Regulierungscrash in China: Was ist passiert im Reich der Mitte?

In der letzten Juliwoche kam es am Aktienmarkt in China zu einem Börsenbeben. Vor allem bekannte Tech-Titel verloren zum Teil zweistellig. Wie geht es weiter?

Seit einigen Monaten zieht der chinesische Staat die Daumenschrauben gegenüber seiner Tech-Industrie an. Aktienkurse brachen ein, Milliarden lösten sich in Luft auf. Die größten Einbußen musste Pony Ma, Chef des Internetriesen Tencent mit 13,8 Milliarden Dollar hinnehmen. Es folgen Alibaba-Gründer Jack Ma und Hui Ka Yan, Chef des hoch verschuldeten Immobilienentwicklers Evergrande mit jeweils 13,2 Milliarden Dollar.

Präsident Xi geht es seit seinem Amtsantritt 2013 darum, den absoluten Machtanspruch der chinesischen Volkspartei durchzusetzen. Er gründete die zentrale Disziplinarkommission der Kommunistischen Partei. Offizielles Ziel war der Kampf gegen die um sich greifende Korruption im Land. Zunächst konzentrierten sich die Maßnahmen auf Chinas Staatskonzerne, Verwaltungschefs und die Armee. Zehntausende Beamte, Staatsmanager und Funktionäre wurden seitdem vor Gericht gestellt.

Kurz darauf geriet dann der Finanzsektor in den Fokus der staatlichen Kontrolleure. Seitdem verschwinden in China nicht nur Dissidenten, sondern auch Milliardäre plötzlich von der Bildfläche. Allerdings tauchen letztere nach einigen Wochen oder Monaten in der Regel wieder auf. Ihre Konzerne sind dann allerdings häufig zerschlagen. Im letzten November traf es dann mit Jack Ma den Chef des Online-Giganten Alibaba und einer der reichsten Chinesen.

Die Finanzbehörden in China greifen ein

Nachdem er die Finanzbehörden öffentlich als Innovationsbremse kritisiert hatte, schlug diese mit aller Härte zurück. Sie sagte den Börsengang von Alibabas Finanzvehikel Ant Group Anfang November in letzter Minute ab. Es wäre der bisher größte Börsengang weltweit gewesen. Ma verschwand daraufhin für ein paar Wochen aus der Öffentlichkeit.

Als er wieder auftauchte, kündigte er an, sich künftig stärker um wohltätige Projekte kümmern zu wollen. Bei Alibaba ist er nicht mehr aktiv, von dem Großteil seiner Anteile hat er sich getrennt. Der Aktienkurs der Alibaba Group brach damals kräftig ein, erholte sich etwas nach seinem Auftauchen. Von ihrem alten Höchststand ist die Aktie nach wie vor weit entfernt.

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Nach dem Börsenstart in New York folgte der Absturz

Im Juli dieses Jahres erwischte es dann mit dem Fahrdienstvermittler Didi Chuxing eine weitere Größe des chinesischen Tech-Marktes. Didi ist eine jener Apps, die aus dem Alltag in China nicht mehr wegzudenken ist. Das chinesische Äquivalent von Uber hat mehr als 450 Millionen Nutzer in China. Entgegen der Empfehlung der chinesischen Verwaltung ging das Unternehmen Ende Juni an die New Yorker Börse. Dort feierte der chinesische Fahrdienstleister einen fulminanten Börsenstart, der Firmenwert schoss über 80 Milliarden Dollar.

Kurz darauf ordnete die Pekinger Cyberspace-Aufsichtsbehörde die Löschung der Didi-App aus chinesischen App-Stores an. Die Behörde begründete den Schritt mit Datenschutzbedenken. Denn der chinesische Staat wird es den Tech-Unternehmen niemals erlauben, mehr persönliche Daten zu sammeln, als der chinesische Staat selbst von seinem Volk hat. Seit dem Börsengang Ende Juni an der New York Stock Exchange hat die Didi-Aktie drastisch an Wert verloren.

Massiver Kurssturz an den chinesischen Börsen

Vorläufiger Höhepunkt der staatlichen Regulierung ist jedoch der Angriff auf den privaten Bildungsmarkt in China. Ende Juli verkündete Peking überraschend, dass Nachhilfeinstitute zukünftig kein Profit mehr machen dürfen. Vielmehr müssen sich die Institute als Non-Profit-Organisation registrieren lassen. Außerdem wurde den Instituten jetzt untersagt, Schüler am Wochenende zu unterrichten. Akademische Angebote für Kinder unter sechs Jahren müssen komplett eingestellt werden. Der private Bildungsmarkt hat in China ein Volumen von mehr als 100 Milliarden Dollar. Die wachsende Mittelschicht hat immer mehr Geld für die Nachhilfe ihrer Kinder ausgegeben.

Denn Bildung ist der wesentliche Schlüssel für den sozialen und ökonomischen Aufstieg in China. In der Folge brachen die Kurse der betroffenen Unternehmen massiv ein. So büßte die TAL Education Group in den folgenden fünf Tagen drei Viertel ihres Wertes ein, die New Oriental Education & Tech Group stürzte um 65 Prozent ab.

Aber auch für den Internet-Giganten Tencent, der stark im Bildungssektor investiert, ging es abwärts. Der CSI-300-Index, der die Aktien der 300 größten börsennotierten Unternehmen vom chinesischen Festland beinhaltet, verlor ebenfalls deutlich.

Das „Willkür-Risiko“ chinesischer Aktien

Beobachter sprachen bereits von einem Regulierungscrash in China. Vermutlich waren die chinesischen Behörden selbst über die Auswirkungen, die weit über den E-Learning Sektor hinausgingen, überrascht. Denn für viele Investoren kam der Schritt überraschend und stellt die Sicherheit von Investitionen in den chinesischen Markt infrage. Anleger in den chinesischen Markt müssen in Zukunft neben den wirtschaftlichen Kennzahlen zusätzlich das politische Risiko bewerten.

Es ist jedoch nicht einfach, dieses „Willkür-Risiko“ rational zu bepreisen. Andererseits hat der chinesische Markt großes Potenzial, weshalb er auch für Investoren aus Europa interessant bleibt. 2021 rechnet die chinesische Führung immerhin mit einem Wirtschaftswachstum von mehr als 6 Prozent. Doch trotz aller Wachstumsfantasien sollte man die Investitionsquote in den chinesischen Aktienmarkt nicht zu hoch ansetzen. Denn das Risiko eines weiteren Regulierungscrash kann auch für die Zukunft und in anderen Branchen nicht ausgeschlossen werden.

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Über den Autor: Markus Richert

Markus Richert, CFP® und Seniorberater Vermögensverwaltung bei der Portfolio Concept Vermögensmanagement GmbH in Köln.