Die Deutsche Börse war mit der Einführung von ETFs Vorreiter in Europa

Der ETF wird in Deutschland 20 Jahre alt. Wir haben mit Stephan Kraus gesprochen, der bei der Deutschen Börse für die ETF-Sparte verantwortlich ist. Kraus berichtet über die Anfänge, die Entwicklung und wagt einen Ausblick.

ETFs feiern ihr 20-jähriges Jubiläum in Deutschland. Können Sie uns berichten, wie es dazu kam und wie sich die Anfangszeit gestaltet hat?

Mit der Einführung im April 2000 war die Deutsche Börse Vorreiter in Europa. Es wurden zwar schon erste ETFs in den USA gehandelt, der Markt war aber noch recht überschaubar. Allerdings war schon klar erkennbar, dass die Produkte für Investoren sehr interessant sind. Unser Auftrag war es also, auch Investoren in Europa Zugang zu ETFs zu ermöglichen. Dass ETFs aber zur weltweiten Erfolgsgeschichte werden, damit war vor 20 Jahren noch nicht zu rechnen. Der Trend zu passiven Investments über ETFs nahm erst einige Jahre später an Fahrt auf.

Nur wenige Wochen vor der Einführung platzte die Dotcom-Blase. Hatten ETFs daher erstmal einen schweren Stand?

Nach dem Platzen der Dotcom-Blase wurden Aktieninvestments grundsätzlich von vielen Anlegern kritisch beäugt. Hinzu kam, dass ETFs, ihre Funktionsweise und Vorteile den meisten Anlegern noch völlig unbekannt waren. Die Herausforderung für Emittenten und Börsen bestand also vor allem darin, Anlegern möglichst einfach das Konzept eines fortlaufend an der Börse handelbaren Indexfonds zu erläutern. Unser Ansatz sah dann wie folgt aus: ETFs kombinieren die wesentlichen Produkteigenschaften zweier bereits bekannter Wertpapiertypen, nämlich Fonds und Aktien. Sie sind flexibel handelbar wie eine Aktie und diversifiziert wie ein Fondsinvestment.

Mittlerweile sind ETFs auf dem besten Weg, sich bei Anlegern zu etablieren und nehmen seit Jahren einen zunehmenden Raum ein. Worin sehen Sie die Erfolgsgeschichte begründet?

ETFs sind einfach, transparent und flexibel. Einfach, weil ein Produkt ganze Märkte abbilden kann, transparent, weil der zugrunde liegende Index offenliegt, und flexibel, da die Produkte äußerst liquide an der Börse zu handeln sind. Ein wichtiger Aspekt beim Thema Flexibilität ist auch, dass ETFs zunehmend als Baustein in Portfolios eingesetzt werden, deren Anlageziel darin besteht, den Gesamtmarkt zu übertreffen. Sie sind als passives Kerninvestment also Bestandteil einer aktiven Anlagestrategie. Hinzu kommen natürlich die geringen Verwaltungsgebühren, die für institutionelle wie private Investoren attraktiv sind.

Die Anzahl an ETFs nimmt beinahe wöchentlich zu. Welche Bereiche sind besonders beliebt bei Anlegern?

Das ETF-Angebot ist mit jeweils über 180 neuen Produkten gerade in den vergangenen zwei Jahren enorm gewachsen. Der Fokus hierbei lag vor allem auf Faktor-Strategien und Nachhaltigkeit, der mit Abstand erfolgreichsten Kategorie im Jahr 2019. Das verwaltete Vermögen von nachhaltigen ETFs auf Xetra ist gegenüber dem Vorjahr entsprechend stark gestiegen – von 7 auf 23 Milliarden Euro. Mittlerweile haben Anleger die Wahl zwischen 150 ESG-Produkten, das ist ein Zehntel des Gesamtangebots. Der Trend zu nachhaltigen Investments scheint besonders unter europäischen Investoren ausgeprägt. In der Gesamtbetrachtung muss man aber festhalten, dass das in ESG-ETFs investierte Vermögen mit aktuell rund drei Prozent des gesamten verwalteten ETF-Vermögens noch relativ gering ausfällt.

Hohes Anlegerinteresse gibt es auch bei neuen Themen- und Branchen-ETFs: Der erste europäische ETF mit Fokus auf die medizinische Cannabis-Industrie, der im Januar mit einem Erstlisting in Frankfurt gestartet ist, hat hohe Transaktionszahlen generiert. Aber auch andere Themen-ETFs wie zum Beispiel Automation und Robotics oder Cybersicherheit wurden zuletzt rege gehandelt.

Das größte Interesse bei ETFs liegt jedoch weiterhin bei den klassischen Benchmark-Indizes wie Dax, Euro Stoxx 50 und S&P 500. Darüber hinaus verzeichneten auch Investments in breit diversifizierte europäische und globale Indizes wie etwa Stoxx Europe 600 oder MSCI World große Nachfrage.

Wagen wir zum Schluss noch einen Ausblick: Der ETF-Markt ist in den vergangenen 20 Jahren stetig gewachsen. Rechnen Sie mit weiterem Wachstum in den kommenden Jahren?

Wir gehen davon aus, dass das von ETFs verwaltete Vermögen weiterhin hohe Wachstumsraten verzeichnen wird. Auch dürfte die Produktanzahl von derzeit über 1.500 ETFs weiter wachsen, nach der zuletzt außergewöhnlich hohen Listing-Aktivität wahrscheinlich aber in langsameren Schritten. ETF-Anbieter werden dabei weiterhin ein gutes Gespür für Trends zeigen, mit denen Anlegerinteressen gezielt angesprochen werden können. Neben einem Ausbau des Angebots an ESG- und Themen-ETFs dürfte insbesondere die Auswahl an Renten-ETFs weiter zunehmen.  

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