Kemal Bagci: "Flucht in Gold als sicherer Hafen"

In der Extra-Magazin Ausgabe August/September 2019 geht es ausführlich über das Thema Rohstoffe. Wir haben vorab mit Kemal Bagci, Rohstoffexperte bei BNP Paribas, gesprochen.

Herr Bagci, nach einem Aufbäumen in den ersten Monaten des Jahres ging es zur Jahresmitte bei Öl wieder abwärts. Wie erklären Sie sich das?

Rohöl konnte in diesem Jahr um mehr als 20 Prozent zulegen, bis Mai waren es sogar 30 Prozent. Damit gehört Öl zu den Top-Performern unter den Rohstoffen. Zuletzt aber überwogen die Konjunktursorgen als Folge des Handelskonflikts zwischen den USA und China. Die Preise haben deutlich korrigiert.

Unsere Analysten gehen jedoch von weiter steigenden Preisen aus, weil die Angebotssituation angespannt bleibt. Die OPEC hat zusammen mit Russland als Partner Ende des vergangenen Jahres die Produktion um 1,2 Millionen Barrel gekürzt. Und die Vertragspartner, allen voran Saudi-Arabien, halten sich strikt an diese Kürzung, die zuletzt sogar mit 140 Prozent übererfüllt wurde. Diese Strategie ist aufgegangen, weil zeitgleich noch Sanktionen gegen Iran und Venezuela verhängt wurden. Die OPEC schlägt nun sogar vor, die Kürzungen zeitlich zu verlängern, was beim nächsten Treffen im Juli besprochen werden soll. Das heißt: Das Angebot für Öl ist knapp, die Lagerbestände sind rückläufig. Dieser Trend dürfte nach Einschätzung unserer Analysten noch das gesamte Jahr über anhalten. Unterstützt wird die Entwicklung durch eine weitere Tatsache: Bisher wurden Kürzungen bei der Rohölförderung durch Schieferöl aus den USA kompensiert. Mittlerweile fördern die USA über zwölf Millionen Barrel Öl am Tag und sind damit der größte Produzent der Welt. Dabei stoßen US-Schieferölunternehmen aber zusehends an eine Kapazitätsobergrenze. So hat die Anzahl der Ölbohrtürme in den vergangenen Monaten nicht mehr zugelegt, zum Teil war sie sogar rückläufig. Gleichzeitig gibt es einen Fachkräftemangel im Bereich Schieferöl. Das größte Problem der USA ist jedoch der Mangel an Exportinfrastruktur. Jahrzehntelang waren die USA abhängig vom Rohölimport. Exporte wurden sogar sanktioniert. Jetzt hat man genug Öl, das man ins Ausland verkaufen könnte. Aber es fehlt die Exportinfrastruktur. Schieferölförderer müssen ihr Öl bislang kostenintensiv über Lkws oder den Schienenverkehr transportieren. Im schlimmsten Fall sogar einlagern. Das ginge viel effizienter über Pipelines. Diese werden auch schon gebaut.

Gold erweist sich dagegen aktuell als robust. Ist das schon ein Vorbote eines stärkeren Abschwungs der Weltwirtschaft?

Derzeit scheint es tatsächlich eine Flucht in Gold als sicheren Hafen zu geben. Die Weltkonjunktur kühlt ab. Allen voran die USA als Lokomotive der Weltwirtschaft wird das bisherige Wachstumstempo nicht mehr halten können, dort haben wir einen späten Wirtschaftszyklus erreicht. Der treibende Effekt der Steuersenkungen wirkt nicht mehr und die Schulden der Unternehmen haben mittlerweile einen hohen Stand erreicht. Nun richten sich alle Augen auf die Federal Reserve. Der Markt preist hier drei Zinssenkungen ein. Unsere Analysten gehen von zwei Zinssenkungen im Juli und September aus. Auch die EZB hat Spielraum für Maßnahmen angekündigt, aufgrund der nachlassenden Dynamik in der Wirtschaft. In China spürt man die Folgen des Handelskonflikts. Das Wachstum hat sich verlangsamt.

Apropos Weltwirtschaft: Im Handelsstreit mit den USA sorgte China für Furore indem es drohte, die Ausfuhr Seltener Erden zu begrenzen. Was bedeutet das?

Eine solche Ausfuhrbeschränkung würde wohl vor allem die High Tech und Rüstungsindustrie betreffen. Denn Seltene Erden werden in Smartphones, Elektroautos, aber auch in Windkrafträdern und Nachtsichtgeräten eingesetzt. Die USA beziehen über 80 Prozent dieser Metalle aus China.

Ist Gold für Sie derzeit interessant, vielleicht auch als Versicherung gegen fallende Aktienmärkte?

Gold hat in diesem Jahr an Attraktivität hinzugewonnen. Ende 2018 gab es bereits eine Flucht in den sicheren Hafen, weshalb der Goldpreis spürbar zulegen konnte. Ähnlich scheint es sich mit dem aktuellen Preisanstieg zu verhalten. Die Aussicht auf Zinssenkungen und einen schwächeren US-Dollar – unsere Analysten gehen davon aus, dass der zum Euro ein Verhältnis von 1,20 erreichen kann – dürfte den Goldpreis weiter stützen. Mit dem Ausblick sind wir jedoch vorsichtig optimistisch. Wir gehen nicht davon aus, dass wir jetzt in einen langanhaltenden Bärenmarkt eintreten, sondern erwarten eher eine seitwärts bis leicht rückläufige Entwicklung des Aktienmarktes in den USA und sogar Aufholpotenzial in Europa.

Das Verhältnis vom Gold- zum Silberpreis ist so hoch wie zuletzt 1992. Steht Silber daher vor einer Aufholjagd gegenüber seinem großen Bruder?

Silber wird auch industriell stark genutzt, zuletzt gab es einen Rückgang in der Industrieproduktion.

Auch Platin mag im Verhältnis zu Gold derzeit günstig erscheinen. Wie schätzen Sie Platin und Palladium auch vor dem Hintergrund des Einsatzes in der Industrie ein?

Palladium hat in den letzten drei Jahren einen beachtlichen Preisanstieg vollzogen. Platin hat sich dazu ganz gegensätzlich entwickelt. Die Autoindustrie und der Dieselskandal scheinen hierbei eine wichtige Rolle zu spielen. Der Automobilsektor ist bei weitem der wichtigste Abnehmer von Platin und Palladium. Dabei findet Platin vor allem Einsatz in Katalysatoren von Dieselautos, wohingegen Palladium bei Benzinern genutzt wird. Global werden jährlich noch über 80 Millionen Autos abgesetzt, und seit dem Dieselskandal hat sich die Nachfrage deutlich zu Gunsten der Autos mit Benzinmotoren verschoben. Der Palladiumpreis hat davon starken Auftrieb erhalten.

Der Rohstoffmarkt ist sehr breit gefächert. Welche Bereiche und speziell welche Rohstoffe sollten Anleger auf dem Zettel haben und warum?

Es gibt einen strukturellen Umbruch auf den Rohstoffmärkten, vor allem bei Industriemetallen. Ein Beispiel dafür ist der Trend zur E-Mobilität. Dieser strukturelle Umbruch bedeutet einen Schritt weg von fossilen Energieträgern und hin zu einem erhöhten Bedarf an Industriemetallen wie Kupfer. Dieses Metall ist aufgrund seiner hervorragenden Stromleitfähigkeit unverzichtbar für den Bau eines Elektroautos. In einem solchen Fahrzeug werden 80 Kilo Kupfer verbaut, das entspricht dem Vierfachen der Menge in einem klassischen Pkw mit Verbrennungsmotor. Jetzt ist der Elektroautomarkt weltweit gerade einmal zwei Millionen Autos groß. Davon wird die Hälfte in China abgesetzt. Trotzdem ist dieser Markt im vergangenen Jahr um 70 Prozent gewachsen, wohingegen der gesamte Automobilmarkt eher stagniert. Und dieser Trend dürfte sich fortsetzen. So hat die chinesische Regierung bereits das Ziel ausgegeben, bis zum Jahr 2025 zwanzig Prozent aller Neuzulassungen als Elektroautos auf die Straße bringen zu wollen. Das wären sieben Millionen Autos jedes Jahr allein in China. Dies ist auch der Hauptgrund dafür, dass Automobilhersteller weltweit mittlerweile auch eine Elektroflotte bauen  – einfach um in diesem riesigen Markt dabei sein zu können. Die chinesische Regierung macht dies im Übrigen nicht nur aus Umweltgründen, sondern auch deshalb, weil sie in diesem Sektor besonders wettbewerbsfähig ist. Denn abgesehen von Tesla sind die großen Elektroautohersteller wie BYD (Build your dreams) oder auch Geely, das kürzlich auch hierzulande bei Daimler eingestiegen ist, in China beheimatet. Diesen Wettbewerbsvorteil möchte die chinesische Regierung ausbauen. Nickel ist ein weiterer Rohstoff, der Hauptbestandteil im Herzstück des Elektroautos ist: der Elektrobatterie. Die jüngste Generation von Tesla Elektrobatterien zum Beispiel enthält bis zu 80 Prozent Nickel. Dabei versucht man, andere Rohstoffe wie Kobalt oder Mangan zu substituieren. Der Grund: Diese Rohstoffe sind zum Teil entweder deutlicher im Preis gestiegen oder viel schwieriger zugänglich als Nickel. Zudem werden sie manchmal auch unter ethisch fragwürdigen Bedingungen gefördert, etwa Kobalt im Kongo. Hinzu kommt, dass die Leistungskapazität von Elektrobatterien in der Zukunft deutlich steigen dürfte. Wir haben jüngst eine Anhörung von Elektromobilitätsexperten vor dem US-Kongress verfolgt: Experten des Branchendienstes Benchmark Mineral Intelligence haben festgestellt, dass derzeit 70 Mega-Fabriken für Elektrobatterien im Bau sind. 2017 waren es noch 17. Aufgrund dieses Trends rechnen sie mit einer Nachfragesteigerung bei Nickel um das 19-Fache. Selbst vorsichtig agierende Analysten gehen immerhin von einer Verzehnfachung aus. Gleichzeitig veröffentlichte die Unternehmensberatung McKinsey im vergangenen Jahr eine Studie. Demnach wird der Nickelmarkt in Zukunft zu zwei Dritteln von der hohen Nachfrage nach Elektroautos dominiert werden. Dies ist vielleicht auch der Grund dafür, dass Nickel allein dieses Jahr schon 20 Prozent im Plus ist.

Aber Vorsicht: Im vergangenen Jahr brachen die Preise auch bei Industriemetallen ein, obwohl die Lagerbestände bereits rückläufig waren. Auch jetzt hat Kupfer ein tiefes Niveau bei den Lagerbeständen erreicht, Nickel sogar ein Mehrjahrestief. Trotzdem hat sich dies in den Preisen nicht gleich widergespiegelt, da Investoren den Handelskonflikt zwischen den USA und China fürchten.

Was vielen Anlegern vielleicht nicht bewusst ist: Bei Rohstoffen können trotz Anstiegs des Kassakurses Verluste anfallen, da diese auf Basis von Terminkontrakten gehandelt werden. Können Sie bitte kurz darstellen, weshalb Terminkontrakte zum Einsatz kommen und wie der Prozess abläuft?

Rohstoffe per se sind nicht sofort eine praktikable Anlage für den Anleger. Es ist nicht praktikabel, in ein Fass Öl oder eine Tonne Kupfer zu investieren. Deshalb müssen wir über die Terminmärkte gehen. Das ist eine gute Möglichkeit, 1:1 den Rohstoff abzubilden. Aber die haben ihre Schwierigkeiten, weil jeder Terminkontrakt eine begrenzte Laufzeit hat. Und dann notieren sie zu unterschiedlichen Preisen je nach Laufzeit.

Für ein langfristiges Engagement müssen Terminkontrakte fortlaufend mit länger laufenden Kontrakten ersetzt werden. Diese ersetzenden Kontrakte können mit Auf- bzw. Abgeldern notieren, so dass Anleger weniger bzw. mehr Anteile der nächstfälligen Kontrakte erwerben können. Daraus entstehen dann die sogenannten Rollverluste, oder bei einem länger laufenden Kontrakt der günstiger notiert, sogar Rollgewinne, die von Anlegern erzielt werden können.

Rollverluste sind eigentlich die Regel, denn in den höheren Futures-Preisen spiegeln sich die Kosten für Lagerung und Kapital wider. Aber bei Rohstoff-Lieferengpässen kann die Kontraktkurve umschwenken und es kommt dann zu Rollgewinnen. Hier genießt der Anleger den Vorteil des vergünstigten Einstiegs.

Wer übernimmt dabei das „Hinüberrollen“ in einen neuen Kontrakt?

Anlegern stehen sogenannte Exchange Traded Commodities (ETCs) zur Verfügung, um eine Investition in einen Rohstoff abbilden zu können. Das „Rollen“ wird dann von der Emittentin der Produkte übernommen. Das Vorgehen kann sich aber je nach Produktanbieter unterscheiden.

Wir pflegen eine enge Zusammenarbeit mit Jim Rogers, auf dessen RICI Enhanced Indizes sich der Großteil unserer Produkte bezieht. Er hat das Problem mit den Auf- und Abgeldern sehr früh erkannt. In diesem Zusammenhang bemängelt er klassische Indizes, welche zu passiv immer von einem Monatsfuture in den nächsten rollen, ohne dabei zu berücksichtigen, ob die nächstfälligen Kontrakte teurer oder günstiger sind. Ist der nächstfällige Kontrakt aber teurer, kommt es zu einem Rollverlust. Aus Sicht von Jim Rogers kann man diese Effekte aber reduzieren, indem man das Kapital über verschiedene Laufzeiten streckt. In seine Rohstoff-Indizes hat er deshalb noch einen Filter eingebaut, um sicherzustellen, dass in den günstigsten Kontrakt investiert wird, der zur Verfügung steht. Durch den vergünstigten Einstieg erzielt man dann die Outperformance. Dies hat sich in der Vergangenheit bewährt. Deshalb ist für die mittel- bis langfristige Rohstoffanlage die Rolloptimierung zu empfehlen.

Welche Rohstoffe sind also mit Blick auf erzielbare Rollgewinne aussichtsreich?

Die Terminkontrakte für die beiden Ölsorten Brent und WTI notieren derzeit mit einem Abgeld. Bei den Industriemetallen ist das Bild geteilt, Rollgewinne können hier bei Zink und Zinn erzielt werden. Kupfer, Aluminium und Nickel dagegen notieren mit einem Aufgeld.

 

Lesetipp der Redaktion: In der Extra-Magazin-Ausgabe August/September 2019 nehmen die Themen Öl und Gold eine große Rolle ein.