätze verzeichneten, mit entsprechenden Produktionsgängen einhergehen. Die USA könnten in der Tat zum neuen Swing-Produzenten der Welt werden.

Lohnt sich jetzt der Einstieg?

Das geschilderte Marktumfeld für Rohöl mit dem extrem hohen Contango und damit einhergehenden Rollverlusten beim Hinüberrollen in den nachfolgenden Futurekontrakt macht es für Anleger also nicht ganz einfach, sich zu positionieren. Kemal Bagci, Rohstoffexperte von BNP Paribas, rät deshalb in einer solchen Situation zur Vorsicht. Allerdings habe das gestrige Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu einer Stabilisierung der Rohölpreises beigetragen. Für Anleger, die den günstigen Rohölpreis für sich nutzen möchten, für die empfiehlt er rolloptimierte Produkte wie den RICI Enhanced Brent Öl ETC (WKN: PB6R1B). Der Grund: gerade bei kurzlaufenden Futurekontrakten ist die Forwardkurve besonders steil, bei längerfristigen wird sie deutlich flacher, so dass die Rollverluste in solch einer extremen Contango-Situation deutlich geringer sind. Mittels der Rolloptimierung werden diejenigen Kontrakte herausgesucht, welche für den Anleger die geringsten Rollverluste verursachen und der Anleger somit am besten von einer Erholung des Rohölpreises profitiert. „Das hat sich zumindest in der Vergangenheit bewährt“, so Bagci gegenüber dem Extra-Magazin.

Wenn sich die Contango-Situation wieder beruhigt und die Forwardkurve abflacht, können Anleger auch wieder in ETCs mit klassisch einmonatigem Hinüberrollen in den Future investieren wie den Wisdomtree Brent Crude Oil-Future (WKN: A0KRKM).

Ebenso von wieder ansteigenden Energiepreisen profitieren können Sie auch mit ETFs auf Rohstoffaktien wie dem Xtrackers MSCI World Energy ETF (WKN: A113FF). Der ETF umfasst 67 Aktien zur Hälfte aus den USA sowie aus Großbritannien, der Eurozone und Kanada. Allerdings spielen bei Energieaktien auch Förderkosten und unternehmensspezifische Kriterien noch eine wichtige Rolle. Und gerade US-Schieferölgesellschaften sind derzeit aufgrund der extrem niedrigen Rohölkosten, wie geschildert, in Bedrängnis.    

Weitere Details zum Thema finden Sie in unserem Anlageleitfaden Rohöl.