Warum der japanische Aktienmarkt voll auf Wachstum ausgerichtet ist

Jahrelang haben nationale wie internationale Investoren wenig Interesse gezeigt. Doch die Olympischen Spiele bescheren dem Aktienmarkt in Japan neue Aufmerksamkeit. Ist die Trendwende von Dauer?

Ab dem 23. Juli finden in Japan die 32. Olympischen Spiele statt. Aufgrund des Corona-Virus hat sich die Regierung dazu entschieden, sämtliche Spiele ohne Zuschauer auszutragen. Denn auch auf den japanischen Inseln steigen derzeit die Infektionszahlen. Dennoch ist Japan bei Investoren wieder höher im Kurs als in der jüngeren Vergangenheit.  

Richard Kaye, Portfoliomanager bei der internationalen Fondsgesellschaft Comgest, ist überzeugt, dass für Japan auch am Börsenhorizont Licht in Sicht ist – wenn Investoren genauer hinsehen und sich nicht vom Blick auf die Indizes abschrecken lassen.

Japan: Großer Aktienmarkt mit fehlendem Potential?

Japan ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Eine Besonderheit: Ein Drittel der gelisteten Unternehmen in Japan sind familiengeführt. Solche Unternehmen handeln generationsübergreifend und zukunftsorientiert – ein großes Plus für Investoren. Zudem ist der japanische Aktienmarkt mit mehr als 3.700 gelisteten Aktien einer der größten der Welt. Das Interesse von institutionellen Investoren an eben diesem Aktienmarkt fehlt jedoch.

Wenn überhaupt erwägen viele lediglich, in ein passives Instrument zu investieren, um das Benchmark-Risiko abzusichern. Unter Anbetracht der Entwicklung des Aktienindexes bis zur globalen Finanzkrise ist diese Vorsicht nachvollziehbar. Warum ist das so?

Der erste Blick täuscht 

Der Top-Down-Blick auf Japan hält viele Anleger von Investitionen ab. Denn die Schuldenlast ist hoch, die Bevölkerung ist die älteste der Welt, eine deflationäre Spirale hat die Binnenwirtschaft über Jahrzehnte gebremst und die starke Währung setzt der Profitabilität vieler exportorientierter Unternehmen zu. Die Finanzkrise gab dem japanischen Aktienmarkt den Rest. Selbst japanische Investoren kehrten dem Aktienmarkt den Rücken und hielten nur noch 25 Prozent der Marktkapitalisierung.

Ein Blick hinter die Fassade lohnt sich allerdings. Denn japanische Aktien stehen nach ihrer langen Seitwärtsphase womöglich vor einem gewaltigen Boom. Viele Unternehmen sind bislang gut durch die Coronakrise gekommen und der japanische Markt ist ganz auf Wachstum ausgelegt.

In ESG-Hinsicht unterschätzt

In puncto ESG-Aktivitäten haftet japanischen Unternehmen der Ruf an, hinter ihren globalen Mitbewerbern hinterherzuhinken. Doch besonders bei Umwelttechnologien sind viele Betriebe dem Rest der Welt voraus. Zudem zeigt sich oft eine tiefe Verbundenheit zur jeweiligen Vision und Engagement für den sozialen Zweck.

Dieses Bild ist allerdings aufgrund der Komplexität des Marktes nicht durch standardisierte Verfahren von kurzfristigen Investoren erfassbar. Für japanische Unternehmen stellt es oft eine Herausforderung dar, jene Informationen zur Verfügung zu stellen, die von institutionellen Investoren gefordert werden würden, und es gibt nicht genügend qualitativ hochwertiges Research, um diese Lücken in der Transparenz zu füllen. 

Auf kleine und mittelständische Unternehmen setzen

Für Wachstumsinvestoren bietet Japan eine Vielfalt an vernachlässigten Nebenwerten, die allerdings den Weltmarkt dominieren. Hamamatsu Photonics ist beispielsweise mit 90 Prozent Marktanteil Weltmarktführer für hochlichtsensitive Messgeräte, die Unreinheiten bis zur Größe eines Protons messen können. Solche Unternehmen führen ihren Markt an, können in Yen fakturieren, managen das Währungsrisiko somit auf natürliche Weise und sind innovativ, profitabel und wachstumsstark.

Ebenfalls wichtiger Wachstumsmotor: Die Nähe zu China. Robotik-Spezialisten wie Fanuc oder Keyence verdanken ihre Expansion gerade der starken Nachfrage nach Industrieautomatisierung auf dem asiatischen Kontinent. Aber auch japanische Konsumtitel wie die Fast Fashion Modekette Uniqlo oder Klaviere von Yamaha sind bei der wachsenden Mittelschicht Chinas äußerst beliebt.

Nihon M&A, Marktführer für Unternehmensberatung in Japan, ist ein plakatives Beispiel: Das Unternehmen hat sich seit der Gründung vor 30 Jahren auf die Nachfolgeberatung von mittelständischen gründergeführten Unternehmen spezialisiert. Nihon M&A hat sich durch den Aufbau eines engen Netzwerks bei japanischen Banken und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sowie spezialisierten M&A-Beratern starke ökonomische Burggräben aufgebaut.

Das Wachstumspotential ist aufgrund der hohen Anzahl von alternden Firmenchefs ohne natürliche Nachfolger aus der Familie mittel- und langfristig sehr hoch. Nihon M&A hat seine Gewinne pro Aktie über die vergangenen zehn Jahre annualisiert um 30 Prozent gesteigert. Für die kommenden fünf Jahre ist ein Wachstum auf gleicher Höhe als realistisch einzuschätzen.

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Abenomics als Wachstumstreiber

Ein weiterer wichtiger Faktor zur Beurteilung japanischer Aktien ist außerdem die Wirtschaftspolitik des früheren Premierministers Shinzō Abe, bekannt als „Abenomics“. Das Programm wurde in Japan mittels einer investitionsfreundlichen Steuerreform und einer durchgreifenden Arbeitsmarktreform umgesetzt. Abenomics führte zu einem massiven Anstieg berufstätiger Frauen. Außerdem sorgte das Programm für eine Immigrationswelle, was der alternden Gesellschaft einen großen Produktivitätsgewinn bescherte.

Die Reform der Unternehmensverfassung, welche in den Corporate Governance und Stewardship Code mündete, brach veraltete Managementstrukturen auf und ermöglichte frischen Wind in den Aufsichtsräten, verbesserte die Kapitallokation, verlieh Minderheitsaktionären eine Stimme und hob die schwachen Kapitalrenditen auf internationales Niveau. So wurde ein Katalysator geschaffen, um den vielen überkapitalisierten japanischen Konglomeraten entgegenzuwirken und das Wachstum von dynamischen Qualitätsunternehmen zu fördern. In so einem breiten und unentdeckten Markt wie Japan ist es eine selektive Vorgehensweise umso wichtiger.

Anhaltender Trend

Der Trend geht laut Japan-Experten weiterhin in Richtung kleine und mittelgroße Aktien. Generell zeigt sich, dass Japan trotz der aktuell steigenden Corona-Zahlen bislang gut durch die Krise gekommen ist. Und noch ist ein Ende nicht in Sicht. Shigeru Aoyagi, Chefinvestor bei Nikko Asset Management: „Japans Aktienmarkt hat den Gipfel noch lange nicht erreicht. Besonders Value-Aktien bieten Potenzial“. Wir glauben, dass hier eine Trendwende im Gange ist, ausgelöst durch den Anstieg der langfristigen Zinsen.“ 

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