Jürgen Blumberg über den ETF-Markteintritt von Goldman Sachs

Goldman Sachs dürfte den meisten Anlegern hierzulande ein Begriff sein. Als ETF-Anbieter in Deutschland ist das Investmenthaus noch relativ neu. Wir haben dazu bei Jürgen Blumberg, Leiter ETF Capital Markets EMEA bei Goldman Sachs Asset, nachgefragt.

Seit Kurzem ist Goldman Sachs auch am deutschen ETF-Markt aktiv. Wieso haben Sie sich zu diesem Schritt entschlossen?

Unser ETF-Geschäft haben wir in den USA im Jahr 2015 begonnen und können bereits eine ansehnliche Erfolgsbilanz vorweisen. Europa, mit Deutschland als einem der Kernmärkte, war daher für uns der logische nächste Schritt beim Aufbau eines globalen Geschäftsbereichs. Zudem entwickeln wir uns zu einem der weltweit führenden Anbieter im Bereich der Multifaktor-ETFs. Das sind komplexere ETF-Varianten, bei denen wir Gewichtungen anhand von vielschichtigen Kriterien über die Marktkapitalisierung hinaus vornehmen und gezielt steuern.

Ihr neuer ETF zielt auf verschiedene Faktoren ab. Welche sind diese und warum genau diese?

Bei unseren beiden kürzlich auf den Markt gebrachten Aktien ETFs handelt es sich um Multifaktor-ETFs aus unserer ActiveBeta-Palette. Diese ETFs folgen einer proprietären Methode von Goldman Sachs. Das bedeutet: Sie sind so konzipiert, dass sie einen ActiveBeta-Index abbilden. Beim Aufbau dieser Indices versuchen wir, mit einem einfachen und transparenten Prozess Aktien in dem nach Marktkapitalisierung gewichteten Universum zu identifizieren und deren Indexanteil so anzupassen, dass höhere Renditen erzielt werden können. Wir gewichten Aktien hier regelbasiert auf Grundlage vier bewährter Faktoren: Value, Momentum, Qualität und niedrige Volatilität.

Können Sie das genauer erklären?

Gern. In die Kategorie „Value“ fallen Aktien von Unternehmen, die vom Rest des Markts eventuell unterbewertet sind. Diese Aktien entwickeln sich in der Regel überdurchschnittlich, während sie sich auf ihren angemessenen Wert zubewegen. Damit investieren Anleger also in besonders aussichtsreiche Aktien. Beim Faktor „Momentum“ werden Aktien identifiziert, deren Kurs sich zuletzt gut entwickelt hat und die möglicherweise eine gewisse Beständigkeit aufweisen. So können Anleger an Markttrends teilhaben. Beim Faktor „Qualität“ geht es darum, Aktien solcher Unternehmen zu identifizieren, die auf lange Sicht eine hohe Profitabilität erzielen und Anlegern so das Potenzial für beständige Renditen bieten. Der vierte Faktor, „niedrige Volatilität“ spürt besonders stabile Unternehmen auf, die extremen Kursschwankungen tendenziell weniger ausgesetzt sind. So soll eine gleichmäßigere Entwicklung erreicht werden, was Anlegern wiederum helfen kann, ihre Renditen langfristig zu stärken.

Die geringe oder sogar negative Korellation dieser vier bewährten Faktoren und die sorgfältige Risikogewichtung der Faktoren schaffen ein Gesamtportfolio, das so diversifiziert ist, dass es potenziell risikobereinigt höhere Renditen liefert als die Faktoren individuell. Faktoren können einzeln betrachtet auf kurze Sicht stark von traditionellen, nach Marktkapitalisierung gewichteten Aktienindizes abweichen. Gleichwertig kombiniert ergänzen sie sich jedoch und können langfristig zu beständigeren Überschussrenditen als klassischere Aktien-ETFs führen.

Und ein Expertengremium passt dann die Gewichtungen der einzelnen Faktoren regelmäßig an?

Ja, in Teamarbeit. Gemanagt werden die ActiveBeta-ETFs von unserem Quantitative-Investment-Strategies-Team, das über 30 Jahre Erfahrung im Bereich quantitative Investments verfügt. Die ActiveBeta-Methodologie ist ein festes Regelwerk, das den Anlageprozess und die Berechnung der Gewichtungen genau vorschreibt. Die Anlageregeln werden also im Vorhinein festgelegt und dann strikt befolgt. Einen Fondsmanager, der aktiv Anlageentscheidungen trifft, gibt es in dem Sinne, wie übrigens auch bei den meisten anderen ETFs, nicht. Die Aktiengewichtungen werden quartalsweise – im Einklang mit der Veröffentlichung der neuesten Quartalszahlen und Performanceentwicklungen – überprüft und auf Basis der Methodologie angepasst. Die vier Faktoren werden zu diesem Zeitpunkt immer so im Portfolio kombiniert, dass das Gesamtrisiko gleichmäßig auf die Faktoren verteilt ist.

ActiveBeta ist weltweit patentiert: einerseits weil wir überzeugt sind, uns dem Optimum zu nähern, wie Faktoren in ein Long-Only-Portfolio implementiert werden können – und anderseits weil wir dadurch maximale Transparenz in unserem Anlageprozess erreichen können.

Können Privatanleger hierzulande in nächster Zeit noch weitere ETFs von Ihnen erwarten? Und wenn ja, in welche Richtung werden diese gehen?

Wir planen, über die nächsten sechs Monate schrittweise bis zu zehn weitere ETFs auf den europäischen Markt zu bringen, die Anlegern Zugriff auf verschiedene Märkte, Anlageklassen und Anlagestile geben. Wir setzen dabei auf Innovation – nicht nur im Aktienbereich, sondern vor allem auch bei Anleihe-ETFs – und dass zu Preisen, die tendenziell eher an klassische, einfach strukturierte ETFs erinnern. Unsere ETF-Anlagestrategien konnten wir dank unserer jahrzehntelangen Expertise und Erfahrung als einer der größten Vermögensverwalter weltweit entwickeln und mit digitalen Möglichkeiten abgleichen.

Generell eignet sich unser Angebot sowohl für Privatkunden als auch für institutionelle Anleger. Unser Ziel ist es, unseren Kunden durch global ausgerichtete Lösungen, die auf fundiertem Wissen und gut abgestimmtem Risikomanagement basieren, langfristige Anlageerfolge zu bieten.