Sophia Wurm (SPDR) über die Börsenaussichten angesichts Biden und Corona

Amerika hat gewählt und die Hoffnung auf einen Corona-Impfstoff macht sich breit. Wie geht es weiter an der Börse? Antworten gibt Sophia Wurm, Vice President bei SPDR ETFs.

Frau Wurm, im Januar 2021 wird Joe Biden zum US-Präsidenten ernannt. Ist er aus der Sicht der Börse die bessere Wahl als Donald Trump?

Zunächst einmal war Trump aus der Börse in den vergangenen Jahren durchaus erfolgreich. Im Bezug auf die aktuelle Situation werden mit der Wahl Bidens aus Sicht der globalen Finanzmärkte die Hoffnung auf stabile internationale Beziehungen verbunden was gleichzeitig weniger Unsicherheit bedeutet. Hiervon sollten insbesondere (asiatische) Schwellenländer und auch Europa profitieren.

Bei vielen Börsianern war Trump beliebt, da er die Unternehmenssteuer senkte. Werden US-Unternehmen durch Biden bald mit höheren Steuern rechnen müssen?

Es kommt nicht alleine auf den Präsidenten an. Ein gespaltener Senat/Kongress kann dazu führen, dass  Biden nicht alle Wahlversprechen umsetzen kann. Die „blue wave“ ist ausgeblieben, so dass einige im Vorfeld diskutierten negativen Effekten ausbleiben könnten.  Dazu zählen insbesondere höhere Steuern, die von den Republikanern abgelehnt werden. Eine Erhöhung der Unternehmenssteuern wird sich im Kontext des Gesamt-Wahlergebnisses  vermutlich nicht durchsetzen lassen.

Wie sehen Sie die grundsätzlichen Auswirkungen der neuen Präsidentschaft auf die weltweiten Börsen?

Grundsätzlich positiv, da der Unsicherheitsfaktor der Wahl per se weg ist, eine aus internationaler Sicht verlässlichere US-Regierung und gleichzeitig eine moderate (oder zumindest nicht „extreme“) US-(Innen-)Politik zu erwarten ist aufgrund der gespaltenen Kammern. Aus dieser Perspektive könnte das vorliegende Ergebnis ein sehr gutes sein. Zu berücksichtigen bleibt aber, dass einige dieser positiven Aspekte in den Kursgewinnen der letzten Tage bereits eingepreist ist und sich die Börsen wieder auf andere Themen bzw. Belastungsfaktoren konzentriert.

Jüngst machte sich an der Börse Optimismus breit, da Aussichten auf einen wirksamen Impfstoff gegen Corona bestehen. Hängen die Börsen daher nicht eher an den Corona-Forschern als an der neuen US-Regierung?

Nachdem die US-Wahl hinter uns liegt und das befürchtete Chaos ausgeblieben ist, schauen die Marktteilnehmer nach vorne und fokussieren sich wieder verstärkt auf andere Themen. Dazu zählt in erster Linie die Coronapandemie und die daraus resultierenden Auswirkungen auf die globale Konjunktur.

Hoffnung auf das Medikament hat deshalb zuletzt zu deutlichen Kursgewinnen bei Pharmaunternehmen aber insbesondere auch bei zyklischen Branchen und Unternehmen geführt, die von einer globalen Konjunkturerholung und damit verbunden steigenden (US-)Zinsen oder z.B. wieder möglichen Reisetätigkeit profitieren. Gleichzeitig kam es zu Gewinnmitnahmen bei den Profiteuren der Vormonate wie z.B. Lieferdienste und Streaming-Anbieter, die vom Trend des „Stay-at-home“ profitierten.

Nun, wie es mit der Forschung und Zulassung weitergeht, ist derzeit wohl nicht seriös zu sagen. Bleiben wir daher beim neuen US-Präsidenten. Welche Sektoren profitieren von Biden? 

Eine der ersten Amtshandlungen von Binden soll der Wiedereintritt in das Pariser Klimaabkommen sein. Davon sollten in erster Linie Unternehmen aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien bzw. Versorger im Allgemeinen profitieren, da diese die Transformation hin zu mehr grüner Energie mit anführen. Darüber hinaus sollten aber auch Pharmawerte und Konsumwerte profitieren. Letztere wären stark von möglichen Steuererhöhungen betroffen gewesen.

Wie sieht es für Europa und Deutschland im Speziellen aus? Mit welchen Auswirkungen ist an den europäischen Aktienmärkten zu rechnen? 

Im Bezug auf den Ausgang der US-Wahl profitieren die Europäer – genauso wie andere internationale Aktienmärkte – von einer Abwahl Trumps. Dies ist mit der Hoffnung auf verlässlichere internationale Beziehungen von Europa / USA verknüpf. Davon sollten Branchen profitieren, die in den vergangenen Jahren von Strafzöllen / der Androhung von Strafzöllen betroffen waren wie z.B. die Automobilindustrie.

Insgesamt stellt sich die aktuelle Situation – der Kombination aus dem US-Wahlergebnis und den Fortschritten hinsichtlich eines Medikaments und/oder einer Impfung – gerade für exportorientierte Länder wie Deutschland deutlich besser da als noch vor einigen Wochen befürchtet wurde.