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Anleger brauchen keine Schulmeisterei

Vater Staat will seine Kinder per Gesetz vor möglichen Verlusten bei der Aktienanlage schützen. Der Anleger soll sein Geld lieber in Instrumente stecken, die aktuell und in Zukunft nach Inflation und Steuern garantiert Verluste erwirtschaften.

Gottfried Urban

Kurz vor der Sommerpause hat der Bundestag das Altersvorsorgeverträge- Zertifizierungsgesetz ergänzt: Ab 2014 bekommen Bezieher von Betreuungsgeld 15 Euro im Monat extra, wenn das Geld in die Altersvorsorge fließt. So weit, so gut. Doch das Gesetz legt auch fest, dass der Staat nur solche Vorsorgeformen fördert, die den Kapitalerhalt garantieren.

Dies ist nur das jüngste Beispiel, eines von vielen, wie der Staat seine Bürger schulmeistert und das Entstehen einer Aktienkultur hemmt. Denn den Kapitalerhalt können praktisch nur Versicherungen garantieren. Auch weil sie gesetzlich verpflichtet sind, einen Großteil der ihnen anvertrauten Gelder in Staatspapiere und Bankschuldverschreibungen anzulegen. Bei den zugleich künstlich niedrig gehaltenen Zinsen unterhalb der Inflationsrate könnte man fast argwöhnen, dass der Staat seine Förderung über diesen Umweg zum Teil refinanziert. Auf jeden Fall fördert diese Regulierung die Risikoscheu der Bürger.

Regulatorische Gründe sind auch schuld daran, dass Einzelaktien in der Anlageberatung der Banken und freien Vermittler so gut wie keine Rolle mehr spielen. Welcher Kundenbetreuer füllt schon wirklich gern das – gesetzlich vorgeschriebene – seitenlange Beratungsprotokoll aus, mit dem die Aufklärung über Chancen, Risiken und Provisionen dokumentiert wird?

Bei Bausparverträgen und Kontoanlagen hingegen ist die Aufklärung über die Höhe der Zinsmarge nicht erforderlich. Deshalb werden diese Anlagen ebenso gern empfohlen wie die Rentenversicherung mit Einmalbeitrag. Der Erklärungsaufwand und das Beratungsrisiko sind gering, da die Versicherung Mindesterträge garantiert. Diese Anlagen bergen für den Berater kaum Haftungsrisiken. Anders als bei schwankenden Aktien- oder Mischfonds muss in den Folgejahren nicht mehr über zwischenzeitliche Kursverluste diskutiert werden.

Selbst die jüngsten Höchstkurse an der Börse haben keinerlei Begeisterung bei Beratern und Kunden für die Aktienanlage ausgelöst. Im Gegenteil: Die Kurse werden zum Ausstieg genutzt, um die Gelder in sichere und margenträchtigere Anlagen umzuschichten.

Zum Thema Geldanlage sollte man über eine Bildungsoffensive an den Schulen nachdenken. Es ist kein Wunder, dass sich die Bundesbürger von den Kapitalmärkten fernhalten, wenn sie deren Funktionsweise nicht kennen. Hartnäckig hält sich das Bild von der Zockerbude, in der Kleinanleger reihenweise über den Tisch gezogen werden. Das passiert jedoch nicht, wenn man eine langfristige Strategie verfolgt und sich nicht vom Tagesgeschehen zu sehr beeinflussen lässt. Auf lange Sicht verdient derjenige, der sich an guten Aktiengesellschaften beteiligt, einen Unternehmerlohn, der um fünf bis zehn Prozentpunkte über dem risikolosen Zins von Bundesanleihen liegt. Das ist im Prinzip auch die Jahresrendite des deutschen Aktienindexes (DAX) seit seinem Entstehen vor 25 Jahren.

Damals lebten etwa fünf Milliarden Menschen auf der Welt, heute sind es sieben, und in 25 Jahren werden es wieder fast zwei Milliarden Erdenbürger mehr sein. Das Welteinkommen wird weiter wachsen, die Konsumnachfrage entsprechend steigen und damit auch die Gewinne der Unternehmen. Wer für die Altersvorsorge zwanzig und mehr Jahre Zeit hat, der muss in Produktivkapital investieren und sollte sich von einer Eurokrise oder den Risiken des Kapitalmarktes nicht irritieren lassen. Vielmehr sollte er die Schwankungen ausnutzen, einen Sparplan in gute Aktienfonds mit globaler Ausrichtung einrichten und lange dabei bleiben.