Von Jennifer Fizia15. März 2021

In der Diskussion: Selbst verwaltetes ETF-Portfolio oder Robo-Advisor?

Beim Planen der eigenen Anlagestrategie stehen Anleger häufig vor der Frage: Baue ich mir mein ETF-Portfolio selbst auf und verwalte es eigenständig oder lasse ich einen Robo-Advisor diese Aufgaben übernehmen. Wir haben bei Profis nachgefragt.

Anleger, die sich für Ersteres entscheiden, argumentieren, Robo-Advisor wären zu kostenintensiv und würden zu wenig Mehrwert bringen. Wir haben Salome Preiswerk, Geschäftsführerin von Whitebox * und Martin Daut, Geschäftsführer von Quirion * zu dem Thema befragt. Können sie die gängigen Vorurteile gegenüber digitalen Vermögensverwaltern entkräften?

Wie sollten Anleger vorgehen, wenn sie vor der Entscheidung „Robo-Advisor oder selbst verwaltetes ETF-Portfolio“ stehen?

Preiswerk: Die Hauptfrage bei der Weichenstellung ist eigentlich, ob man es sich zutraut oder nicht. Und selbst, wenn man das tut, sollte man sich fragen, ob man die Zeit und Lust hat, das Portfolio selbst aufzubauen und zu verwalten.

Daut: Darüber hinaus sollten Anleger sicher sein, rational und nicht emotional handeln zu können. Sie sollten sich die Frage stellen, ob sie es schaffen, in guten Marktphasen nicht leichtsinnig zu werden und die Disziplin haben, in schlechten Phasen durchzuhalten. Das ist ein Punkt, den viele unterschätzen.

Tipp der Redaktion: Nutzen Sie den Robo-Advisor-Vergleich.

Preiswerk: Neben der Psyche sind es aber auch ganz praktische Aspekte: Der ETF-Markt ist ziemlich groß und unübersichtlich geworden, man muss ein paar grundlegende Mechanismen und technische Aspekte verstehen, es können schnell ungewollte Risiken entstehen. Wenn man sich das alles vor Augen führt, dann ist die Frage, ob man es nicht besser einen Profi machen lässt, der ein Portfolio-Management auf einem Niveau bieten kann, das lange nur einer gewissen Elite vorbehalten war.

Salome Preiswerk, Geschäftsführerin von Whitebox.
Salome Preiswerk, Geschäftsführerin von Whitebox.

Welche Vorteile bietet ein Robo-Advisor gegenüber einem selbst verwalteten ETF-Portfolio?

Daut: Zunächst einmal, dass ich mich um nichts kümmern muss und trotzdem die Portfolioqualität einer professionellen Vermögensverwaltung erhalte – zu einem Bruchteil der dafür bei Privatbanken üblichen Kosten. Ein selbst verwaltetes ETF-Portfolio aus mehreren ETFs birgt beispielsweise mit hoher Wahrscheinlichkeit Klumpenrisiken, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind.

Preiswerk: Hinzu kommt: Sobald mehr als zwei Positionen im Portfolio sind, haben diese eine Wechselwirkung. Ob man will oder nicht. Risiken verstärken sich, Risiken heben sich gegenseitig auf. Diese Mechanismen sollte man kennen. Sonst hat man nur ein Sammelsurium an Produkten, weiß aber nicht, wie sie zueinander stehen

Daut: Um mein Risiko angemessen zu streuen brauche ich mehr als ein oder zwei ETFs. Da wird es in der Analyse schnell unübersichtlich. Beim Robo-Advisor ist es kostenseitig übrigens völlig egal, wie viele ETFs im Portfolio sind. Alle Depot- und Handelskosten sind in der Verwaltungsgebühr enthalten.

Martin Daut, Geschäftsführer von Quirion.
Martin Daut, Geschäftsführer von Quirion.

In Forendiskussionen heißt es oft: „Robo-Advisor sind zu teuer, für das, was sie machen.“ Können Sie diesen Punkt entkräften?

Preiswerk: Wenn man es selbst machen kann und gewisse Kostentreiber in der Eigenverwaltung vermeidet, kann es schon günstiger sein. Ab einer gewissen Streuung und Aktivität ist das jedoch ganz schnell nicht mehr der Fall. Wichtig außerdem: Man sollte nicht alle Robos über einen Kamm scheren, sondern auf die jeweiligen Leistungen schauen. Es gibt viele Anbieter, die haben ein statisches Musterportfolio, also eine Zielallokation, die auf Jahr und Tag gleich bleibt. Entweder sogar ohne Rebalancing oder man rebalanced einmal im Jahr auf die Ausgangslage zurück.

Gegenüber einer solchen Value-Proposition eines Robos sehe ich tatsächlich nicht viel Mehrwert. Aber es gibt durchaus Anbieter wie Whitebox, die ein professionelles Portfoliomanagement bieten, bei dem im Anlageverlauf Chancen und Risiken balanciert werden, mit Top-Plattform, einem hochwertigen Reporting sowie einem persönlichen und kompetenten Service.

Daut: Naja, den langfristigen Erfolg von vermeintlich risikosteuernden Systemen sieht die Kapitalmarktforschung überaus kritisch. Der Mehrwert eines Robos entsteht aus unserer Sicht daher aus akribischer, regelmäßig aktualisierter Produktauswahl, wissenschaftlicher Portfoliokonstruktion und systematischem Rebalancing, nicht nur einmal im Jahr, sondern auch bei starken Kapitalmarktbewegungen. Generell zum Thema „Gebühren“: Wenn ich mir anschaue, wie aufwändig eine vergleichbar professionelle Eigenverwaltung ist, dann stimmt die Aussage „Robo-Advisor sind zu teuer, für das, was sie machen“ so einfach nicht.

In der Verwaltungsgebühr, die bei Quirion bei 0,48 Prozent liegt, ist unter anderem Folgendes enthalten: Die Analyse und Ermittlung des optimal zum Kunden passenden Chance-/Risikoprofils, die Entwicklung eines kostenoptimierten Portfolios aus aktuell 15 ETFs, der Handel und die Verwaltung dieser ETFs sowie das planmäßige und ggf. außerplanmäßige Rebalancing des Depots. Robo-Advisor sind auch fast immer günstiger – und besser – als aktiv gemanagte Fonds in denen immer noch unglaubliche Summen angelegt sind.  Und um es ganz klar zu sagen: Ein MSCI-World-ETF bei einem Neobroker zu kaufen, ist ok – aber alles andere als eine optimal gestreute Anlage.

Einen weiteren Nachteil der digitalen Vermögensverwaltung sehen Anleger in der beeinträchtigten Auswahl der Fonds. Was können Ihre Anleger machen, wenn sie z. B. die Abdeckung eines bestimmten Marktes wünschen?

Daut: Diesen Nachteil gibt es bei Quirion schlicht und ergreifend nicht. Wir können auf alle erhältlichen ETFs zugreifen, und machen das auch – wenn es sinnvoll ist. So investieren wir in rund 12.000 börsennotierte Unternehmen. Und da sind wir schon beim entscheidenden Punkt: Ein optimales Portfolio streut das Risiko möglichst breit – es setzt also auf eine breite Marktabdeckung in möglichst vielen Regionen. Genau das machen wir, es sind also alle Märkte entsprechend ihrer Wirtschaftskraft abgedeckt. Möchte ein Anleger eine bestimmte Region oder ein bestimmtes Thema übergewichten ist das aus portfoliotheoretischer Sicht nicht empfehlenswert.

Preiswerk: Ein Robo-Advisor ist eine Anlagelösung und kein Fonds-Supermarkt, bei dem ich alle Produkte im Regal habe. Ich stelle den Kunden mit einem Robo-Advisor eine individuelle, pfannenfertige Lösung zur Verfügung. So haben sie einen einfachen, kostengünstigen und professionellen Zugang zum Kapitalmarkt. Wenn wir einen Anlagevorschlag unterbreiten, dann erklären wir, wie die Allokation ist, wie die Sektoren und Regionen aussehen, welche Produkte enthalten sind, usw. Und dann ist das, aus unserer Sicht, die beste Lösung für den Kunden.

Außerdem tragen wir aus regulatorischer Sicht als Finanzportfolioverwalter die Verantwortung, das heißt, wir könnten nur wenig Spielraum zulassen, dass der Kunde selbst ins Portfolio eingreift. Das wollen unsere Kunden aber auch nicht. Best-in-Class ist übrigens auch ein Thema. Es gibt sicherlich Anbieter mit einer auffallend hohen Konzentration an Produkten eines Anbieters und solche wie uns, die sehr breit mit einem strikten Best-in-Class-Ansatz vorgehen. Unsere Produkte kommen von mehr als zehn Anbietern, die wir jederzeit völlig anbieterunabhängig auswählen.

Gibt es Anleger, denen Sie einen Robo-Advisor nicht empfehlen würden?

Preiswerk: Grundsätzlich gibt es wenige, denen man keinen Robo-Advisor empfehlen könnte. Man kann, zumindest bei uns, sehr personalisiert anlegen. Da ist für jede (Risiko-)Präferenz etwas dabei. Ich sehe nur einen Hinderungsgrund: Bei einem sehr kurzfristigen Anlagehorizont sollte man sich nicht im Kapitalmarkt engagieren. Für den Notgroschen und Geld, das man innerhalb der nächsten wenigen Monate oder Jahre benötigt, sollte man lieber eine andere Anlagestrategie wählen.

Daut: Ehrlich gesagt, ist ein Robo für jemanden, der glaubt, die nächste Tesla direkt nach Börsengang zu finden und damit schnell ganz reich zu werden, vermutlich weniger geeignet. Ob diese Strategie allerdings langfristig erfolgreicher ist, bezweifele ich. Und dann gibt es natürlich immer noch Menschen, die sich aus Angst vor Verlusten einfach nicht an den Kapitalmarkt trauen. Sie müsste man zuerst überzeugen und Vertrauen aufbauen. Aber dann wäre ein Robo eine gute Wahl.

Beschreiben Sie abschließend in einem Satz, weshalb Sie persönlich auf einen Robo-Advisor setzen würden.

Daut: Ich setze auf einen Robo-Advisor, weil er eine professionelle Geldanlage mit langfristig guter Rendite bietet, ich mich dafür um nichts kümmern muss und der er dabei alle Fehler vermeidet, die ich als Privatanleger machen könnte.

Preiswerk: Ein Robo-Advisor stellt einen einfachen und bequemen Zugang zum Kapitalmarkt dar, bei dem man die Arbeit in die Hände eines Profis gibt, jedoch nicht die Kontrolle abgibt –  währenddessen kann man sich den schöneren Dinge des Lebens widmen.