Komplexe Themen im Bereich Finanzen (be)greifbar machen

Komplexe Themen im Bereich Finanzen (be)greifbar machen

Gerade Finanzthemen sind durch das hohe Maß von Zahlen und Fachbegriffen für viele Laien unverständlich. Dagegen müssen seriöse Profis mit Geduld anarbeiten.
Es mag auf diejenigen, die sich Tag für Tag damit befassen, vielleicht nicht so wirken. Aber das gesamte große Finanzthema ist für Laien ein verwirrend komplexes Feld. Vieles hängt damit zusammen, dass es sich hier vielfach „nur“ um Zahlen handelt. Und so logisch-nüchtern diese dem Experten erscheinen, für den Verbraucher (der sich natürlich auch am anderen Ende einer B2B-Partnerschaft befinden kann) sind sie häufig nicht mal ansatzweise zu verstehen. 2016 führte der IT-Branchenverband Bitkom beispielsweise eine Umfrage durch, bei der unter anderem auch herauskam, dass 67 Prozent der Befragten die Finanzwelt immer weniger verstehen und sich im Zweifelsfall Hilfe im Internet suchen. Insbesondere jedoch ob der Tatsache, dass seriöse Investition auf der Grundlage aufbaut, dass beide Parteien das Thema vollumfänglich begreifen, sollte es nicht dem Kunden auferlegt werden, sich dieses Wissen selbst zu verschaffen, womöglich noch bei Konkurrenten. Doch wie macht man solche teils hochkomplexen Themen begreifbar?

1. Fachchinesisch minimieren

Jede Branche hat ihre Spezialbegriffe, ihre Fachsprache. Und es soll auch nicht in Abrede gestellt werden, dass diese vielfach nötig ist – schon, weil es eben kein anderes griffiges Wort für etwa „Fonds“ gibt. Aber: je mehr klar ist, dass derjenige, der informiert werden soll, kein tief im Thema steckender Routinier ist, desto minimaler und aufs Notwendigste beschränkter sollte die Verwendung von Spezialbegriffen sein. Und wo es nicht möglich ist, statt eines Fachbegriffs einen aus der Alltagssprache zu verwenden, sollte zumindest angestrebt werden, diesen Begriff zu erklären – das ist natürlich im Netz einfacher, da dort auf das entsprechende Wort einfach ein Link zu einem ABC gesetzt werden kann.

Vieles kann zudem schon dadurch erreicht werden, dass Verwendung von englischsprachigen Begriffen reduziert und diese, wo möglich, durch ein deutsches Pendant ersetzt werden – damit nimmt man dem mangelnden thematischen Wissen noch die Problemstellungen, welche durch Sprache hinzukämen.

2. FAQ-Seite erstellen

Die „Entfeinerung“ der Sprache ist schon ein großer Schritt. Allerdings kann niemals gänzlich verhindert werden, dass trotzdem Grundlagenfragen offenbleiben. Das ist im persönlichen Gespräch definitiv ein Problem. Hier kann man nur raten, zu Gesprächsbeginn einen diskreten Hinweis darauf zu geben, dass Zwischenfragen, auch zu Grundlagenthemen, jederzeit möglich sind.

Einfacher ist es im Netz. Hier sollte die berufliche Erfahrung den Leitfaden geben, an dem entlang man häufig gestellte Fragen sammelt und diese auf einer gesonderten Seite erklärt. Eine solche FAQ-Seite ist nicht schwer zu erstellen, wenn man sich dabei an das KISS-Prinzip hält und sich an der Grundlage „Voraussetzungsfreies Schreiben“ orientiert. Bedeutet, kein Grundwissen sollte als gegeben hingenommen werden. Und die Möglichkeit, auf diese FAQ-Seite zu gelangen, sollte von jeder Stelle der Seite aus gegeben sein.

3. Video Storytelling betreiben

Fragt man Schüler, was einen guten Lehrer ausmacht, bekommt man immer eine Antwort, die enthält, dass der Lehrer es vermag, selbst hochkomplexe Sachverhalte so bildlich zu erklären, dass sie einfach klingen. Der didaktische Kniff, den gutes Lehrpersonal dabei anwendet, heißt Geschichtenerzählen, neudeutsch Storytelling.

Ob es nun der Preis einer Tasse Kaffee ist, das Gewicht eines Autos, die Fläche eines Fußballfelds. Fast alles lässt sich auf bekannte, besser vorstellbare Werte übertragen.
Dabei geht es letztendlich um eines: Die zentralen Lerninhalte so in eine Geschichte einzubauen, dass sie leichter ins Gehirn wandern, als die reinen Fakten es vermögen. Das gleiche Prinzip, warum Tabletten abgerundet und mit einer glatten Oberfläche versehen sind. Die moderne Umsetzung dieses Prinzips nennt sich Video Storytelling. Dabei werden die Möglichkeiten des Digitalvideos einerseits mit Grafiken, Cartoons, einer Geschichte kombiniert. Heraus kommen Videos, die nur wenige Minuten dauern, dabei aber den Zuschauer wie ein guter Film fesseln und ihm die wichtigen Informationen praktisch nebenbei vermitteln. Dabei muss in diesem Fall nicht mal das Finanzielle im Fokus stehen, ungleich wichtiger ist es, dass der Zuschauer sich hineinversetzen kann. Das wird im Werbebereich schon seit langem und mit guten Ergebnissen praktiziert.

4. Die Macht der bekannten Bilder nutzen

Mal angenommen, der geneigte Leser hört in den Nachrichten, dass es im Himalaya eine gigantische Lawine gegeben habe. Vier Millionen Tonnen Schnee sollen dabei in Bewegung geraten sein. Das ist deshalb ein gutes Beispiel, weil Finanzexperten nicht zwingend auch über Erfahrung mit Schneemassen verfügen und sich dadurch besser in die Ahnungslosigkeit mancher Finanzkunden hineinversetzen können. Man vernimmt die Meldung also mit einem Fragezeichen im Gesicht: Vier Millionen Tonnen Schnee. Ist das nun viel oder wenig? Was wiegt denn ein Kubikmeter Schnee?

Tasse Kaffee
Ob es nun der Preis einer Tasse Kaffee ist, das Gewicht eines Autos, die Fläche eines Fußballfelds. Fast alles lässt sich auf bekannte, besser vorstellbare Werte übertragen.

An dem Punkt kommt die Macht der bekannten Bilder ins Spiel. Denn der Nachrichtensprecher wird die dimensionslose Zahl in einen bekannten Wert übertragen – vier Millionen Tonnen oder so viel wie zehntausend startbereite Jumbojets. Das kann man sich schon viel eher vorstellen. Dahinter steckt auch der gleiche Grund, warum alljährlich immer wieder „Waldflächen von der Größe des Saarlandes“ Bränden zum Opfer fallen, warum Fußballfelder zum Flächenmaßstab und Gewehrkugeln zum Geschwindigkeits-Messer werden.

Auch im Finanzbereich gibt es zahllose Möglichkeiten: Wer heute die Summe eines Kleinwagens investiert, kann dank Rendite X in Y Jahren den Gegenwert einer Mittelklasse-Limousine herausbekommen. Die monatlichen Ausgaben, die man in Fonds A stecken muss, belaufen sich auf den Gegenwert von fünf Päckchen Kaffee. Das alles sind zwar keine präzisen Werte, wie man sie als Finanzspezialist liebt. Aber wenn es der besseren Verständlichkeit dient, kann davon ruhig zugunsten einer einfacheren Erklärbarkeit Abstand genommen werden.

Fazit

Finanzprofis sollten niemals davon ausgehen, dass ihr Gegenüber über das gleiche massive und über die Jahre kultivierte Profiwissen verfügt, das sie selbst besitzen. Sowohl im B2C- wie B2C-Bereich sollte immer von der Grundlage ausgegangen werden, dass das Gegenüber (überspitzt formuliert) gar nichts weiß. Nur wer das beherzigt und versucht, so voraussetzungsfrei zu erklären und zu beraten, wie es geht, wird mittelfristig dieses Unwissen aufräumen – und dabei nicht nur seinem Gegenüber einen Gefallen tun, sondern auch der gesamten Finanzbranche. Denn die eingangs erwähnten Zahlen an Menschen, die diese nicht mehr verstehen, resultieren zu einem Großteil auch daraus, dass so manche Berater den Otto Normalverbraucher behandeln, als hätte dieser ein umfangreiches BWL/VWL-Studium genossen.

Über den Autor

Markus Jordan

Markus Jordan

Markus Jordan ist Gründer und Herausgeber des EXtra-Magazins. Einer der führenden ETF-Informationsplattformen in Deutschland. Er hat über 25 Jahre Erfahrung im Bereich Finanzen und Geldanlage mit Schwerpunkten auf Exchange Traded Funds, Robo-Advisors und digitale Bankdienstleistungen und ist ein gefragter Experte auf diesen Gebieten.
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