Niedrigzinszyklus

Was der neue Niedrigzinszyklus für Investoren bedeutet

Vor drei Jahren haben sich die Zinsmärkte in den USA und Europa voneinander entkoppelt. Während in den Vereinigten Staaten die Zinsen stiegen, sanken sie in der Eurozone auf den Nullpunkt. Nun denkt die US-Notenbank wieder an Zinssenkungen. Das hat Folgen.

Die Zeit der Zinsanhebungen in den USA neigt sich dem Ende zu. Nach dem ersten Zinsschritt der US-Notenbank steht der Leitzins bei 2,00 bis 2,25 Prozent. Experten schließen nicht aus, dass die FED innerhalb des laufenden Jahres sogar mehrmals die Zinsen senken wird. Die US-Wirtschaft verliert an Schwung. Gleichzeitig bewegt sich die Inflation in den USA auf historisch niedrigem Niveau. Die FED kann also an der Zinsschraube drehen und die Wirtschaft stimulieren, ohne Angst vor zu hoher Inflation haben zu müssen. Sie wird diese Chance wohl nutzen.

Weder bei der EZB noch bei der Bank of Japan wird aktuell darüber nachgedacht, die Zinsen anzuheben. Vielmehr ist zu erwarten, dass die EZB die Anleihekaufprogramme wieder aufnimmt und die Bankeinlagenzinsen weiter ins Minus drückt. Vor stark steigender Inflation muss auch die frisch nominierte EZB-Chefin Christine Lagarde keine Angst haben. Das von den Notenbankern als Ziel definierte Inflationsniveau von zwei Prozent ist noch lange nicht erreicht.

Die wieder offensivere Zinspolitik der Notenbanken hat mehrere Implikationen:

Die Erfahrung zeigt, dass eine Währung umso stabiler ist, je unabhängiger die Notenbank von der Politik agiert. Die FED und die EZB sind unabhängig. Es ist aber nicht zu übersehen, dass die politischen Akteure diesseits und jenseits des Atlantiks vermehrt Druck auf ihre Notenbanken ausüben. Zum einen, um ihre Staatshaushalte bequem zu sanieren. Zum anderen, um die eigene Exportwirtschaft zu fördern.

Eine weitere Implikation hat die Zinspolitik auf den Wert von Anleihen: Sinkende Leitzinsen bedeuten Kursgewinne für bereits im Portfolio allozierte Anleihen. Für Investoren auf der Suche nach Zinspapieren wird die Situation nicht leichter, wenn die Renditen sinken. Aussichtsreich können Unternehmensanleihen sein, die deutlich höhere Zinsen bieten als Staatsanleihen.

Angesichts der sich abzeichnenden Zinswende nach unten ist zudem gutes Timing gefragt. Der Markt hat die Entwicklung zum Teil schon antizipiert. Die Renditen sind bereits gefallen. Gleichzeitig gibt es die Chance, dass Marktteilnehmer enttäuscht sind, wenn es nicht so kommt wie erwartet. Beim Timing hilft deshalb ein Kontraindikator: Wenn viele Anleger Anleihen verkaufen und dafür Aktien kaufen, ist es häufig genau der Moment, das Gegenteil zu tun – so wie zuletzt im dritten Quartal 2018. Als antizyklischer Investor fährt man meistens gar nicht so schlecht.

Über den Autor: Helge Müller

Helge Müller ist Chief-Investment-Officer der Genève Invest in Genf und Luxemburg.

Lesetipp der Redaktion: Sollten Sie sich im Sinne der Diversifikation für Anleihen interessieren, ist es ratsam, die ETF-Suche für Anleihen zu nutzen.