Juergen Fritzen (Crossflow): "Die meisten Nachhaltigkeitskonzepte erzielten eine Outperformance"

Juergen Fritzen, Managing Partner bei Crossflow Financial Advisors, hat mit seinen Kollegen den Nachhaltigkeitssektor untersucht. Wir haben nachgefragt.

Mittlerweile gibt es in Deutschland eine dreistellige Anzahl nachhaltiger ETFs. Ist das Fluch oder Segen für Privatanleger?

Grundsätzlich ist eine breite Produktauswahl für den Anleger von Vorteil. Durch die Wettbewerbssituation bei den ETF-Emittenten kosten nachhaltige ETFs inzwischen kaum noch mehr als die klassischen ETFs auf Benchmark-Indizes. Außerdem ist die Nachfrage der Anleger sehr heterogen. Es werden unterschiedliche Zielmärkte gesucht und auch die Gründe für ein nachhaltiges Investment können sehr vielschichtig sein. Eben deshalb arbeiten die Emittenten aktuell daran, die sich wandelnde Nachfrage mit neuen ETFs abdecken zu können. Derzeit machen ESG-ETFs bei der Produktanzahl etwa zehn Prozent des ETF-Marktes aus, der Anteil beim Anlagevolumen liegt sogar nur bei fünf Prozent. Aus dieser Perspektive ist ein breites Angebot definitiv ein Segen und wir können hier sicherlich noch einiges erwarten. Ein kleines Problem sehe ich allerdings darin, dass die Emittenten bei der Namensgebung ihrer Produktlinien dazu tendieren, immer wieder dieselben etablierten Begrifflichkeiten für Nachhaltigkeit zu nutzen, obwohl sich zum Teil völlig unterschiedliche Indexstrategien dahinter verstecken. Dadurch wird die Suche nach dem passenden ETF natürlich etwas erschwert.

Bei nachhaltigen Anlagen geht es grob darum, die „Sünder“ auszuschließen. Schlüsselwörter sind hier etwa ESG, SRI oder Best-in-class. Können Sie bitte kurz die wesentlichen Ausschlussarten vorstellen?

Gerne, neben den klassischen Investmentzielen Rendite, Risiko und Liquidität verfolgen nachhaltige Indizes das gemeinsame Ziel, die ursprüngliche Anlageuniversen nach ökologischen, sozialen und ethischen Aspekten auszurichten. Dabei unterscheiden wir drei Hauptkategorien. Der einfachste Ansatz ist das Exclusion Only-Konzept. Hier werden Aktiengesellschaften ausgeschlossen, die entweder in kontroversen Geschäftszweigen tätig oder hinsichtlich der Unternehmensführung negativ aufgefallen sind. In der zweiten Kategorie, dem ESG-Weighted-Ansatz, werden die nach einer Exclusion verbliebenen Aktiengesellschaften einem quantitativen ESG-Rating unterworfen. Die neue Gewichtung im Index richtet sich nach dem Rating-Ergebnis. Unternehmen mit besserem ESG-Scoring werden übergewichtet, schlechter bewertete Unternehmen untergewichtet. Das ESG-Scoring bildet auch die Basis für die dritte Kategorie, dem Best-in-Class-Konzept. Allerdings verbleiben hier ausschließlich die besten 50 oder sogar nur 25 Prozent der Aktiengesellschaften einer jeweiligen Branche im Index. Aus dieser Kategorie stammt auch der SRI-Ansatz von MSCI, der bei den ESG-ETFs aktuell das mit Abstand höchste Anlagevolumen auf sich vereint.

Welchen dieser Ansätze halten Sie für Privatanleger mit ETFs in Bezug auf Chance und Risiko für am geeignetsten?

Die meisten nachhaltigen ETFs sind danach ausgerichtet, mit einer möglichst geringen Abweichung zur kapitalgewichteten Benchmark eine Optimierung der ESG-Kriterien zu erreichen. Über den Anlageerfolg entscheidet also vielmehr die richtige Wahl des Basisuniversums als ein bestimmtes Nachhaltigkeitskonzept. Ein Favorit bei den ESG-Ansätzen kann dennoch ausgemacht werden, denn bei den Aktien-ETFs sind derzeit 60 Prozent und bei den Anleihen-ETFs sogar fast 90 Prozent in Best-in-Class-Konzepten investiert. Investoren gehen offenbar nach der Devise vor „wenn, dann richtig“.

Kritiker mahnen, dass sich bei nachhaltigen ETFs Länder- und Branchengewichtungen erheblich verschieben können. Teilen Sie diese Bedenken?

Die Bedenken hinsichtlich einer erheblichen Verschiebung bei der Länder- und Branchenallokation können wir nicht bestätigen. Es kommt zwar in der Tat zu leicht abweichenden Gewichtungsanteilen gegenüber dem Basisindex, die Gewinner und Verlierer sind allerdings je nach ESG-Konzept sehr unterschiedlich. Allerdings teilen wir die Bedenken der Kritiker, dass es bei der Bewertung von Nachhaltigkeit in den ESG-Ratings große Unterschiede geben kann. Dies ist durch wissenschaftliche Arbeiten aus der jüngeren Vergangenheit bereits nachgewiesen.

Hätte es sich für Anleger in den vergangenen Jahren bezahlt gemacht, auf nachhaltige ETFs zu setzen statt auf konventionelle?

In den vergangenen Jahren erzielten die meisten der von uns untersuchten Nachhaltigkeitskonzepte eine Outperformance gegenüber dem jeweiligen kapitalgewichteten Vergleichsindex. Obwohl die analysierten Zeiträume sowohl einen andauernden Bullen-Markt, als auch Momente mit drastischen Kurseinbrüchen beinhaltet haben, können daraus natürlich keine Rückschlüsse für zukünftige Entwicklungen gezogen werden. Die entscheidende Frage bleibt, ob die beobachtete Outperformance sich aus den besseren ESG-Werten der ausgewählten Unternehmen ergibt, oder aber andere Faktoren maßgeblich waren.

Werden uns Nachhaltigkeits-ETFs auch in zehn Jahren noch beschäftigen?

Davon bin ich überzeugt. Sowohl das Produktangebot, als auch das Anlagevolumen wird sich gegenüber den derzeitigen Zahlen bis dahin vervielfacht haben. Die EU verfolgt das Ziel, Europa bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu machen. Deshalb wird unter dem Begriff Sustainability Finance ein regulatorischer Pflichtenkatalog aufgesetzt, der die deutsche und europäische Finanzbranche in Zukunft maßgeblich beeinflussen und die Nachfrage nach ESG-Produkten stark fördern wird. Davon werden auch nachhaltige ETFs weiter überdurchschnittlich profitieren. Es ist also kein Zufall, dass sich das Anlagevolumen von ESG-ETFs seit Anfang 2019 auf 34 Milliarden Euro verdreifacht hat. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass ESG-Indexkonzepte die klassischen, kapitalmarktgewichteten Indizes langfristig als Standardbenchmarks ablösen werden.