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Smartphone- oder Direktbanken: Wer macht das Rennen?

Kunden haben die Qual der Wahl zwischen hippen Funktionen und der Seriosität etablierter Bankhäuser – meint man. Doch die Realität liegt irgendwo dazwischen. Smartphone- und Direktbanken in der Analyse. Smartphone-Banken sind beliebt: Branchenführer wie N26 gewinnen aktuell täglich 5.000 Kunden. Wie Recherchen von Gründerszene.de zudem zeigen, muss N26 lediglich rund zwanzig Euro ins Marketing stecken, um einen neuen Kunden zu generieren. Die Schlussfolgerung daraus liegt auf der Hand: Es muss am Produkt selbst liegen, weswegen N26 inzwischen weit über zwei Millionen Kunden in Europa hat und zudem gerade dabei ist, nach Nord- und Südamerika zu expandieren. Doch was macht Smartphone-Banken überhaupt aus? Viele Kunden schätzen die kleinen Annehmlichkeiten. Bei N26 beispielsweise erhalten Nutzer bei jeder Kontotransaktion eine Push-Nachricht aufs Smartphone. Auch im Auslandseinsatz punktet die Smartphone-Bank mit Gebührenfreiheit für Zahlungen und anderen Goodies. Viele Nutzer schätzen auch Funktionen wie den Inkognito-Modus beim Arbeiten im öffentlichen Raum oder den Nachtmodus, der die Augen schonen soll.

Direktbanken bieten das umfassendere Angebot

Solche Funktionen sind zweifelsohne anwenderfreundlich, doch wie sieht es mit dem klassischen Banking-Angebot aus? N26 hat erst kürzlich sein Geldanlage-Feature auf Basis von ETFs eingestellt. Auch wenn es um Kredite geht, hinkt N26 klassischen Banken hinterher. Wie aktuelle Recherchen von Gründerszene.de zeigen, hatte N26 Ende 2017 gerade einmal Kredite in Höhe von rund 14 Euro je Kunde vergeben. Doch die Smartphone-Banken scheint es nicht zu stören, dass sie bislang häufig nur in Teilbereichen des Bankgeschäfts präsent sind – offenbar reicht das, um Kunden zu überzeugen, glaubt auch Manuel Döpper, Marketing Manager bei Moneyou Go, Digitalbank-Tochter der niederländischen ABN Amro: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass modernes Banking von den kleinen Innovationen lebt. Diese sorgen in Summe für eine neue Nutzer-Erfahrung. Bei uns ist das beispielsweise die Verknüpfung von Wallets mit der Debit Mastercard, um eine gute Kostenübersicht zu erreichen. Bei Moneyou Go kann man in wenigen Sekunden per Drag and Drop auf dem Smartphone die Debitkarte mit einem anderen Wallet verknüpfen. Das gelingt auch noch an der Supermarktkasse.“ Wallets sind bei Moneyou Go Unterkonten, mit deren Hilfe sich die eigenen Finanzen organisieren und Ausgaben reglementieren lassen. Eine ähnliche Funktionalität bieten auch N26 oder Revolut unter den Begriffen Space beziehungsweise Vault.

Dass sich viele der neuen Smartphone-Banken zunächst auf die Bereiche Girokonto und Payment stürzen, um Kunden zu überzeugen, ist naheliegend. Schließlich werden diese Bank-Dienstleistungen im Alltag am häufigsten genutzt. Auch die heutigen Platzhirsche wie DKB (► Zum Testbericht) oder ING (► Zum Testbericht) haben auf diese Weise einmal angefangen und die Filialbanken herausgefordert. Dabei wird das Girokonto als „Ankerprodukt“ etabliert und erst nach und nach ein Portfolio an Zusatzleistungen aufgebaut. Inzwischen bietet beispielsweise die DKB neben dem Girokonto und kostenlosen Abhebungen im In- und Ausland auch Konsumentenkredite und Geldanlage bis hin zur Baufinanzierung. Doch warum erfahren Smartphone-Banken angesichts des ebenfalls preiswerten und vor allem umfassenden Angebots der Direktbanken aktuell einen derartigen Hype? Sind die Apps von Revolut, N26 oder Moneyou Go so viel besser?

Smartphone-Banken punkten in Nischen

Zweifelsohne haben Wallets, Spaces oder Vaults ihren Charme. Doch auch Direktbanken haben in den vergangenen Jahren aufgerüstet: Apps gibt es längst auch von ING und Co. Mit dabei immer öfter auch smarte Funktionen aus Fintech-Schmieden: „Wir haben uns in den vergangenen Jahren sehr ausführlich mit den Bedürfnissen unserer Kunden auseinandergesetzt, haben umfangreiche Befragungen vorgenommen und auch zahlreiche Neuheiten getestet. Im Zuge dessen hat die DKB vielfach innovative Services fest implementiert. Beispiele sind Clark, Überweisungen per Foto, Datei-Upload, QR-Code-Scan oder Siri, Geld einzahlen und abheben per Cash-im-Shop, individueller Finanzstatus mit Multibanking-Möglichkeit, die Integration von Paypal, Cashback beim Online-Shopping, Online-Konto- und Depotwechselservice oder der digitale Tresor, um eigene Dokumente sicher und zeitlich unbegrenzt abzulegen“, erläutert Sascha Dewald, Bereichsleiter Privatkundengeschäft der DKB. Die Direktbank baut dabei auf die gewachsene Zusammenarbeit mit Fintechs und sieht im Plattform-Banking die Zukunft: „Wir setzen bereits seit vielen Jahren neben eigenen Entwicklungen auch auf Partnerschaften, um die besten Produkte für unsere Kunden anzubieten. Dabei ist ein umfangreiches Ökosystem mit Start-ups rund um unser Konto entstanden, z. B. mit Finreach, Gini, Barzahlen und anderen. Der Weg zur Plattform ist für uns der nächste logische Schritt, um die Kundenwünsche stets optimal und zeitgemäß bedienen zu können“, so Dewald weiter. Innovationen werden bei Direktbanken also auch in den kommenden Jahren Thema sein. Für einige Funktionen, für welche die neue digitale Konkurrenz gefeiert wird, sieht man bei etablierten Anbietern wie der DKB keine direkte Notwendigkeit. Ein besserer Umgang mit Fremdwährungen bis hin zu Fremdwährungskonten oder auch automatisierte Spar-Routinen auf Basis künstlicher Intelligenz scheinen für Kunden dieser Institute keine Priorität zu haben. Nutzer würden sich in erster Linie ein solides und sicheres Produkt wünschen, das um Zusatzangebote erweitert wird, so die Direktbanken.

Gar nicht so viel anders denken Vertreter von Smartphone-Konten wie Manuel Döpper: „Wir sehen die App als digitalen Hub. Auf Basis einer nutzerfreundlichen App bauen wir unser Angebot Schritt für Schritt aus“, so der Marketer, der den Start von Moneyou Go 2018 mit seinem Team begleitet hat. Dennoch soll es bei Moneyou Go mit Innovationen möglichst schnell gehen, dazu setzt das Team auf den intensiven Austausch: „Wir orientieren uns bei der Entwicklung neuer Funktionen an den Wünschen unserer Kunden. Deren Feedback setzen wir in einem agilen Entwicklungsprozess nach und nach um und rollen alle zwei Wochen eine neue Version unserer App aus“, schildert Döpper. Das erscheint angesichts des Vorsprungs vieler Direktbanken auch geboten. Erst nach und nach führte Moneyou Go beispielsweise Daueraufträge und andere für klassische Girokonten elementare Funktionen ein. Mittelfristig legt das Team einen Schwerpunkt auf die Bereiche Ausgabenkontrolle und Sparen. Einen Schritt weiter ist N26 und verweist seine Kunden auf Sparkonten im europäischen Ausland. Unter dem Label N26 Savings sind sogar Einlagen mit einer Verzinsung jenseits der Ein-Prozent-Marke möglich, die dafür aber nicht täglich verfügbar sind.

Kopf-an-Kopf-Rennen um die Kunden

Trotz einiger smarter Details heben sich Smartphone-Banken keineswegs so deutlich vom Angebot vieler klassischer Banken ab. Selbst Genossenschaftsbanken und Sparkassen sind inzwischen im App-Zeitalter angekommen und machen es ihren Kunden heute leichter als noch vor Jahren. Noch geringer ist der Abstand zu Direktbanken: ING oder DKB punkten mit günstigen Konditionen, innovativen Funktionen und nicht zuletzt schmalen Gebühren. Hinzu kommt das größere Leistungsangebot rund um Kredite oder Geldanlage. Das Beispiel von N26 und dem eingestampften Geldanlage-Feature zeigt, dass die Dynamik von Smartphone-Banken durchaus auch eine Kehrseite haben kann. Vielleicht auch aus diesem Grund hält sich die Zahl derjenigen Kunden, die ihr Erstkonto bei Smartphone-Banken haben, noch in Grenzen. Laut Gründerszene.de beliefen sich die gemittelten Einlagen eines Kunden Ende 2017 bei N26 auf etwas weniger als 590 Euro. Bei anderen Smartphone-Banken sollen diese Zahlen sogar noch geringer ausfallen. Das noch vergleichsweise junge Angebot Moneyou Go geht damit ganz offensiv um und macht keinen Hehl daraus, dass viele Nutzer noch ein anderes Konto haben. Um langfristig konkurrenzfähig zu sein, müssen Smartphone-Banken im Alltag mit einer einmaligen Nutzererfahrung punkten. Aktuell gelingt das vielen Anbietern. Doch vor allem Direktbanken schlafen nicht.

Fazit

Smartphone-Banken bieten ihren Zielgruppen attraktive Funktionen. Anbieter wie N26 oder Revolut punkten mit ihrer Internationalität. Moneyou Go hilft vor allem jungen Nutzern, das Geld zusammenzuhalten. Der Schatten von Direktbanken wie DKB oder ING ist aber groß. Viele Kunden sind auch mit den Platzhirschen gut bedient.

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