Von Katja Brauchle30. September 2021

Experte: "5 Prozent Kryptowährungen im Portfolio sind vollkommen normal"

Jason Guthrie, Head of Digital Assets bei WisdomTree, erklärt im Interview, warum er davon überzeugt ist, dass Kryptowährungen den Finanzmarkt langfristig verändern werden. Außerdem erläutert er Sinn und Unsinn von staatlich regulierten Kryptowährungen und gibt allen Anlegern einen guten Tipp mit auf den Weg.

Mr Guthrie, Kryptowährungen erleben gerade einen Boom. Glauben Sie, dieser Boom wird langfristig anhalten?

Wir sind überzeugt, Kryptowährungen sind gekommen, um zu bleiben. Nach dem Crash im Jahr 2017, oder nennen wir es große Korrektur, vertraten viele etablierte institutionelle Investoren die Überzeugung, dass Kryptos tot sind. Im Konsens sollten Anleger besser in andere Anlageklassen investieren, da Zweifel an der Beständigkeit des Bitcoins bestanden.

Heute hat sich die Meinung zu Kryptos von damals gänzlich gedreht. Wir sehen eine breitere Akzeptanz gegenüber der Anlageklasse, was sich mitunter in der Marktmentalität widerspiegelt.

Welchen Mehrwert haben Kryptowährungen in Bezug auf Finanzdienstleistungen im Allgemeinen?

Durch Kryptowährungen werden komplett neue Geschäftsmodelle am Markt entstehen. Im dezentralisierten Finanzbereich sehen wir bereits interessante Geschäftsmodelle, die im Vergleich mit dem traditionellen Bereich sehr attraktiv sind. Wenn wir uns mit eher funktionalen Problemen befassen, wie mit der finanziellen Inklusion, also Menschen, die keinen Zugang zu grundlegenden Finanzdienstleistungen haben, kann die Entwicklungen im Kryptobereich förderlich sein. Das betrifft auch die Fragestellungen rund um grenzüberschreitende Überweisungen oder Interbankenüberweisungen.

Denn Finanzdienstleistungen sind auch 2021 nicht optional. Sie benötigen ein Bankkonto, um ein Gehalt einzahlen zu können, Sie müssen kreditwürdig sein, Sie benötigen mindestens eine Girokarte, um Waren und Dienstleistungen zu bezahlen. Anders ist das Leben fast nicht möglich. Jeder fünfte Mensch wird von diesem System unterversorgt. Das liegt einfach daran, wie das System strukturiert ist und damit die Anreizgestaltung funktioniert. Banken verfolgen Maßnahmen, die sie im Geschäft halten. Und das bedeutet, dass sie sich auf Teile der Bevölkerung konzentrieren, die profitabel sind. Kryptowährungen und das breiter gefasste DeFi-Ökosystem (Decentralised Finance) können daher eine finanzielle Inklusion ermöglichen, damit jeder am Finanzsystem teilnehmen kann.

Glauben Sie, dass es in zehn Jahren noch klassische Banken geben wird? Oder wird das alles dezentral sein?

Die Dezentralisierung wird zunehmen, ob diese jedoch bereits in zehn Jahren vollumfänglich erfolgt ist, müssen wir abwarten. Banken sind eine Art universelles Konstrukt, dass die Zügel in der Hand hält und bilden den Zugang zum Finanzsystem. Ich benötige zum Leben eine Girokarte, was bedeutet, dass ich irgendwo ein Bankkonto eröffnen muss. Die Banken wissen, dass ich sie brauche, also zahlen sie mir nicht wirklich etwas dafür, dass ich mein Geld bei ihnen aufbewahre. Im Gegenteil: Sie müssen nicht um das konkurrieren, was ich ihnen gebe, weil es eine begrenzte Anzahl an klassischen Banken gibt. Das ändert sich mit einem dezentralisierten Finanzwesen.

Wenn die Bank möchte, dass meine Einlage ihr Kreditgeschäft finanziert, dann muss sie etwas Konkurrenzfähiges anbieten. Wir werden bessere Ergebnisse mit einem System erzielen, dessen Anreiz darin besteht, tatsächlich darüber nachzudenken, was für den Verbraucher gut ist und der Kunde möchte. Verstehen Sie mich nicht falsch, wir glauben, dass Banken weiterhin existieren werden, aber nicht mehr so ​​wie früher.

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Wer sind denn die Leute, die sich für Kryptowährungen interessieren?

Wir sehen ein breites Interesse an Kryptowährungen in allen Bevölkerungsschichten. Was aber nicht bedeuten soll, dass diese Anlageklasse jedem gefällt. Dennoch sehen wir eine gewisse Neugierde in etwas Neues zu investieren, wenn beispielsweise überschüssiges Kapital zur Verfügung steht.

Darüber hinaus gibt es aber auch viele, die einen wirklichen Anwendungsfalls für Kryptowährungen finden. Etwa in Ländern, wo Hyperinflation herrscht und die Regierung nicht vertrauenswürdig ist. Die Menschen dort finden in Kryptowährungen also einen echten Wert und wollen ihn. Und dann gibt es natürlich auch diese junge, technisch versierte, „digital native“ Bevölkerungsgruppe, die es interessant findet und den Wert von Bitcoin als eine nichtstaatliche libertäre Art des Geldmanagements sieht und sie als System anspricht. 

Wie wichtig sind Kryptowährungen für WisdomTree und Ihre Kunden?

Wir sind überzeugt, dass Kryptowährungen ein großer Teil der Zukunft sind und bleiben werden. Ebenso glauben wir fest an dezentralisierte Finanzen mit einem sehr verantwortungsvollen Ansatz, um Blockchain-nativ definierte Finanzdienstleistungen bereitzustellen.

Die Kundennachfrage nach Kryptowährungen als Anlageklasse ist enorm. Es ist aktuell das am häufigsten nachgefragte Thema. Es steckt jedoch noch in den Kinderschuhen und Anleger stellen viele Fragen. Denn sie müssen sich Gedanken darüber machen, wie viel sie investieren möchten und über welchen Zeithorizont.

Wenn sich Anleger für ein Investment in Kryptowährungen entscheiden, ist das der Teil des Portfolios, dem sie ihre Aufmerksamkeit schenken müssen, weil es der Teil ist, über den sie am meisten lernen müssen.

Wenn Sie ein Kunde fragen würde, wie groß der Anteil im Portfolio sein soll, was würden Sie ihm sagen?

Wie bei jeder Anlageklasse hängt das von der Risikotoleranz und dem Zeithorizont ab, weil die Volatilität den Erfolg stark beeinflusst. Wenn Sie also in drei Wochen eine Mietkaution hinterlegen möchten, dürften Investments in Kryptos vermutlich eher keine gute Idee sein.

Wenn Sie jedoch längere Zeithorizonte bei hoher Risikotoleranz haben, wächst es aktiv in Bezug auf den Bestand Ihres Portfolios. Das Risikoprofil von Einzelpersonen variiert natürlich sehr stark. Wir sehen aber, dass ein bis fünf Prozent ziemlich normal werden. Wer etwas risikofreudiger ist, setzt auch bis zu zehn Prozent des Portfolios auf Kryptowährungen.

Interview über Kryptowährungen mit Jason Guthrie von WisdomTree
Jason Guthrie ist Head of Digital Assets bei WisdomTree und Experte für Kryptowährungen.

Es wird gerade viel davon gesprochen, Kryptowährungen zu regulieren, obwohl es ja gerade ein Vorteil ist, dass dies nicht geschieht. Was sind die Risiken, wenn sie nicht reguliert würden? Was würde im schlimmsten Fall passieren?

Es besteht die berechtigte Sorge, dass Anleger ausgenutzt werden können, wenn sie sich in einem unregulierten Ökosystem bewegen. Das beginnt bei der Unterscheidung zwischen seriösen und unseriösen Anbietern und reicht bis hin zu einem standardisierten Zugriff auf alle relevanten Informationen, um sich mit den mit einer Anlageklasse verbundenen Risiken vollumfänglich vertraut zu machen. Wenn Anleger in einem völlig unregulierten Raum agieren, können sie nicht darauf vertrauen, dass es Konsequenzen geben wird, wenn ihnen jemand schaden will.

Bei WisdomTree vertreten wir daher die Position, dass es eine angemessene Regulierung braucht, die sich auf die richtigen Elemente des Verbraucherschutzes konzentriert – vornehmlich auf die Anbieter entlang der gesamten Wertschöpfungskette, jedoch nicht auf die Kryptowährung an sich per se. Regulierung kann, wenn sie angemessen umgesetzt wird, ein Treiber für die weitere Etablierung der zugrundeliegenden Technologie und der Anlageklasse selbst sein. Gleichzeitig schafft Regulierung jedoch vor allem eins, und das ist Vertrauen – in die Anlageklasse und das Ökosystem. Aber wie gesagt, das muss in einem angemessenen und vernünftigen Rahmen erfolgen, der Innovation nicht erstickt.

Kryptowährungen werden als Anlageklasse häufig mit Rohstoffen verglichen, wie schätzen Sie das Risikoprofil für Anleger ein?

Wie bei jeder Investition sollten Sie kein Geld anlegen, wenn Sie sich einen Verlust nicht leisten können. Das ist immer ein guter Rat. Egal, ob Sie den S&P 500 oder Kryptowährungen kaufen. Man muss überlegen, warum man in bestimmte Anlageklassen investiert. Gold beispielsweise ist ein Wertaufbewahrungsmittel, das historisch gesehen als guter Inflationsschutz fungiert.

Warum investiert man in Kryptowährungen? Man möchte sich am Wachstum dieser Anlageklasse beteiligen. Das heißt, es handelt sich derzeit um ein eher spekulatives Produkt. Aber man kann es auch aus der Diversifikationsperspektive betrachten. Kryptowährungen sind eine der am wenigsten korrelierten Anlageklassen am Markt. Daher ist es sehr sinnvoll, es als Teil eines Diversifizierungsprozesses zu sehen. Das soll jedoch nicht bedeuten, dass man mit seinem gesamten Anlagegeld auf ein Pferd setzen sollte. Aber wenn Sie einen anständigen Zeithorizont haben und an den Sektor glauben, was ich persönlich tue, dann kann diese Anlageklasse gewiss interessant sein.

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