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Wie funktioniert eigentlich die Börse?

Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis von Wertpapieren. Ein Beispiel aus dem Biergarten illustriert den Börsenhandel.

Was wir aus dem täglichen Leben kennen, hat im großen Maßstab beeindruckende Auswirkungen: Ohne Aktien wäre die Entwicklung der westlichen Welt nicht vorstellbar. Natürlich wissen Börseneinsteiger, dass an der Börse vorrangig Aktien gehandelt werden. Die Börse ermöglicht zugleich den Handel mit Rohstoffen und Devisen. Dabei regulieren Angebot und Nachfrage – wie immer – den Preis. Die Börse als Geldquelle bringt Investoren, die ihr Geld in Wertpapieren anlegen wollen, mit Anlegern zusammen, die ihre Papiere zu Geld machen wollen.

Biergarten und Börsenparkett

Hierzu ein aus dem Leben gegriffenes Beispiel: In einem Biergarten bildet sich bei schönem Wetter vor der Zapfanlage eine lange Schlange von Durstigen. Der geschäftstüchtige Wirt lässt zehn Halbliterkrüge Bier zapfen und muss dann feststellen, dass die Zapfanlage defekt ist. Er hat also nur ein beschränktes Angebot. Doch statt zehn Gästen stehen zwanzig Durstige in der Reihe, und jeder will offenbar einen Krug haben. Da nur zehn gezapft sind, kann der Wirt die Preise so weit anheben, dass er noch immer zehn Kaufwillige hat. Sollten hingegen etliche der Gäste nur Apfelschorle oder Ähnliches verlangen und nur fünf Gäste Bier wünschen, läuft der eifrige Wirt Gefahr, fünf der zehn bereits gezapften Krüge leeren zu müssen; deshalb würde er versuchen, weiteren fünf Gästen mittels eines Preisnachlasses sein Bier schmackhaft zu machen. Im ersten Fall sieht sich der Verkäufer (der Wirt) einer großen Nachfrage durch die Käufer (seine Gäste) gegenüber und kann den Preis heraufsetzen. Im zweiten Fall ist es genau umgekehrt: Die Käufer können aufgrund des bestehenden Überangebots bestimmen, zu welchem Preis sie kaufen, und drücken damit den Preis.

Genauso läuft der Handel an der Börse: Nimmt die Nachfrage nach einem Wertpapier zu oder geht das Angebot an einem Wertpapier zurück, steigen die Kurse. Sinkt die Nachfrage oder steigt das Angebot, fallen sie. Doch warum ändern sich Angebot und Nachfrage? Ein Grund könnte sein: Ein Unternehmen legt Geschäftszahlen vor, die besser ausgefallen sind als von Analysten und Anlegern erwartet – daraufhin kaufen viele Investoren. Ein Unternehmen könnte aber auch bekannt geben, dass seine Liquiditätssituation derzeit schlecht ist. In diesem Fall wäre das Aktienangebot wahrscheinlich sehr groß und die Nachfrage sehr gering, was zu einem raschen Kursverfall führen würde. Als Faustregel gilt: Im Allgemeinen legen die Kurse eines Wertpapiers zu, wenn der Wert der Aktie steigt oder Aussicht hat anzuziehen. Die Wahrscheinlichkeit hingegen, dass Anleger die Finger von einer Aktie lassen, steigt, wenn deren Wert und Aussichten schwinden.

Darüber hinaus hat die Börse bekanntlich auch eine Signalfunktion: Sie ist wichtiges Stimmungsbarometer für den Zustand einer Volkswirtschaft beziehungsweise einzelner Unternehmen. Und hätten Sie es gewusst? Im Grunde genommen ist jeder Bürger mit der Börse verbandelt. Jeder Inhaber eines Bankkontos ist indirekt Teilnehmer am Kapitalmarkt. Zahlen Sie in eine Pensionskasse ein, geht das Geld direkt in Aktien, Anleihen und andere Anlagen.

Aktien als Grundvoraussetzung für die industrielle Entwicklung

Doch warum eigentlich gibt es Aktien? Börsenurgestein André Kostolany hält hierzu in seinem Bestseller „Kostolanys Börsenseminar: Für Kapitalanleger und Spekulanten“ eine passende Antwort bereit: Alle Aktien eines Unternehmens zusammen bilden eine Aktiengesellschaft. Mit dem Kauf von Anteilen stellt der Investor einem Unternehmen Kapital zur Verfügung in der Hoffnung, durch Wertsteigerung und etwaige Dividendenausschüttungen eine dem Risiko angemessene Verzinsung zu erreichen. Nur dank dieser Möglichkeit, Zugang zu Kapital von Investoren mittels des Verkaufs von Unternehmensanteilen, also Aktien, zu erhalten und sich somit Kreditzinsen zu ersparen, sind die großen wirtschaftlichen Entwicklungen im 18., 19. und 20. Jahrhundert überhaupt erst möglich geworden.

Ohne die Ausgabe von Aktien an risikofreudige Investoren wären Eisenbahn und Schifffahrt, teils gigantische Infrastrukturprojekte, die Erschließung von Minen und Ölquellen sowie die moderne Industrie in den Bereichen Fahrzeug- und Maschinenbau, Elektronik, Chemie und Pharma nicht denkbar. So ist etwa der Bau des Suezkanals im Jahr 1869 durch die Ausgabe von Aktien möglich geworden: Allerdings erschien die Realisierung des Projekts so risikoreich, dass nur knapp 56 % des Grundkapitals von 200 Millionen Francs von privaten und institutionellen Anlegern gezeichnet wurden. Der ägyptische Vizekönig musste einspringen und die restlichen 44 % übernehmen. Das Investment hat sich letztlich auch für Muhammad Said und sein Volk ausgezahlt: Der 163 Kilometer lange Kanal ist weiterhin eine der wichtigsten Einnahmequellen Ägyptens. Die jährlichen Gewinne betragen umgerechnet rund 3 Milliarden Euro.

Investoren sind dementsprechend als nützliche Mitglieder des Wirtschaftslebens anzusehen – sie stellen Kapital für die Weiterentwicklung der Volkswirtschaften zur Verfügung, gehen dabei Risiken ein und erhoffen sich im Gegenzug eine finanzielle Kompensation.

Autor: Helge Rehbein für das PortfolioJournal