Ist das Coronavirus der gefürchtete „schwarze Schwan"?

An der Börse wird es immer dann kritisch, wenn etwas passiert, womit niemand gerechnet hat. Etwas, was fundamentalen Einfluss auf die Wirtschaft hat. Etwas, das dafür sorgt, dass selbst die überzeugtesten Optimisten die Seite wechseln. Das Corona-Virus könnte so ein Auslöser sein.

„Die Börse reagiert gerade mal zehn Prozent auf Fakten. Alles andere ist Psychologie“, fasste Börsen-Altmeister André Kostolany das Börsengeschehen einmal treffend zusammen. Was er damit meinte: Die Fakten werden von den Marktteilnehmern unterschiedlich interpretiert. Überwiegen die positiven Einschätzungen, steigen die Aktienkurse. Überwiegen die negativen Einschätzungen, fallen sie. Je nachdem, ob es sich um kurz-, mittel- oder langfristige Einschätzungen handelt, werden so aus den jeweiligen Stimmungen Trends.

Normalerweise bewegen sich Stimmung und Börsenkurse in einem gewissen Rahmen. Mal gibt es etwas mehr Pessimisten, mal mehr Optimisten. Gefährlich wird es, wenn die Einschätzungen plötzlich komplett infrage gestellt werden. Das passiert, wenn aus dem scheinbaren Nichts heraus sogenannte schwarze Schwäne auftreten. Damit sind Ereignisse gemeint, die die große Mehrheit der Marktteilnehmer überraschen und mit einem Schlag zu einer Neubewertung der Marktsituation führen.

Als „schwarzer Schwan“ könnte sich das aktuelle Corona-Virus entpuppen. Es ist durchaus möglich, dass die Situation komplett unterschätzt wird. Denn die vom Virus besonders stark betroffene Provinz Hubei mit ihrer Hauptstadt Wuhan ist ein Drehkreuz der chinesischen Wirtschaft. Hier verlaufen bedeutende Transportwege. Hier schlägt das Produktionsherz Chinas besonders laut. In kaum einer anderen chinesischen Region ist der Import von Investitionsgütern, Öl und Industriemetallen größer. Sollte die chinesische Regierung die Situation nicht unter Kontrolle bekommen, könnte dies nicht nur die Wirtschaft in China abwürgen, sondern internationale Lieferketten aus der Balance bringen. Die Multiplikator-Effekte sind derzeit kaum abzuschätzen. Im schlimmsten Fall ist eine weltweite Rezession denkbar. Ein Szenario, das keine internationale Organisation und keine Zentralbank bisher für möglich gehalten hat.

Privatanleger sollten deshalb vorsichtig agieren und einen Teil ihres Kapitals außerhalb der Aktienmärkte anlegen, um für den Fall eines plötzlichen Abschwungs genügend Reserven zur Verfügung zu haben. Denn Krisen sind gute Zeiten, um Schnäppchenkäufe zu tätigen. Auch diese Erfahrung hat Kostolany kurz und treffend zusammengefasst: „Börsengewinne sind Schmerzensgeld. Erst kommen die Schmerzen, dann das Geld.“

Über den Autor: Helge Müller

Helge Müller ist Chief-Investment-Officer der Genève Invest in Genf und Luxemburg.

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