Gerd Kommer: Darum bietet Faktor-Investing eine höhere erwartete Rendite

ETF-Profi Gerd Kommer ist ein überzeugter Anhänger von Faktor-Investments. Im Interview erklärt Kommer, für welche Anleger sich Faktor-Investments eignen. 

Herr Kommer, Anleger fürchten eine zweite Corona-Welle. Sollten diese also erst einmal vorsichtig sein und mögliche Einsteiger sich vorerst sogar komplett zurückhalten?

Die Kurse von Aktien folgen kurzfristig einem „Random Walk“, einem Zufallslauf. Weil das so ist und weil es daran nicht den geringsten Zweifel gibt, ist es aus rein rationaler Perspektive völlig sinnlos den Einstieg in den Aktienmarkt kurzfristig timen zu wollen. Das war vor Corona so und das ist jetzt so. Was man bei der wichtigen und interessanten Frage des Timings eines Einstiegs in den Aktienmarkt tatsächlich beachten sollte, haben wir Anfang Juli in einem ausführlichen Blog-Beitrag untersucht.

Welche Portfoliostruktur schützt Anleger am besten vor Krisen, wie etwa durch Corona ausgelöst, ohne dabei jedoch komplett auf Rendite verzichten zu müssen?

Anleger sollten ihre spezifische Risikotoleranz, also die Toleranz für Kursrückgänge oder „Drawdowns“ auf Gesamtportfolioebene bestimmen und dann umsetzen – umsetzen durch die Aufteilung eines Portfolios in einen risikoarmen Portfolioteil und risikobehafteten Portfolioteil. Die allerklügsten Anleger bestimmen den für sie maximal tolerierbaren Drawdown auf der Ebene ihres „Totalvermögens“ und sie berechnen tatsächliche Drawdowns auch auf diesem Totalvermögenslevel. Das Totalvermögen schließt neben liquiden Assets auch Immobilienwerte, Rentenansprüche und Humankapital mit ein.

Sie sind bekannt für Ihr ETF-Weltportfolio. Sollten Privatanleger dieses in Reinform umsetzen oder auf Basis von Faktoren?

Der bedeutendste deutsche Monarch, Friedrich der Große, sagte einmal „jeder soll nach seiner Façon selig werden“. Freddie hatte recht. Ein markneutrales ETF-Weltportfolio ohne Faktorprämien ist genauso „richtig“ wie eines mit Faktorprämien. Das Weltportfolio ohne Faktorprämien hat in den letzten fünf Jahren besser rentiert als das mit, aber die letzten fünf Jahren sagen nichts über die Zukunft aus.

Tipp: Hier erfahren Sie alles zu den Weltportfolios von Gerd Kommer und wie Sie diese nachbauen können.

Was sind die Vorteile von Faktor-Investing und was die Risiken?

Die Vorteile sind eine etwas höhere erwartete Rendite gegenüber marktneutralem Investieren. „Erwartete Rendite“ ist ein statistisches Konzept, sprich der Mittelwert einer Wahrscheinlichkeitsverteilung von Renditen in der Zukunft, die wir jedoch heute noch nicht kennen und die sich selbstverständlich nicht genau als dieser Mittelwert in der Zukunft materialisieren werden. Der Mittelwert ist ex ante jedoch die beste Schätzung. Der Nachteil von Faktor-Investing besteht ganz banal darin, dass es selbstverständlich auch über längere Zeiträume schlechter rentieren kann als marktneutrales Investieren oder irgend eine einzelne aktive Strategie, die gerade eben eine Glückssträhne hat. Genauso wie „alles“ über längere Zeiträume schlechter rentieren kann als „alles andere“. Das kann dann für diejenigen, die keine fundierte eigene Überzeugung haben oder die eine Strategie primär nach ihrem Ergebnis in den letzten 24 Monaten bewerten, ein Problem werden.

Was sind Ihre persönlichen „Lieblingsfaktoren“ und warum?

Ich tue mich schwer eine bestimmte Faktorprämie als meinen persönlichen Liebling hervorzuheben. Für mich sind Faktorprämien und die dazugehörige Forschung generell faszinierend. Jede Prämie hat ihre eigene, spezielle Research-Story, fast ein bisschen wie die Lebensgeschichte großen Wissenschaftler. Wichtig erscheinen mir: Nur derjenige sollte auf Faktorprämien setzen, der sie versteht und sie für überzeugend hält. Zweitens empfehle ich allen, die Faktorprämien in Erwägung ziehen, über die drei bis sechs bekanntesten Faktorprämien hinweg zu diversifizieren.

Tipp: Mit unserem Risikorechner können Sie anhand von zehn Fragen die optimale Aktienquote für Ihr Portfolio ermitteln.

Auf welche Faktorprämien sollten Privatanleger setzen, wenn diese lediglich einen Faktor oder maximal zwei Faktoren im Depot haben möchten?

Die beiden Klassiker-Prämien sind der Small Cap-Effekt und der Value-Effekt. Da vor allem der Value-Effekt in den letzten Jahren unterperformt hat, ist er jetzt besonders billig, sprich günstig bewertet. Andere bekannte, in der Forschung gut bestätigte Prämien sind die Quality-Prämie, die Momentum-Prämie, die Low oder Minimum Volatility-Prämie und letztlich auch die Political Risk- oder Schwellenländer-Prämie. Ich halte alle diese Prämien für grundsätzlich erwägenswert.

Tipp: Wir haben Ihnen eine Übersicht zu Smart-Beta-ETFs, also Faktoren-ETFs, zusammengestellt.

Markus Jordan im Talk mit ETF-Papst Gerd Kommer

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