Sascha Specketer (Invesco): "Wir werden gebührenfreie ETF-Sparpläne anbieten"

Im Gespräch mit Sascha Specketer, dem Invesco-Vertriebschef Deutschland, sprachen wir über die nachhaltige Geldanlage, über den von der Quellensteuer befreiten S&P 500 ETF und die bald startende Aktion mit der ING (► Zum Testbericht) zu gebührenfreien ETF-Sparplänen. Außerdem fragten wir Specketer, was er von einem deutschen Staatsfonds halten würde und was es mit der Blockchain auf sich hat.

Herr Specketer, das Thema Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Was sind Ihrer Meinung nach die Treiber dieser Entwicklung?

Es gibt eine Reihe von politischen Strömungen in Deutschland. Insgesamt ist festzustellen, dass die Investmentgesellschaften in dem Bereich Zuflüsse verzeichnen. Das liegt unter anderem auch daran, dass das Thema Nachhaltigkeit ganz oben auf der politischen Agenda steht. Jede Investmentgesellschaft versucht, sich in diesem Umfeld zu positionieren.

Sie sind ja ein US-Anbieter. Ist das dort ein großes Thema?

Das Thema Nachhaltigkeit ist in den USA zwar angekommen, aber es ist immer noch ein eher europäisches Thema. Selbst in Europa ist es unterschiedlich. In Deutschland wird Nachhaltigkeit derzeit noch etwas kleiner geschrieben als etwa in Frankreich oder in den nordischen Ländern. Man sieht es auch an der europäischen Mifid-Vorlage, die gerade in der Vorbereitung steckt. Demnach sollen künftig mehr Angaben zu ESG gemacht werden. Es geht dabei auch um die Frage, welche Fonds dann in diesen Rahmen fallen. Das wird gerade diskutiert und wir beteiligen uns an dieser Diskussion. In der Kundenberatung soll dann der Kunde gefragt werden, ob er ESG-konform anlegen möchte. Wie das dann konkret aussehen wird, wird sich zeigen. Dazu gehören unter anderem Aspekte wie eine maßvolle Unternehmensführung. In diesem Zusammenhang geht es um Menschenrechte, Gleichstellung von Frauen und Männer, Ausschluss von Kinderarbeit, grundsätzliche Mindeststandards eben. Uns ist es bereits heute wichtig, solche Kriterien bei Hauptversammlungen offensiv zu vertreten und tun dies auch bereits seit Jahren.

Wird es vielleicht sogar irgendwann vom Gesetzgeber vorgeschrieben sein, dass man nur noch nach Nachhaltigkeitskriterien anlegen darf?

Darüber kann man nur spekulieren. Die Bafin möchte jedenfalls, dass, wenn ein Kunde das Häkchen entsprechend setzt, ihm nur ESG-konforme Angebote unterbreitet werden sollen. Der französische Regulator, wo das Thema höhere Bedeutung hat, sagt, man solle eher Mindestanforderungen definieren, um das Fondsuniversum nicht allzu sehr zu beschneiden. Ansonsten müssten schließlich alle Investmentstrategien nach ESG ausgerichtet sein. Dann ist immer die Frage, inwieweit das der Performance und der Diversifikation zuträglich ist. Unser Invesco Systematic and Factor Strategy Team hat hierfür keinen Nachweis gefunden. Anders als bei herkömmlichen Faktoren sehen wir also hier keine Prämie. Was wir allerdings schon sehen ist, dass ein stark negatives ESG Momentum das Portfoliorisiko erhöht. Und dass Nachhaltigkeit kundenseitig zunehmend nachgefragt wird.

Werden Sie als ETF-Anbieter verstärkt in den Bereich gehen?

Ja, das tun wir bereits. Wir wollen kein Nischenanbieter sein, denn das ist aus unserer Sicht nicht aussichtsreich. Das heißt, Sie müssen sich letztlich immer als breiter Anbieter positionieren. Zu nennen ist hier der Core-Bereich, aber auch Smart-Beta-ETFs sowie ESG-Produkte. Und genau das machen wir auch.

Gerade in Schwellenländern scheint mir der ESG-Hebel groß zu sein. Viele soziale Probleme und Umweltaspekte kommen wohl hier verstärkt zum Tragen. Wie stehen Sie dazu?

Ja absolut, wir haben auch da schon Produkte aufgelegt. Wir gehen hier ähnlich vor wie bei unserer nicht-ESG-ausgerichteten Serie. Da nutzen wir MSCI und orientieren uns sehr stark auch am Core-Index. Diesen versuchen wir, faktorseitig zu optimieren. Die Sektor- und Ländergewichtungen sind kaum anders als beim MSCI World. Denn viele Anleger wollen nicht groß vom Original abweichen. Also gehen wir im ESG-Bereich analog vor. Das betrifft Europa, Schwellenländer und die Weltmärkte. Wir setzen also Minimumstandards für Ausschlusskriterien, allerdings nicht so strenge Kriterien wie beim SRI-Ansatz. Dadurch bin ich als Anleger breit diversifiziert und sehr nah dran am MSCI World, habe aber eine ESG-orientierte Strategie. Die ESG-Serie repliziert im Übrigen physisch.

Wobei allgemein haben Sie doch eher synthetische ETFs, oder?

Genau. Aber im ESG-Bereich haben wir uns im ersten Schritt dagegen entschieden. Denn wir wollen ja einen positiven Einfluss auf die im Index enthaltenden Unternehmen nehmen und nach unseren Vorstellungen bei den Hauptversammlungen abstimmen. 

Thema synthetische Replikation. Ein Flaggschiff Ihres ETF-Sortiments ist Ihr S&P 500 ETF. Was ist das Besondere daran?

Anleger, die sich für den Invesco S&P 500 ETF entscheiden, müssen keine US-Quellensteuer abführen. Unser Verfahren ist meines Wissens einzigartig und absolut transparent, weshalb der ETF nach meinem Dafürhalten sehr attraktiv ist. Die Steuerbefreiung hat mit der synthetischen Replikation und dem Einsatz von Derivaten zu tun. Möglich gemacht hat das der sogenannte Hire-Act in den USA.

Für Privatanleger sind nicht nur günstige ETFs auf große Indizes wie den S&P 500 interessant. Auch Sparpläne erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Ist hier etwas bei Ihnen geplant?

Das ist ein Bereich, den ich seit Jahren mit großem Interesse verfolge.  Wir werden Anfang 2020 mit der ING zum ersten Mal 50 gebührenfreie ETF-Sparpläne anbieten und haben mit der ING einen tollen Partner gefunden. Es ist aus meiner Sicht für Privatanleger eine sehr gute Möglichkeit Geld fürs Alter zu sparen. Und in Deutschland ist dieses Thema noch viel zu wenig auf der Agenda – gerade im Umfeld des Nullzinses, das weiterhin vorherrschen wird. Da ist ein Sparplan eine hervorragende Möglichkeit, dem entgegenzuwirken und langfristig ein Vermögen aufzubauen.

Was raten Sie Privatanlegern ganz grundsätzlich, wenn sich diese für ETF-Sparpläne interessieren?

Die Performance ist wichtig. Die Unterschiede liegen etwa beim angesprochenen S&P 500 bei bis zu einem halben Prozent per annum. Das summiert sich bei einer 30-jährigen Ansparphase zu stolzen Beträgen auf. Die Kosten und die Management-Gebühr sind dabei nicht alles, entscheidender ist die konstante Performance gegenüber vergleichbaren Produkten. Bei ETFs sollte man sich unbedingt hierzu auch kürzere Zeiträume der vergangenen zwölf bis 24 Monate ansehen, da sich die Abbildungsgenauigkeit immer mehr verbessert hat.

Reicht ein Sparplan-ETF?

Aufgrund der geringen Aktienquote in Deutschland rate ich dazu, mit einem ETF auf einen möglichst breiten Index zu beginnen, zum Beispiel auf den MSCI World. Das reicht im Grunde. Zumal in den meisten Fällen ohnehin noch ein großer Teil des Vermögens sicher geparkt ist. Eine Möglichkeit kann auch sein: Raus aus dem Sparbuch, rein in kurzlaufende Anleihen. Verbraucher sollten sich immer überlegen, wie lange sie das Geld anlegen möchten. Auch davon sollte die Strategie maßgeblich abhängen.

Sie haben schon durchklingen lassen, dass es die Deutschen nicht so mit Aktien haben. Wäre ein Staatsfonds ein guter Ausweg?

Diese Ideen kursieren immer wieder. Es gibt auch immer wieder in der Politik Befürworter. Ich glaube zwar, dass wir noch ganz weit weg davon sind, aber mit Sicherheit wäre das der bessere ein guter Weg. Zumal wir in Zukunft immer weniger Einzahler in das staatliche Rentensystem haben werden. Wir bräuchten aber nicht unbedingt einen Staatsfonds. Noch besser wäre, dass mündige Bürger selbst entscheiden können, wie sie vorsorgen möchten und dabei vom Staat unterstützt werden.

Das würden doch dann aber wahrscheinlich wieder nur die Haushalte machen um die man sich ohnehin keine Sorgen machen muss.

Das ist die Frage. Es zeigte sich aber schon immer, dass wenn der Staat Anreize setzt, die Bürger diese schon in Anspruch nehmen und entsprechend handeln. Darauf reagieren die Menschen schon. Denken Sie an die vermögenswirksamen Leistungen, die ganz viele Arbeitnehmer nutzen. Das reicht jedoch bei weitem nicht aus. Was ich aber damit sagen will: Staatliche Anreize zeigen Wirkung und führen schon zu einer gewissen Lenkung. Leider kennt die Bundesregierung derzeit aber nur die Steuerkeule. Ich denke hier an die Steuerreform für Investmentfonds im Rahmen von Sparverträgen oder die Finanztransaktionssteuer.

Gegen Ende des Interviews möchte ich noch über das mittlerweile fast in Vergessenheit geratene Thema Faktor-Investments, also Smart Beta, sprechen. Das ist bei Ihnen wahrscheinlich anders.

Ja, wobei viele auch ESG als Faktor ansehen. Da haben wir irgendwann gesagt, Smart Beta ist alles, was nicht marktkapitalisierend ist und von einer Kern-Benchmark abweicht. Da fallen mir etwa Faktoren wie Value oder Momentum ein, aber auch solche Dinge, wie Minimum-Volatility. ESG, wenn man es als Faktor sehen möchte, wächst natürlich überproportional. Wer es getrennt sehen möchte, muss feststellen, dass das ESG-Thema bereits den klassischen Smart-Beta-Bereich überflügelt hat. Hier haben sich die Größenverhältnisse bei uns merklich zu Gunsten von ESG verschoben.

Beliebt sind bei uns vor allem Produkte mit Faktororientierung. Das sind zum einen Einzelfaktoren, aber noch mehr Multifaktoransätze. Eine beliebte Faktorkombination besteht aus hohen Dividenden und niedriger Wertschwankung. Gerade in einer Phase, in der viele Marktteilnehmer von steigender Volatilität ausgehen, ist so ein Produkt interessant. So können Anbieter einen gewissen Schutz haben und gleichzeitig attraktive Ausschüttungen erwarten.

Sie haben das Thema Dividende angesprochen. Ist das nicht bisschen ein Trugschluss, zumal hohe Ausschüttungen Unternehmen Geld für Zukunftsinvestitionen entziehen?

Ja, aber wem gehört das Unternehmen? Den Aktionären. Dann stellt sich die Frage, ob ich als Aktionär die erwirtschafteten Erträge haben möchte, um diese in andere Projekte zu stecken oder lasse ich es in diesem Unternehmen, da dieses das Geld sinnvoll verwenden kann. Es kommt bei der Beurteilung sehr stark auf die einzelnen Branchen an. Defensive Unternehmen haben meist stabile Erträge, ich denke hier etwa an das Gesundheitswesen. Das Potential für überproportionales Wachstum ist aber gegenüber Technologiewerten begrenzter. Das sind grundlegend andere Unternehmen, so dass man die Dividendenpolitik nicht über einen Kamm scheren kann.

Die Möglichkeiten neuer Technologien zeigen sich beispielsweise auch an der Blockchain. Sie haben dazu auch einen passenden ETF. Können Sie bitte kurz die Blockchain und deren Anwendungsmöglichkeiten erklären?

Nehmen Sie am besten den Immobilienkauf als Beispiel. Dafür brauchen Sie immer einen Notar. In der Blockchain gibt es keinen Notar mehr. Wie stellt man nun trotzdem sicher, dass der Vertrag niet- und nagelfest ist? Das Geschäft würde über die Blockchain als valide erklärt werden, wodurch der Vertrag zustande kommt. Verträge lassen sich so direkt abschließen. Also überall da, wo Verträge vorhanden sind, lässt sich die Blockchain einsetzen, was wiederum zu einer enormen Kostenersparnis führen kann. Darin sehen wir den größten Vorteil, so dass wir hierfür einen eigenen ETF anbieten. In diesem Blockchain-ETF finden sich Unternehmen, die bereits heute die Blockchain zu einem relativ hohen Grad in ihren Geschäftsabläufen nutzen oder das Potenzial dazu haben.

Die Blockchain ist einer größeren Öffentlichkeit vor allem durch den Bitcoin bekannt geworden. Dürfen wir einen Krypto-ETF von Ihnen erwarten?

Nein, das planen wir nicht. Bei Bitcoin ist es ja so: Es ist ein reines Angebot-Nachfrage-Konstrukt. Viele sehen Bitcoin auch als Währung, sozusagen als Alternative zum Euro oder zum Dollar. Das finde ich ist zu weit hergeholt, weil Währungen stark reguliert sind und sein müssen. Und das ist der Bitcoin nicht. Daher sehe ich ihn nicht als Währungsalternative.

Hat Ihr Blockchain-ETF eine Korrelation zum Bitcoin?

Nein, hier gibt es keinerlei Zusammenhang. Die Korrelation besteht dann schon deutlich mehr zum MSCI World.

Was werden zusammenfassend Ihre Hauptziele in den nächsten Monaten sein?

Das ist zum einen unsere Sparplan-Aktion mit der ING, wodurch Privatanleger kostenfrei rund 50 Invesco-ETFs besparen können. Und: wir schauen uns das Thema ESG weiter an und werden hier weitere Produkte auflegen. Ein anderes Thema werden Rentenindizes sein. Da werden einige Alternativen dazukommen. Hier kommen auch einzelne Indexanbieter auf den Prüfstand.