Börsenprofi: Darum ist die Story vom billigen Dax ein Märchen

Der Dax gilt immer wieder als billig. Doch das entzaubert sich bei genauerer Betrachtung. Ein Kommentar von Börsenprofi Marc-Oliver Lux.

Dass die deutschen Topunternehmen seit Jahren geringer bewertet sind als amerikanische Aktien, hat einen handfesten Grund: Die Amerikaner halten ihre Gewinnprognosen regelmäßig zielgenauer ein als die deutschen Konzerne.

Die Kurse vieler US-Aktien, vor allem im Technologiebereich, sind kräftig gestiegen und deshalb im langfristigen Mittel teuer. Abzulesen ist das am Kurs-Gewinn-Verhältnis: Anleger bezahlen derzeit die 30 Dax-Unternehmen mit dem 16-fachen Jahresgewinn. Die Dow-Jones-Werte kosten hingegen den 35-fachen Gewinn, sind also doppelt so teurer.

Die Bewertung des Dax

Was bei der KGV-Rechnung missachtet wird: Sie gilt immer für die prognostizierten Gewinne, nicht aber für die am Ende eines Jahres tatsächlich erwirtschafteten Erträge. Das führt zum entscheidenden Punkt: Am Ende lieferten die deutschen Unternehmen in all den Jahren nie, was sie und vor allem was Analysten sich von ihnen versprachen. Viele Jahre stagnierten die Gewinne der 30 Dax-Konzerne, obwohl die Prognosen immer davon ausgingen, die Unternehmen würden ihre Gewinne um zehn bis 15 Prozent steigern. Und das Jahr für Jahr.

Schuld sind spektakuläre Aussetzer, wie sie im obersten Börsensegment der Deutschen Börse leider regelmäßig auftauchen. Zunächst waren es die beiden Versorger RWE und E.ON, die wegen der Neuausrichtung der Geschäftsmodelle unter die Räder kamen. Commerzbank und Deutsche Bank litten seit der Finanzkrise vor sich hin. Die Deutsche Bank etwa meldete 2017 den dritten Jahresverlust in Folge, obwohl immer wieder schwarze Zahlen prognostiziert waren.

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Lang ist die Liste der Dax-Unternehmen, bei denen die Bilanz durch teure Investitionsausgaben und Abschreibungen verhagelt wurde. Sei es bei der Deutschen Telekom wegen des Netzausbaus oder die Automobilbauer, die das Ruder Richtung E-Auto herumreißen mussten. Deutsche Post und Thyssen-Krupp versenkten mit Fehlinvestitionen richtig Geld. Der Oberhammer war Wirecard, die erste Totalpleite im Dax. Keine Frage: Die geballte Ladung an Pleiten, Pech und Pannen im Dax ist einzigartig.

Gewinnprognosen sind in den USA zuverlässiger

Anders als in Deutschland sind die Gewinnprognosen in den USA sehr zuverlässig. In aller Regel übertreffen dort die Unternehmen die Schätzungen sogar um ein paar Cent. Das gehört zum guten Ton. Deswegen werden US-Aktien im Vorhinein etwas teurer eingeschätzt, als sie am Ende wirklich sind. Bei den Deutschen ist es andersherum. Zu optimistische Schätzungen machen den Dax nur auf den ersten Blick attraktiver, doch am Ende erweisen sich viele Unternehmen als überschätzt.

Das Phänomen, dass sich die solideren Geschäftsmodelle häufig in den USA finden lassen, fällt auf. Bei den Amerikanern finden sich wahre Cashcows, von denen manch europäisches Unternehmen nur träumen kann. Es mag am großen US-Binnenmarkt liegen, dass sowohl die Fundamentaldaten als auch die Wachstumsraten vieler US-Firmen einfach besser aussehen als in Europa.

Diese Diskrepanz erklärt, warum die Wall Street seit Jahren besser läuft. In Wahrheit sind die amerikanischen Unternehmen nicht unbedingt teurer. Sie wachsen vielmehr dynamischer und nachhaltiger als deutsche Unternehmen. Von vermeintlich hohen Kurs-Gewinn-Verhältnissen muss man sich daher nicht abschrecken lassen.

Über den Autor: Marc-Oliver Lux

Marc-Oliver Lux ist Geschäftsführer der Dr. Lux & Präuner GmbH in München.