Schockwellen aus dem Osten

China befindet sich wirtschaftlich in einem grundlegenden Wandel. Das Land will weg von einer Industrie, die sich überwiegend dadurch ausgezeichnet hat, Industrieprodukte möglichst billig herzustellen oder zu kopieren. Ein solcher Industriezyklus ist dann gut, wenn man eine schnell wachsende Bevölkerung mit schnellem Wachstum füttern möchte. Dieses Geschäftsmodell hat aber auch erhebliche Nachteile. Wie hat es ein chinesischer Manager gesagt: „Man kann nicht die größte Volkswirtschaft der Welt werden, indem man billige Schuhe produziert“.

Frank Wieser

PMP Vermögensmanagement

So möchte eine wachsende Bevölkerung, die am Wohlstand schnuppert, besser entlohnt werden. Mit steigenden Löhnen verliert das Land aber seine Kostenvorteile
in der Produktion und die Marktanteile der Unternehmen gehen zurück. Hinzu kommt, dass kaum Innovationen aus China kommen. Erfindungsreiche Unternehmen wie Apple, Google, Siemens, Nike und andere sucht man in China fast vergebens. Das Land bräuchte aber nicht nur ein oder zwei von diesen Unternehmen, sondern in Relation zu seiner Bevölkerung Hunderte oder Tausende. So etwas aufzubauen dauert Jahre und Jahrzehnte. Die chinesische Führung hat folgerichtig erkannt, dass ein genereller Wechsel in der volkswirtschaftlichen Struktur notwendig ist, bei gleichzeitiger Bekämpfung der Korruption und einem verbesserten Umweltschutz. Eine solche Umwälzung dauert, ist tief greifend und gerade erst am Anfang. Mit zunehmenden Pleiten ist daher zu rechnen.
Welche Folgen das auf den Schattenbanksektor haben wird, ist noch gar nicht abzusehen. Kein Wunder, dass Anleger und Börsen nervös sind. War man über Jahre ein konstantes und kalkulierbares Wachstum gewohnt, so sehen sich Investoren jetzt mit dem niedrigsten Wachstum seit 25 Jahren konfrontiert. Die Hoffnung auf höhere Wachstumszahlen ist bei den Veränderungen zudem gering. Hinzu kommt, dass die chinesischen Behörden bisher wenig bis keine Erfahrung in der Kapitalmarktkommunikation haben. Während man an den westlichen Börsen gerne in Tagen denkt, denkt man in Asien in Generationen. Anleger werden sich also noch einige Zeit auf chinesische Turbulenzen einstellen müssen. Gleichzeitig dürften die Kurse volatil bleiben. Dennoch ist der neue Kurs der chinesischen Regierung vernünftig und nachvollziehbar und er wird zu einem nachhaltigeren Wachstum führen. Da China quasi keine Auslandsverschuldung hat, kann es die Reformen unbeeinflusst durchführen. Investoren sollten sich China dann wieder ansehen, wenn das Wirtschaftswachstum über mehrere Quartale konstant bleibt, man als Anleger also die neue Welt besser kalkulieren kann. Bis es so weit ist, dürften wir immer wieder kleine und große Schockwellen aus dem Osten bekommen.