David Wenicker (iShares) über die Anfänge von ETFs

ETFs sind in Deutschland längst den Kinderschuhen entwachsen. Wir haben nachgefragt bei David Wenicker, Leiter iShares Privatkundengeschäft in Deutschland bei Blackrock. Wenicker berichtet dabei sowohl über die Anfangszeit, über aktuelle Entwicklungen und gibt Privatanlegern Ratschläge.

ETFs sind in Deutschland mittlerweile 20 Jahre alt. Können Sie uns über die Anfangszeit berichten?

Die beiden ersten ETFs in Europa waren Produkte auf den Euro Stoxx 50 und den Stoxx Europe 50, die im April 2000 an der Deutschen Börse auf Xetra gelistet wurden. Heute gehören sie zu iShares. Insofern sind wir als Pionier von Anfang an dabei und gestalten die Entwicklung des Marktes seitdem aktiv mit.

In der Anfangszeit kamen ETFs fast ausschließlich bei institutionellen Investoren zum Einsatz, inzwischen haben sie sich auch im Privatkundengeschäft fest etabliert. Dort sind sie nicht nur bei Selbstentscheidern, sondern auch im Beratungs- und Filialgeschäft angekommen.

Ein weiterer wichtiger Unterschied von damals zu heute: Während ETFs in ihrer Anfangszeit fast ausschließlich die großen Leitindizes bei Aktien abbildeten, bieten sie inzwischen Zugang zu allen wichtigen Anlageklassen und Märkten: breit oder mit Fokus auf spezifische Segmente wie Aktienmärkte einzelner Länder oder Anleihen-Bonitäten, nach Marktkapitalisierung gewichtet oder nach alternativen Methoden, etwa im Hinblick auf wissenschaftlich fundierte Renditetreiber – sogenannte Stil-Faktoren wie günstige Bewertung (Value), positive Kursdynamik (Momentum), geringe Volatilität (Minimum Volatility), hohe Unternehmensqualität (Quality) und geringere Unternehmensgröße (Size).  Hinzu kommt die Möglichkeit, Umwelt- und Sozialkriterien sowie Aspekte guter Unternehmensführung (Environmental, Social und Governance, kurz ESG) über ETFs in Anlageentscheidungen einzubeziehen Dies ermöglicht privaten und institutionellen Anlegern, ihre Marktmeinungen immer präziser und individueller umzusetzen.

Mussten Sie in den Anfangsjahren viel Überzeugungsarbeit leisten?

Wie bei jeder Produkteinführung ging es zunächst darum, den Mehrwert von ETFs herauszustellen. Wir haben uns darauf konzentriert, ganz konkret zu zeigen, welche neuen Wege im Portfoliomanagement ETFs ermöglichen – beispielsweise, wenn es darum geht, Cash-Bestände flexibel und effizient zu verwalten, schnell und kostengünstig Markt-Exposure auf- und abzubauen oder Positionen abzusichern. Dass ETFs intuitiv verständlich sind, kam uns dabei gewiss zugute.

Die Argumente für ETFs scheinen überzeugt zu haben. Worin sehen Sie die wesentlichen Gründe für die Erfolgsgeschichte?

Der Grund für den Erfolg von ETFs liegt in den wesentlichen Eigenschaften der Produkte. Sie sind intuitiv verständlich, kostengünstig, transparent, liquide und flexibel einsetzbar.

Manche ETFs bieten in einem einzigen Produkt Zugang zu Aktien von mehr als 1.000 Unternehmen aus aller Welt. Dies macht es möglich, mit einer einzigen Transaktion in ein breit diversifiziertes Portfolio zu investieren.

Zudem sind ETFs börsentäglich zu ständig aktuellen Preisen an der Börse handelbar, verschiedene Market Maker sorgen für eine hohe Preisqualität und einen sehr liquiden Handel. Weil ETFs am Primär- und Sekundärmarkt gehandelt werden, sind die Fonds vielfach liquider als die zugrundeliegenden Basiswerte.

Aufgrund der Flexibilität, die sich daraus ergibt, passen ETFs perfekt in ein Marktumfeld, das von erhöhter Volatilität geprägt ist und vermehrt taktische Positionierungen erfordert. Gleichzeitig eignen ETFs sich sehr gut, um strategische Positionen als langfristig ausgerichteten Kern eines Portfolios aufzubauen. Ein Vorteil, den ETFs dabei ausspielen können, sind ihre günstigen Kosten. Denn eine geringere Kostenbelastung kann die Wertentwicklung eines Portfolios langfristig begünstigen.

Hinzu kommt, dass börsennotierte Indexfonds seit Langem zu den besonders transparenten Finanzprodukten am Markt gehören. Dies umfasst, dass Anbieter ihre Portfoliobestände börsentäglich aktuell veröffentlichen. Damit hat die Branche neue Maßstäbe für die gesamte Finanzindustrie gesetzt.

Bei all den Erfolgen in der Branche ist die gute Stimmung erstmal vorbei. Leider mag angesichts von Corona keine richtige Feierlaune aufkommen. Sehen Sie abgesehen möglicher weiterer Kursabstürze zusätzliche Probleme, die sich für ETF-Anleger infolge von Corona ergeben könnten?

Die volatilen Märkte der vergangenen Wochen waren für ETFs eine erneute Bewährungsprobe, die sie erfolgreich gemeistert haben. Trotz erhöhter Volatilität und eines Handelsvolumens auf Rekordhöhe verliefen die Transaktionen ordnungsgemäß. Zwar waren die Geld-Brief-Spannen aufgrund der Unsicherheit an den Märkten etwas weiter also normalerweise üblich, jedoch konnten Anleger ETF-Anteile jederzeit kaufen und verkaufen.

Der erhöhte Anteil am Gesamthandel mit Aktien und Anleihen zeigt, dass ETFs für Anleger gerade auch in stressigen Marktphasen das Mittel der Wahl sind, um handlungsfähig zu bleiben und Marktmeinungen flexibel und effizient umzusetzen. Europäische Aktien-ETFs auf US-Indizes wie den Dow Jones oder S&P 500 haben sich als Marktreferenz bewährt, während die entsprechenden Futures auf Grund der Volatilität vom Handel ausgesetzt waren („limit down“). Damit bestätigt sich, was wir bereits in früheren volatilen Marktphasen beobachtet haben.

Besonders deutlich geworden sind die Vorteile von ETFs erneut im Anleihenbereich. Obwohl beispielsweise Hochzinsanleihen aus Schwellenländern zeitweise vom Handel ausgesetzt waren, konnten Anleger entsprechende ETFs weiterhin handeln. Denn während Transaktionen bei Einzelanleihen in erster Linie außerbörslich ablaufen, werden Anleihen-ETFs auch an Börsen gehandelt. Auf diese Weise bieten sie eine zusätzliche Liquiditätsschicht.

Was raten Sie gegenwärtig Privatanlegern, die auf ETFs setzen?

Die Erfahrung zeigt, dass solche unerwarteten Entwicklungen am Kapitalmarkt immer wieder passieren können. Deshalb ist es wichtig, Portfolios robust und langfristig tragfähig aufzustellen. Drei Grundsätze dafür lauten im aktuellen Umfeld wie folgt:

Erstens: Bleiben Sie investiert. Für Anleger mit langen Anlagehorizonten ist das kurzfristige Auf und Ab an den Börsen nicht ausschlaggebend. Wer zum Beispiel über Sparpläne auf börsennotierte Indexfonds (ETFs) kontinuierlich und langfristig Vermögen aufbaut, kann davon sogar profitieren – wegen des Durchschnittskosten-Effekts. Das heißt: Bei relativ hohen Börsenkursen kaufen Anleger weniger vergleichsweise teure Anteile, bei niedrigeren Kursen erwerben sie mehr günstige Anteile – mit dem damit verbundenen Aufholpotenzial. Gerade in dieser Hinsicht bietet das aktuelle Marktumfeld Chancen. Wer noch keinen ETF-Sparplan abgeschlossen hat, kann dies jetzt in Erwägung ziehen, bereits ab 25 Euro monatlich.

Zweitens: Bleiben Sie diversifiziert. In den 1990er Jahren waren einige Anleger der Ansicht, dass der Besitz von Staatsanleihen und anderen weniger riskanten Investments nicht besonders sinnvoll sei, da anderswo höhere Renditen winkten. Was folgte, waren eine Rezession und ein 30 Monate langer Abwärtstrend an den Aktienmärkten. Insofern zeigte schon die damalige Entwicklung die Vorteile breit aufgestellter Portfolios. Dieselbe Lektion wurde uns 2008/2009 erteilt – und in diesem Frühjahr erneut. Anregungen zur Diversifikation gibt BlackRock beispielsweise mit den iShares Modellportfolios, die auf Anleger mit unterschiedlichen Rendite-Risiko-Profilen zugeschnitten sind beziehungsweise den Fokus gezielt auf Nachhaltigkeit legen. Diese Modellportfolios geben Anregungen. Anleger können diese selbst kostengünstig und effizienten über ETFs umsetzen oder eine sozusagen schlüsselfertige Portfoliolösung wählen.

Drittens: Machen Sie Ihr Portfolio durch nachhaltige Anlagestrategien zukunftsfähig. Entsprechende Strategien berücksichtigen Umwelt- und Sozialkriterien sowie Aspekte guter Unternehmensführung (auf Englisch: Environmental, Social und Governance – kurz ESG). Sie sind zunehmend gefragt, unter anderem im Hinblick auf das Risikomanagement. Gerade auch durch die Marktentwicklungen der vergangenen Wochen erkennen immer mehr Anleger, dass nachhaltige börsennotierte Indexfonds zur Portfoliooptimierung beitragen können. So haben nachhaltige ETFs weltweit betrachtet auch während der Marktturbulenzen im März deutliche Nettomittelzuflüsse verbucht, während Anleger aus den klassischen Pendants unterm Strich Mittel abzogen. Seit Jahresanfang verbuchten nachhaltige ETFs 14 Milliarden Dollar frisches Kapital – bereits mehr als die Hälfte des Gesamtzuflusses 2019 (Quelle: Blackrock; Stand: 24. März 2020). Die direkten Folgen des Klimawandels und die damit einhergehende Umschichtung von Kapital werden die ökonomischen Fundamentaldaten, die erwarteten Renditen und die Risikoeinschätzungen verändern. Dies gilt es in der strategischen Asset-Allokation zu berücksichtigen. Besonders effizient lassen sich nachhaltige Anlagestrategien in vielen Fällen mit börsengehandelten Indexfonds umsetzen.