Maximilian Horster: "Nachhaltige Portfolios sind besser für die Rendite"

Maximilian Horster, Leiter der Klimaabteilung von ISS ESG, berichtet im Interview über die Sinnhaftigkeit nachhaltiger Portfolios. 

Das Thema Nachhaltigkeit scheint zunehmend an Popularität zu gewinnen. Sind nachhaltige Portfolios eher etwas für das gute Gewissen oder gibt es auch Vorteile in Bezug auf Chancen und Risiken?

Nachhaltige Portfolios sind besser für die Welt und besser für die Rendite. Nehmen Sie das Beispiel Klimawandel: Die Welt hat sich dazu verpflichtet, Klimaziele zu erreichen, die eine massive Transformation von Unternehmen, Sektoren und Gesellschaften nach sich ziehen werden. In der richtigen Umsetzung vermeiden nachhaltige Portfolios jene Unternehmen, die bei einer solchen Transformation verlieren oder von den Effekten des Klimawandels – wie etwa Überflutungen, Trockenheit oder Stürmen – besonders hart getroffen werden. Gleichzeitig investiert eine solche Strategie in jene Unternehmen, die von einem solchen Wandel profitieren.

Wir können den Renditeeffekt von Nachhaltigkeit eindrucksvoll an unseren eigenen Daten zeigen: Hätten Sie in den letzten 15 Jahren in einen Index aus den weltweit besten nachhaltigen Unternehmen investiert – nämlich die Unternehmen, die von uns ein „Prime“-Rating erhalten – hätten Sie über 190 Prozent Rendite erwirtschaftet. Das gleiche Investment in den MSCI World Index hätte nur 176 Prozent Rendite gebracht. Unternehmen mit guter Nachhaltigkeitsstrategie sind meist auch gut geführt. Und gute Unternehmen sind langfristig meist auch gute Kapitalanlagen.

In der europäischen Politik scheint das Thema der nachhaltigen Geldanlage auch angekommen zu sein. Erwarten uns diesbezüglich Neuerungen aus Brüssel?

Manchen Investoren mag noch gar nicht bewusst sein, in welchem Umfang in den nächsten Monaten Neuerungen aus Brüssel zu erwarten sind. Hier geht es nicht nur um nachhaltige Geldanlangen, sondern darum, das gesamte Finanzsystem nachhaltiger zu gestalten – das ist eine kleine Revolution! Der „EU Action Plan on Sustainable Finance“ sieht vor, dass künftig alle Investoren zu ihren Nachhaltigkeitspräferenzen genauso befragt werden müssen, wie zu Risiko-Rendite-Erwägungen. Es werden Standards und Labels geschaffen, die zur Orientierung dienen sollen. Außerdem werden neue Benchmark Indizes erstellt, die nicht wie bisher aus den PER HEUTE größten Unternehmen bestehen, sondern aus Unternehmen, die auch in einer klimafreundlicheren Welt noch ein Geschäftsmodell haben werden.

Könnte sich aus dem Benchmark-Abgleich etwas für die ETF-Industrie ergeben?

Wir werden eine Flut neuer ETF-Produkte sehen, die sich dem Thema Klima widmen. Nach den EU-Vorgaben wird es einen Indexansatz geben, der auf jene Unternehmen fokussiert, die sich im Sinne einer kohlenstoffarmen Wirtschaft transformieren. Der „Paris-konforme“ Index geht sogar noch einen Schritt weiter und besteht nur aus Unternehmen, die im Sinne des Pariser Abkommens in einer Welt operieren, die eine Erwärmung von 2 Grad Celsius nicht überschreitet. Wir haben beide Konzepte bereits mit unseren Daten umgesetzt und erste ETF-Anbieter nutzen dies, um sich im Markt mit Produkten zu positionieren.

Lassen Sie uns noch das Best-in-Class-Prinzip ansprechen. Auch hier Zeichnen sich Änderungen ab. Wie stehen Sie dazu?

Best-In-Class beschreibt das Prinzip, dass Investoren keine Branchen ausschließen, sondern aus jeder Branche die relativ nachhaltigsten Unternehmen wählen. Man könnte diesen Ansatz also auch mit „am wenigsten schlecht“ beschreiben. Wir gehen hier einen Schritt weiter, indem wir Nachhaltigkeitsthemen nicht rein relativ, sondern auch absolut sehen: Die Menschheit bekommt das Klimathema nicht in den Griff, wenn sie relativ weniger Kohlenstoff ausstößt als im Vorjahr, sondern sie muss eine absolute Menge einsparen. Unser Ansatz ist es daher, für jede Branche eigene Standards zu definieren. Ein Unternehmen, das diesen Standards gerecht wird, erhält die Bezeichnung „Prime“. Beim klassischen „Best-in-Class“ nehmen Sie z. B. immer die Top-10-Unternehmen einer Branche. Bei unserem Ansatz kann dieser Prozentsatz variieren, da je nach Branche mehr oder weniger Unternehmen den absoluten Standards gerecht werden.

Schlussendlich wird jede Investmentstrategie sich irgendwo zwischen hoher Nachhaltigkeitsambition und größtmöglicher Diversifizierung etablieren müssen – da gibt es immer einen Zielkonflikt. Ich stelle fest, dass der Markt des nachhaltigen Investierens aber immer intelligenter und differenzierter wird und der Best-in-Class-Ansatz in Zukunft nur einer von vielen Umsetzungen einer überzeugenden Nachhaltigkeitsstrategie sein wird.