Was mich ein Unwetter in Südafrika übers Investieren in der Krise lehrte

Warum Finanzwissen so wichtig ist? Besonders in Krisen ist es die Basis für gute Anlageentscheidungen. Vier gute Gründe dafür – und was ein Unwetter in Südafrika damit zu tun hat.  

Am frühen Abend des 12. März 2020 – jenem „Schwarzen Donnerstag“, an dem der Dax um 1277 Punkte in die Tiefe rauschte und Anlegern einen Tagesverlust von 12,24 Prozent bescherte – saß ich in Südafrika auf einer einsamen Landstraße in einem Mietwagen, etwa 50 Kilometer vor Oudtshoorn, und wusste nicht mehr weiter. Nur wenige Augenblicke zuvor hatte ich den Wagen mit Warnblinklicht an den Straßenrand gesteuert und kauerte nun angespannt hinter dem Lenkrad.

Es war nicht das Geschehen an der Börse, das mich stresste, denn ehrlicherweise hatte ich von dem „Blutbad“ an den Märkten noch gar nichts mitbekommen. Meine Freundin und ich waren fast den ganzen Tag unterwegs gewesen. Von Kapstadt aus auf dem Weg nach Oudtshoorn hatten wir bis dato gute fünf Stunden im Auto verbracht und die südafrikanische Landschaft genossen. Ohne Nachrichten, ohne Messenger, vollkommen entspannt im Urlaubsmodus.

Und nun? Nun saßen wir da, auf dem Standstreifen dieser verlassenen Landstraße, irgendwo im Nirgendwo, während um uns herum das schlimmste Unwetter tobte, das wir je erlebt hatten. Hagel und Starkregen peitschten gegen das Auto und fluteten den Asphalt. Die Scheiben waren beschlagen, trotz Lüftung auf Vollgas konnte ich keine zehn Meter mehr weit sehen. Das Auto war komplett eingehüllt in Dunkelheit, über uns das bedrohliche Grollen des Gewitters.

Weiterfahren? Umdrehen? Aussitzen?

Was tun? Umkehren? Vor etwa 30 Kilometer hatten wir ein kleines Dorf durchquert. Das Kaff hatte jedoch nicht besonders vertrauenswürdig gewirkt. Und wo sollten wir dort unterkommen? Außerdem hatten wir zuvor etlichen Schlaglöchern ausweichen müssen. Die Gefahr nun bei mieser Sicht und überfluteter Straße liegen zu bleiben, war nicht zu unterschätzen.

Also einfach weiterfahren? Versuchen, die restlichen 50 Kilometer nach Oudtshoorn irgendwie zu überstehen? Auch eine Möglichkeit. Aber was, wenn das Unwetter noch heftiger werden würde? Die Sicht irgendwann komplett weg wäre? Die Straßenverhältnisse sich verschlechterten und wir uns einen Platten holten, ohne Hilfe weit und breit?

Die dritte Option – einfach stehen bleiben und warten, bis der Sturm sich legt – fühlte sich auch nicht wirklich gut an. Egal, wie ich es drehte und wendete, ich wusste einfach nicht weiter.

Die Rettung

Es war reines Glück, dass in dieser verlassenen Gegend irgendwann ein anderer Wagen vorbeikam, dessen Fahrer wohl instinktiv realisierte, dass wir aufgeschmissen waren. Er blieb kurz stehen und bedeutete uns, ihm zu folgen. Mit Warnblinklicht fuhr er ganz langsam und bedächtig voraus und wies uns den Weg. Es musste sich um einen Einheimischen handeln, der die Strecke sehr gut kannte. Gekonnt umfuhr er trotz der miesen Sicht die größten Schlaglöcher und lotste uns immer näher unserem Ziel entgegen. Als sich kurz vor Oudtshoorn das Unwetter etwas gelegt hatte, hupte er zwei Mal zum Abschied und fuhr schließlich davon.

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Was diese Anekdote mit der Börse zu tun hat? Ziemlich viel, finde ich. Denn wenn wir das tosende Unwetter einfach als Sinnbild für eine sehr stürmische Börsen- oder Wirtschaftsphase betrachten und das Umgebungswissen des Einheimischen gleichsetzen mit dem Finanzwissen von Anlegern, dann lassen sich folgende Schlüsse ziehen:

1. Der Kompetenzradius ist die Basis für vernünftige Entscheidungen

Mir fehlten in jener Situation in Südafrika einfach grundlegende Informationen. Ich konnte insbesondere die Straßenverhältnisse nicht einschätzen – und damit auch nicht die Chancen und Risiken der Optionen, die uns in jenem Moment zur Verfügung standen: umdrehen, weiterfahren oder den Sturm aussitzen. Da mir dieses essenzielle Wissen fehlte, war ich ehrlicherweise aufgeschmissen. Und das in einer Situation, in der es aufgrund der besonderen Umstände zwingend geboten gewesen wäre, mich für eine der drei Optionen zu entscheiden. 

Der Einheimische hingegen verfügte genau über jenes Umgebungswissen, das mir fehlte. Er konnte die Lage einschätzen und war aufgrund dessen zu dem Schluss gelangt, dass es möglich war, langsam und bedächtig weiterzufahren. Er bewegte sich also in jenem Bereich, den Star-Investor Warren Buffett als „Circle of Competence“ bezeichnen würde – den Kompetenzradius. Wenn man sich als Investor in diesem Radius bewegt, ist man in der Lage, durchdachte Investment-Entscheidungen zu treffen – auch unter widrigen Umständen wie einer Börsenkrise. Einfach weil man in der Lage ist, Chancen und Risiken gegeneinander abzuwägen.

Die Situation in dem Unwetter zeigt also, wie wichtig es ist, ein gesundes „Umgebungswissen“ zu besitzen. Erst dann werden die Handlungsoptionen, die einem an der Börse zur Verfügung stehen – nämlich kaufen, halten oder verkaufen – nicht zu einem Glücksspiel, sondern zum Ergebnis einer durchdachten Abwägung.

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2. Finanzwissen sollte man früh aufbauen – außerhalb von Krisen

Für mich war es das erste Mal, dass ich auf der Landstraße nach Oudtshoorn unterwegs war. Bei Sonnenschein und klarer Sicht wäre die Strecke kein Problem gewesen – trotz der Schlaglöcher, die hier und da auftraten. Problematisch wurde es erst, als das Unwetter begann. Der Einheimische hingegen hatte genau jenen Vorteil, dass er die Strecke mit Sicherheit bereits etliche Male bei gutem Wetter und klarer Sicht zurückgelegt hatte. Möglicherweise wäre er genauso aufgeschmissen gewesen wie ich, wenn er diesen Wissensvorsprung nicht gehabt hätte.

Für die Börse gilt dies genauso. Es ist leichter bei normalen „Witterungsverhältnissen“ anzufangen und sein finanzielles „Umgebungswissen“ zu trainieren. Auch in solchen Phasen wird man im übertragenen Sinne immer mal wieder ein Schlagloch mitnehmen und mit dem Auto – oder besser: seinem Geld – unsanft über die Straße holpern. Man läuft aber zumindest nicht Gefahr, sich aufgrund der schlechten Sicht einen Achsbruch zuzulegen.

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3. Finanzwissen ermöglicht Souveränität – besonders im Börsensturm

Ich kann es nicht leugnen: Nachdem ich das Auto an den Seitenrand gelenkt hatte und wir in dieser verlassenen Gegend in einem Gemisch aus Hagel, Starkregen und Gewitter festsaßen, stieg für einen kurzen Moment so etwas wie Panik in mir hoch. Ich hatte in diesem Moment keine Kontrolle über meine Emotionen, ich wurde von Angst übermannt. Erfahrenen Börsianern, selbst jenen, die bereits einige Crashs und Krisen mitgemacht haben, wird es in Marktphasen wie im März dieses Jahres garantiert ähnlich ergangen sein. Niemand ist in einem Crash davor gefeit, von Sorgen und Ängsten überrollt zu werden – insbesondere, wenn sich vor den eigenen Augen der Depotwert dezimiert.

Der Unterschied ist: Mit entsprechendem Finanzwissen lässt sich die Situation emotional besser verkraften. Wer ein ungefähres Bild davon hat, wie die Finanzmärkte funktionieren und weiß, dass solche Marktphasen langfristig durchaus sehr gute Chancen für den Vermögensaufbau bieten, wird deutlich gelassener und souveräner auf die Lage reagieren und seine emotionalen Impulse besser unter Kontrolle halten. Je mehr Wissen man hat, desto souveräner kann man also Ausnahmesituationen wie ein „Börsenunwetter“ händeln.

Wie Untersuchungen von diversen Online-Banken zeigen, haben Privatanleger in diesem Jahr tatsächlich kühlen Kopf bewahrt. Im Gegensatz zu vorherigen Börsencrashs, in denen viele Privatanleger panikartig und mit hohen Verlusten verkauften, haben sie in diesem Jahr mehrheitlich sogar Positionen aufgebaut und ihre ETF-Sparpläne aufgestockt. Dies ist auch ein Verdienst der vitalen Finanz-Community, die in den vergangenen Jahren im Netz entstanden ist und dem zarten Pflänzchen „Börsenkultur“ in Deutschland einen Wachstumsschub verpasst hat.

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4. Finanzwissen macht unabhängig von anderen

Heute noch bin ich demütig und dankbar, dass die Situation ein gutes Ende für uns nahm. Wir hatten großes Glück, dass wir in jenem Moment die Hilfe des Einheimischen in Anspruch nehmen konnten. Letztlich erwies er sich als vertrauenswürdig. Allerdings blieb mir in dieser Situation auch nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen. Was wäre gewesen, wenn wir mit unserem Wagen mitten auf der Strecke liegen geblieben wären? Hätte er geholfen? Oder uns einfach zurückgelassen? Mein Gefühl sagt mir, dass Ersteres der Fall gewesen wäre. Wissen kann ich es jedoch nicht.

Worauf ich hinaus möchte: Es ist niemals angenehm und immer auch mit Risiken behaftet, auf das Know-how und damit implizit auch auf die Zuverlässigkeit von Dritten angewiesen zu sein. Insbesondere wenn es um Geldthemen geht. Je mehr man selbst von der Materie versteht, desto weniger abhängig ist man von dem Wissen anderer. Der Trend zur Do-it-yourself-Anlage in Deutschland zeigt, dass vielen Anlegern wohler dabei ist, wenn sie ihre Anlageentscheidungen selbstständig treffen. Das gute Gefühl der Unabhängigkeit sollte man nicht unterschätzen.  

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Fazit

Investieren an der Börse ist langfristig lohnenswert. Insbesondere Börsen- und Wirtschaftskrisen bieten sich aufgrund der niedrigen Kursniveaus oftmals zum Einstieg an. Mit einem soliden Fundament an Finanzwissen werden Anleger diese Chancen für sich nutzen können.

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