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Amlan Roy: "Demographische Zeitbombe"

Bis zum Jahr 2050 wächst die Weltbevölkerung nach Prognosen der Vereinten Nationen auf knapp zehn Milliarden Menschen. Auch der Anteil der über 60 Jährigen wächst an der Gesamtbevölkerung wächst bis dahin rasant. Gleichzeitig nimmt die Mittelschicht, die sich auch hochwertige Konsum- und Luxusgüter leisten kann, zu. Mit ETFs können Anleger an diesem Mega-Trend partizipieren. Das EXtra-Magazin sprach über den Megatrend demographische Entwicklung und sich daraus ergebende Anlagemöglichkeiten mit Amlan Roy, Leiter Strategie Ruhestand & Demografie bei State Street.

Die demographischen Probleme Deutschlands sind seit längerer Zeit bekannt. Welche Länder sind darüber hinaus noch von der Alterung der Gesellschaft betroffen?

In vielen Ländern altert die Bevölkerung. Italien, Japan, Schweden, Griechenland, Südkorea und Hong Kong sind diejenige mit den ältesten Einwohnern. In einer Reihe von Schwellenländern altert die Bevölkerung sogar schneller als in den entwickelten Ländern. Dazu gehören Thailand, China und Russland.

Welche Probleme ergeben sich aus diesem Prozess?

Älter werdende Gesellschaften sind per se nicht gut oder schlecht wie sich in Ländern wie Schweden, Norwegen Dänemark oder Finland zeigt. Dort hat man grundlegende Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Pensionsreformen durchgeführt. Weitere Länder die progressiv mit einer älter werdenden Bevölkerung umgehen sind Singapur, Chile und Malaysia. Unserer Ansicht nach führt der rasche Anstieg der Altersgruppe 80+ zu einem erhöhten Druck auf die Fiskalpolitik. Die Tatsache, daß immer weniger junge Leute immer mehr alte Leute unterstützen müssen führt zu einer demographischen Zeitbombe. Deren Folge ist ein geringeres Wachstum, höhere Staatsschulden und unter Umständen eine geringere Produktivität und niedrigere Inflation. Dies stellt die meisten Länder und ihre Politiker vor große Herausforderungen.

Wie können davon betroffene Staaten diese Probleme lösen?

Im Demographischen Manifest (2000) haben wir dargestellt das die betroffenen Länder einen umfassenden Mix verschiedener politischer Reformen vornehmen müssen. Dazu gehören eine flexible Verrentung und kein verpflichtende fixierter Übergang. Die Gleichstellung wird Frauen einen bessere Ausgleich zwischen Familie und Beruf ermöglichen. Zudem wir eine gezielte Migrationspolitik die sich an den Fähigkeiten, Kosten und weitern Aspekten der Integration orientiert erforderlich sein. Ebenso ist eine Verlagerung von Tätigkeiten besser als eine Immigration. In einigen Länder hat es Fortschritte gegeben aber es ist mehr erforderlich.

Sie erwähnten auch die Immigration als einen Ansatz, die demographischen Probleme zu lösen. Kommt es dabei aber nicht auch auf den Bildungsstand der Zuwanderer und den Integrationsprozess in die Arbeitswelt an? Und können zunehmende soziale Spannungen nicht noch die Probleme verstärken?

Staaten müssen eine Kosten-/Nutzenrechnung der Migration mit Blick auf die erforderlichen und fehlenden Fähigkeiten sowie die eigenen Bedürfnisse und Notwendigkeiten erstellen. Die wurde in den 1980er, 1990er Jahren und dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts  nicht konsequent gemacht. Angesichts eines geringeren Wachstums ist dies aber erforderlich da die Kosten der Immigration hoch sind und länderspezifisch variieren. Eine Immigrationspolitik muß immer auch die eigene Bevölkerung, die Beschäftigten und Institutionen sowie das Vorsorge und Wohlfahrtssystem des jeweiligen berücksichtigen und darauf abstellen.

Welche Auswirkung hat dieser Trend für den Aktien- und Anleihemarkt sowie andere volkswirtschaftlichen Kennzahlen?

Demografie wirkt sich auf Wachstum, Beschäftigung, Staatsverschuldung und die politische Stabilität aus. Eine hohe Jugendarbeitslosigkeit schafft Raum für Populismus und politische Instabilität vom arabischen Frühling im mittleren Osten über Italien bis nach Brasilien. Die politische Instabilität wiederum beeinflußt die Aktien- und Anleihemärkte negativ. Überalterung führt zu einer höheren Staatsverschuldung die sich wiederum in Risikoaufschlägen (Spreads) und dem Rating eines Landes widerspiegelt. Das nachhaltige Management der Folgen einer alternden Bevölkerung is eine Herausforderung für viele Staaten in denen die Rentenzeiten und –zahlungen steigen.

Die demographische Entwicklung bietet aber auch Chancen. Auf welche Branchen sollten Anleger setzen und warum profitieren sie an diesem Trend?

Aus unserer Sicht werden vor allem die die Sektoren Pharma & Biotechnologie, Finanzdienstleistungen, Freizeit & Luxusgüter, Infrastruktur, Rohstoffe und die Schwellenländer profitieren.

Insbesondere Schwellenstaaten werden angesichts dieser Entwicklung immer wichtiger. Welche Sektoren profitieren hierbei besonders und worauf sollten Anleger bei Emerging Markets besonders achten?

Der Vorteil und die vermeintlich demographische Dividende der Schwelländer kann darin bestehen, ihre jüngeren Bevölkerungen und Konsumenten besser auszubilden. Dies führt zu einem Produktivitätsfortschritt und höherer Beschäftigung. Das gilt jedoch nicht für alle Schwellenländern gleichermaßen sondern nur für diejenigen die eine eine ganzheitliche Arbeitsmarkt-, Bildungs- Wohlfahrts- und Vorsorgepolitik betreiben.

Stichwort Altersvorsorge: Immer mehr junge Arbeitnehmer müssen im deutschen Rentensystem für immer mehr ältere Menschen die Rente erarbeiten. Die Rente für künftige Generationen wird immer unsicherer. Wie sollte der Staat aus Ihrer Sicht das Rentensystem umbauen und wie sollten jüngere Anleger aus Ihrer Sicht fürs Alter privat vorsorgen?

Deutschland ebenso wie andere Länder mit einer alternden Bevölkerung müssen ihre Vorsorgezusagen in einem Umfeld geringeren Wachstums und niedriger Inflation anpassen. Entscheidend ist dabei auch das ältere Mitbürger gesund bleiben, länger arbeiten, sich weiterbilden und mehr Vorsorge für ein längeres Leben treffen. Technologie und Gleichstellung stärkt die Gesellschaft und macht sie widerstandsfähiger. Einher geht damit ein fairer Generationenvertrag für die jüngeren Bevölkerungsteile und eine fairer und gleichberechtigtere Gesellschaft insgesamt.

Zur Person: Dr Amlan Roy, Chief Global Retirement Strategist at SSGA is an experienced Global Macro-Finance researcher and Thought Leader specialising in Demographics related to Economics, Investments and Social Policy. He presents to institutional clients in the private and public sector across 30+ countries He is a Senior Research Associate at LSE and Guest Finance Professor at LBS.

Sie möchten mehr zum Thema demographische Entwicklung erfahren? Weitere Details zu diesem Megatrend und wie Sie über ETFs daran partizipieren können, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Extra-Magazins Februar/März 2019.