Europa im Umbruch – keine Souveränität ohne Industrie

Europa hinkt in Sachen Digitalisierung den USA und China hinterher. Das sind die wirtschaftlichen Baustellen im alten Kontinent. Ein Kommentar von Philippe Ithurbide (Amundi).

Ein Land, das eine industrielle Revolution verpasst, fällt in der Wirtschaftsentwicklung im Vergleich zurück und verarmt schnell – das lehrt uns die Geschichte. Mit der dritten industriellen Revolution, die bereits in den 1980er Jahren begann, und mit der aktuellen Covid-19-Krise befindet sich die Welt nun in einer Phase gegenläufiger Transformation. Die Pandemie hat den Wunsch nach einer Umkehr der Globalisierung aufkommen lassen, da nationale oder europäische Souveränität in Bereichen wie Gesundheit und Medizin, Lebensmittel und Digitalwirtschaft unerlässlich ist. Gleichzeitig begünstigt die Digitalisierung – jedenfalls bisher – die IT-Giganten und eine weitere Globalisierung der Wirtschaft. Und um an der Spitze der neuen Wirtschaftswelt zu bleiben, brauchen wir vor allem Forschung und Entwicklung (F&E) – und dafür brauchen wir die Industrie, die mehr als 85 Prozent der weltweiten F&E-Anstrengungen stemmt.

Eine der großen Gewissheiten der Covid-Krise ist die Rückkehr des Staatsinterventionismus, also das Comeback des Staates als Herr über Ressourcen und als Manager der Wirtschaft. In diesem Sinne erfährt etwa der Gesundheitssektor durch die Krise eine Neubewertung. Aber auch ganz allgemein steht die Krise für ein neues kollektives Bewusstsein und Verhaltensänderungen, die sich zum Beispiel im wachsenden Online-Handel, im Vormarsch des Homeoffice und in der generell steigenden Bedeutung von digitalen Technologien und Robotik zeigen – und damit die dritte industrielle Revolution, die Robotisierung und Digitalisierung der Industrie, weiter befeuern.

Europa braucht digitale Souveränität

Doch leider ist Europas IT-Rückstand im Vergleich zu den USA und China ziemlich groß. Oligopole, vor allem US-Unternehmen, beherrschen alle Teilbereiche dieses Sektors, und die Markteintrittskosten sind exorbitant hoch. Doch wer sich nicht selbst um die Produktion eigener Mikroprozessoren kümmert, wird nicht an der Spitze der technologischen Entwicklung bleiben, sondern in völlige Abhängigkeit geraten – ähnlich der Erfahrung, die manche Länder mit ihrer Abhängigkeit von Rohstoffimporten machen mussten.

Um seine digitale Souveränität zu erhalten – oder wiederzugewinnen – muss sich Europa von einer regulatorischen Supermacht zu einer technologischen Supermacht entwickeln. Nur so kann es seine Werte und Interessen im digitalen Raum verteidigen, die wirtschaftlichen Vorteile neuer digitaler Technologien nutzen und seine Bürger vor Desinformation und Cyberangriffen schützen. 

Bisher hat sich Europa eher damit beschäftigt, die Regeln zu schreiben, als am Spiel teilzunehmen, und ist China und den USA bei der technologischen Entwicklung gefolgt. Aber Meisterschaften werden weder von den Schiedsrichtern noch von den Zuschauern gewonnen. Die EU muss deshalb ihren regulatorischen Einfluss mit Investitionen in die digitale Infrastruktur, in Kompetenzen und auch in die Industrie ergänzen, um ein vollwertiger digitaler Spieler zu werden. Europa hat die erste Generation der digitalen Transformation verpasst – nun muss es sich positionieren, um bei der nächsten Technologiewelle mitzuhalten, beispielsweise im Advanced Computing, wo europäische Unternehmen über Wettbewerbsvorteile verfügen. Vor allem muss Europa die Antwort auf zwei Fragen finden:

Was bedeutet Reindustrialisierung in der heutigen Welt… 

Natürlich kann es nicht darum gehen, zu traditionellen Industrien zurückzukehren, veraltete Unternehmen um jeden Preis zu retten oder unsere Volkswirtschaften zu reinen Dienstleistungswirtschaften werden zu lassen. Ziel muss es vielmehr sein, den Strukturwandel, der in den verschiedenen Industriezweigen im Gange ist, zu fördern – und dabei vor allem die Robotisierung und Digitalisierung zu erleichtern.

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…und welche Branchen sollten vorrangig gefördert werden?

Dabei kann Europa von den Vereinigten Staaten lernen: Denn die USA haben immer darauf geachtet, ihre Effizienz, Macht und Souveränität in fünf strategisch wichtigen Sektoren zu sichern: 

  1. Rüstung – um für Konfrontationen gewappnet zu sein 
  2. Pharma – um für Pandemien vorbereitet zu sein und die Bevölkerung behandeln zu können
  3. Finanzen – um insbesondere mögliche Konflikte finanzieren zu können
  4. Agrar- und Ernährungswirtschaft – um die Bevölkerung ernähren zu können
  5. Energie – um die Industrie in jeder Situation am Laufen halten zu können

Für den Krieg der Volkswirtschaften nutzen die USA nicht nur die Durchsetzung von US-Gesetzen im Ausland, die Konkurrenten und Verbündete gleichermaßen erstickt. Zu ihren neuen Waffen zählen auch Agenturen wie DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency), die Innovationen finanziert und versucht, Forschung und Unternehmer zusammenzubringen, und BARDA (Biomedical Advanced Research and Development Authority), die für die Versorgung und die Entwicklung medizinischer Lösungen gegen Bioterrorismus, pandemische Grippe und neu auftretende Krankheiten zuständig ist.

Es geht hier also um die Finanzierung, aber auch und vor allem um eine langfristige industrielle Strategie. Die EU hat diesen Weg inzwischen eingeschlagen und etwa 2018 auf Initiative von Frankreich und Deutschland die Stiftung JEDI (Joint European Disruptive Initiative) als europäisches Pendant zu DARPA ins Leben gerufen. Kann dies auch eine Lösung für andere Branchen sein?

Wenn die Europäische Union es nicht schafft, ihr System und ihre Strategie anzupassen, könnte sie sich auf einen Markt reduziert sehen, der weiter an Souveränität verliert und der zunächst amerikanische und chinesische Produkte importiert, um dann in der Entwicklung zurückzufallen. Keine Souveränität ohne Industrie, so einfach ist das. Darüber hinaus sind die strategischen, politischen und kulturellen Dimensionen einer industriellen Revolution ebenso wichtig wie ihre technischen und wissenschaftlichen Aspekte. Ohne Industrie könnte Europa in Anbetracht seiner derzeitigen geopolitischen Lage weiter an Boden verlieren.

Über den Autor: Philippe Ithurbide

Philippe Ithurbide ist Senior Economic Advisor bei Amundi.