Kemal-Bagci-von-BNP-im-Gespräch-mit-Uwe-Görler

Struktureller Umbruch bei den Rohstoffmärkten

Der Preis für Nordsee-Rohöl der Sorte Brent stieg zuletzt wieder über 75 US-Dollar pro Barrel, auch die Preise für einige Industriemetalle legten wieder zu. Das Anlegerportal extraetf.com interviewte am Rande der Invest in Stuttgart den Rohstoffspezialisten Kemal Bagci von BNP Paribas. 

Rohstoff-Anleger können aktuell zufrieden sein. Geht das aus Ihrer Sicht so weiter an den Rohstoffmärkten oder sollten Anleger derzeit lieber Gewinne mitnehmen?

Im Moment sieht es tatsächlich so aus. Viele Anleger stellen sich die Frage: Es gibt einen konjunkturellen Rückgang – müsste die Nachfrage nach Rohstoffen da nicht rückläufig sein? Aber interessanterweise ist genau das Gegenteil der Fall. In diesem Jahr entwickeln sich die Rohstoffe bislang sehr gut. Dies hat vor allem damit zu tun, dass die Rohstoffpreise seit der Finanzkrise eher seitwärts tendierten oder gar rückläufig waren, wohingegen alle anderen Anlageklassen wie Aktien, Anleihen oder Immobilien deutlich zulegten. Gleichzeitig haben wir enorme Kapazitätsengpässe bei vielen Rohstoffen. Das Angebot bei Öl wurde zum Beispiel deutlich verknappt seitens der OPEC. Gleiches gilt bei Industriemetallen wie Kupfer, einem beliebten Metall, das eigentlich vielseitig einsetzbar ist. Es hat aktuell ein Fünfjahrestief bei den Lagerbeständen erreicht, und schon jetzt besteht ein Angebotsdefizit. Das gilt auch für Nickel und Zink.

Inwieweit spielt dabei die veränderte Nachfrage durch die Entwicklung neuer Technologien wie die Elektromobilität eine Rolle?

Aktuell gibt es in der Tat einen strukturellen Umbruch auf den Rohstoffmärkten, vor allem bei Industriemetallen. Ein Beispiel dafür ist der Trend zur E-Mobilität. Dieser strukturelle Umbruch bedeutet ein Schritt weg von fossilen Energieträgern und hin zu einem erhöhten Bedarf an Industriemetallen wie Kupfer. Dieses Metall ist aufgrund seiner hervorragenden Stromleitfähigkeit unverzichtbar für den Bau eines Elektroautos. In einem solchen Fahrzeug werden 80 Kilo Kupfer verbaut, das entspricht der vierfachen Menge im Vergleich zu einem klassischen Pkw mit Verbrennungsmotor. Jetzt ist der Elektroautomarkt gerade einmal zwei Millionen Autos weltweit groß. Davon wird die Hälfte in China abgesetzt. Trotzdem ist dieser Markt im vergangenen Jahr um 70 Prozent gewachsen, wohingegen der gesamte Automobilmarkt eher stagniert.

Und dieser Trend dürfte sich fortsetzen. So hat die chinesische Regierung bereits das Ziel ausgegeben, bis zum Jahr 2025 zwanzig Prozent aller Neuzulassungen als Elektroautos auf die Straße bringen zu wollen. Das wären sieben Millionen Autos jedes Jahr allein in China. Dies ist auch der Hauptgrund dafür, dass Automobilhersteller weltweit mittlerweile auch eine Elektroflotte bauen -einfach weil sie in diesem riesigen Markt mit dabei sein wollen. Die chinesische Regierung macht dies im Übrigen nicht nur aus Umweltgründen, sondern auch deshalb, weil sie in diesem Sektor besonders wettbewerbsfähig ist. Denn abgesehen von Tesla sind die großen Elektroautohersteller wie BYD (Buíld your dreams) oder auch Geely, ddas kürzlich auch hierzulande bei Daimler eingestiegen ist, in China beheimatet. Diesen Wettbewerbsvorteil möchte die chinesische Regierung ausbauen.

Ein weiterer Rohstoff ist Nickel, der Hauptbestandteil des Herzstücks des Elektroautos ist: der Elektrobatterie. Die jüngste Generation von Tesla Elektro Batterien zum Beispiel enthält bis zu 80 Prozent Nickel. Dabei versucht man, andere Rohstoffe wie Kobalt oder Mangan zu substituieren. Der Grund: Diese Rohstoffe sind zum Teil entweder deutlicher im Preis gestiegen oder viel schwieriger zugänglich als Nickel. Zudem werden sie manchmal auch unter ethisch fragwürdigen Bedingungen gefördert, etwa Kobalt im Kongo. Hinzu kommt, dass die Leistungskapazität von Elektrobatterien in der Zukunft deutlich steigen dürfte. Wir haben jüngst eine Anhörung von Elektromobilitätsexperten vor dem US-Kongress verfolgt: Experten des Branchendienstes Benchmark Mineral Intelligence haben festgestellt, dass derzeit 70 Mega-Fabriken für Elektrobatterien im Bau sind. 2017 waren es noch 17. Aufgrund dieses Trends rechnen sie mit einer Nachfragesteigerung bei Nickel um das 19-Fache. Selbst vorsichtig agierende Analysten gehen immerhin von einer Verzehnfachung aus. Gleichzeitig veröffentlichte die Unternehmensberatung McKinsey im vergangenen Jahr eine Studie: Danach wird der Nickelmarkt in Zukunft zu zwei Dritteln von der hohen Nachfrage nach Elektroautos dominiert werden. Dies ist vielleicht auch der Grund, warum Nickel allein dieses Jahr schon 25 Prozent im Plus ist.

Aber Vorsicht: Im vergangenen Jahr zum Beispiel brachen die Rohstoffpreise auch bei Industriemetallen ein, obwohl die Lagerbestände bereits rückläufig waren. Kupfer hat mittlerweile ein Fünfjahrestief bei den Lagerbeständen erreicht, Nickel ebenso. Trotzdem hat sich dies in den Preisen nicht gleich widergespiegelt, da Investoren einen Handelskrieg zwischen den USA und China fürchteten. Inzwischen werden wieder versöhnlichere Töne angeschlagen.  Seither lassen die Investoren auch wieder höhere Preise zu. So ist Kupfer dieses Jahr zehn Prozent im Plus, Nickel 25 Prozent im Plus.

Jeder Autofahrer merkt es schmerzhaft an der Tankstelle, die Preise für Rohöl steigen derzeit. Was ist der Grund dafür, wie beurteilen Sie die weitere Preisentwicklung? Und wie können Anleger am besten an der Wertentwicklung von Rohöl partizipieren?

Rohöl ist dieses Jahr mit einem Plus von 30 Prozent der Top-Performer. Dies haben unsere Analysten auch schon sehr früh kommen sehen, weil die OPEC zusammen mit Russland als Partner Ende vergangenen Jahres die Produktion um 1,2 Millionen Barrel gekürzt hat. Und die Vertragspartner, allen voran Saudi-Arabien, halten sich strikt an diese Kürzung. Diese Strategie ist aufgegangen, weil zeitgleich noch Sanktionen gegen Iran und Venezuela verhängt wurden. Zudem beobachten wir ein instabiles Angebot aus Libyen. Das heißt, dass die Angebotsseite für Öl sehr knapp ist, zugleich aber die Nachfrage nicht abgenommen hat, trotz einer leichten Abkühlung der Weltkonjunktur. Dieser Trend dürfte nach Einschätzung unserer Analysten auch anhalten. Unterstützt wird dies durch eine weitere Tatsache: Bisher wurden Kürzungen bei der Rohölförderung durch Schieferöl aus den USA kompensiert. Mittlerweile fördern die USA über zwölf Millionen Barrel Öl am Tag und sind damit der größte Produzent der Welt. Dabei stoßen US-Schieferölunternehmen aber zusehends an eine Kapazitätsobergrenze. So hat die Anzahl der Ölbohrtürme in den vergangenen Wochen nicht mehr zugelegt, zum Teil war sie sogar rückläufig. Gleichzeitig gibt es einen Fachkräftemangel im Bereich Schieferöl. Das größte Problem der USA ist jedoch der Mangel an Exportinfrastruktur. Jahrzehntelang waren die USA abhängig vom Rohölimport. Exporte wurden sogar sanktioniert. Jetzt hat man genug Öl, das man ins Ausland verkaufen könnte. Aber es fehlt die Exportinfrastruktur.  Schieferölförderer müssen ihr Öl bislang kostenintensiv über Lkws oder den Schienenverkehr transportieren. Im schlimmsten Fall sogar einlagern. Das ginge viel effizienter über Pipelines, die aber erst noch gebaut werden müssen.

Die Unsicherheiten an den Aktienmärkten mehren sich. Gold gilt gerade in solchen Krisenzeiten als Ankerwährung. Welche Prognosen hat Ihr Haus hinsichtlich der Preisentwicklung dieses Edelmetalls?

Unsere Analysten sehen das so: Ende 2018 gab es eine Flucht in den sicheren Hafen ,weshalb der Goldpreis spürbar zulegen konnte. Mit dem Ausblick sind wir jedoch  vorsichtig optimistisch. Wir gehen nicht davon aus, dass wir jetzt in einen langanhaltenden Bärenmarkt eintreten, sondern erwarten eher eine moderate Entwicklung des Aktienmarktes in den USA und sogar Aufholpotenzial in Europa. Deshalb halten wir eine mögliche Aufwärtsbewegung bei Gold für begrenzt. Als Zielwert  sehen wir im Schnitt 1.330 Dollar pro Unze für dieses und immerhin 1.415 Dollar für nächstes Jahr. Gold bekommt jedoch etwas Unterstützung durch die Zinspause der Federal Reserve.

Und wie sieht es mit ETFs auf Goldminenbetreiber aus?

Unsere Anleger investieren bevorzugt direkt über Terminkontrakte in Rohstoffe , weil Investments in Rohstoffminen eine sehr volatile Anlage sind. Da ist man schon gehebelt an der Entwicklung der Preise beteiligt. Gold weist eigentlich eine sehr niedrige Volatilität auf. Hingegen gehören Goldminenaktien zu den volatilen Anlageklassen im Markt. Und bei Goldminen tragen Anleger neben dem Risiko der Goldpreisentwicklung bei einer Aktienanlage zudem das unternehmensspezifische Risiko. Wichtig sind hier vor allem die Förderkosten. In Zeiten eines steigenden Goldpreises wird viel investiert, die Kosten werden in die Höhe getrieben. Bei einem Verfall des Goldpreises wird dann wieder konsolidiert. Das müssen Anleger bei solchen Investments mit beachten.

Wichtig ist ja bei Rohstoffen neben fundamentalen Gesichtspunkten auch der Future-Markt und damit entstehende Rollgewinne oder -verluste beim Hinüberrollen in den nächsten Future. Wie wichtig ist dabei eine Rolloptimierung für den Anleger?

Rohstoffe per se sind nicht sofort eine praktikable Anlage für den Anleger. Es ist nicht praktikabel, in ein Fass Öl oder eine Tonne Kupfer zu investieren. Deshalb müssen wir über die Terminmärkte gehen. Das ist eine gute Möglichkeit, 1:1 den Rohstoff abzubilden. Aber die haben ihre Schwierigkeiten, weil jeder Terminkontrakt eine begrenzte Laufzeit hat. Und dann notieren sie zu unterschiedlichen Preisen je nach Laufzeit. Wir pflegen eine enge Zusammenarbeit mit Jim Rogers. Er hat das Problem mit den Auf- und Abgeldern sehr früh erkannt. In diesem Zusammenhang bemängelt er klassische Indizes, welche zu passiv immer von einem Monatsfuture in den nächsten rollen, ohne dabei zu berücksichtigen, ob die nächstfälligen Kontrakte teurer oder günstiger sind. Ist der nächstfällige Kontrakt aber teurer, dann kommt es zu einem Rollverlust. Aus Sicht von Jim Rogers kann man aber diese Effekte reduzieren, indem man das Kapital über verschiedene Laufzeiten streckt. In seine Rohstoff-Indizes hat er deshalb noch einen Filter eingebaut, um sicherzustellen, dass in den günstigsten Kontrakt investiert wird, der zur Verfügung steht. Durch den vergünstigten Einstieg erzielt man dann die Outperformance. Dies hat sich in der Vergangenheit bewährt. Deshalb ist für die mittel- bis langfristige Rohstoffanlage stets die Optimierung zu empfehlen. Zumindest sind mir keine Studien bekannt, wo sich die Optimierung nicht über einen längeren Zeitraum ausgezahlt hat.

Welche Rohstoffe sind aktuell besonders lukrativ, weil bei ihnen zusätzliche Rollgewinne eingefahren werden können?

Ja, tatsächlich sind das sehr viele. Zum Beispiel notiert Öl, aber auch einige Metalle in Backwardation*. Über beispielsweise die RICI-Indexfamilie, bei der solche Aspekte berücksichtigt werden, kann der Anleger automatisch von solchen Rollgewinnen profitieren. Dies ist aber kein Dauerzustand. Die normale Situation ist eher die Contango-Situation**, in der Sie als Anleger kontinuierlich Aufgelder zahlen. Da macht es Sinn, so einen intelligenten Mechanismus zu haben, der das immer auch im Blick hat.

Eine wichtige Komponente bei Rohstoffen ist ja auch die Währungsseite. Rohstoffe werden in der Regel in US-Dollar gehandelt. Wie beurteilen Sie die weitere Entwicklung des US-Dollars oder sollten Anleger eine Währungssicherung bevorzugen?

Der US-Dollar war sehr lange relativ stark. Viele Analysten waren der Meinung, dass er jetzt auch mal schwächer notieren müsste. Das hat sich jedoch bisher nicht bewahrheitet. Anleger müssen wissen: Wenn sie eine Währungssicherung einkaufen, dann müssen sie die Zinsdifferenz zwischen den USA und Europa bezahlen. Und diese ist im Moment relativ hoch. In den USA sehen wir kurzfristige Zinsen von über zwei Prozent, wohingegen in Europa die kurzfristigen Zinsen bei minus 0,3 Prozentliegen. Das entspricht einer Spanne von etwa zweieinhalb Prozent, die jährlich an Kosten hinzukommen, wenn Sie die Währung absichern. BNP Paribas-Produkte sind stets als Total-Return-Indizes konzipiert. Das heißt, die Zinsvorteile, die bei der Rohstoffanlage generiert werden, werden für den Investor reinvestiert, und zwar in Form des dreimonatigen Auktionssatzes für US-Staatsanleihen. Und weil die Zinsen eben relativ hoch sind, sind das mehr als zwei Prozent, die zusätzlich zur Rohstoffentwicklung noch einmal investiert werden in das Produkt. Anleger müssen deshalb bei einer Währungsabsicherung überlegen: Sind mir diese Mehrkosten das wert? Dann kann die Währungsabsicherung durchaus Sinn machen. Dann kann man als Euro-Investor getrost sagen: Ich setze auf die absolute Wertentwicklung bei Rohstoffen. Ansonsten aber, wenn ich die Zinsvorteile mitnehmen möchte, dann sollte man lieber direkt investieren ohne Absicherung. Insgesamt aber sollte man bei ETCs, das ist auch eine Komplikation der Rohstoffanlage, immer die Kosten genau im Blick haben. Bei BNP Paribas verfügen wir über eine sehr transparente Gebührenstruktur. So haben wir nur eine Managementgebühr, die alle im Produkt anfallenden Kosten abdeckt. Häufig ist jedoch am Markt zu beobachten, dass bei ETCs, die ja besichert sind, zusätzliche Besicherungsgebühren hinzukommen oder bei rolloptimierten Produkten noch einmal Indexgebühren verlangt werden. Wenn man das dann alles hinzuaddiert, kommt man auf relativ hohe Werte, obwohl offiziell nur eine sehr geringe Managementgebühr ausgewiesen wird.

Worauf müssen Sie dabei achten, um vergleichen zu können?

Die Märkte sind diesbezüglich  nicht immer transparent. Am besten ist, Anleger schauen auf die Gesamtkostenquote, die allerdings nicht überall ausgewiesen wird. Das Basisinformationsblatt kann hierbei hilfreich sein. Darauf muss ausgewiesen werden, was der Einfluss auf die Gesamtrendite sein dürfte. Das ist zwar auch nicht optimal, aber da bekommen Anleger schon ein Gefühl dafür, wie hoch die Kosten in Summe sein dürften. Und dann stellen viele Anleger schließlich fest, dass wir bei BNP Paribas zwar relativ hohe Managementgebühren ausweisen, aber trotzdem die günstigsten Anbieter am Markt sind, da bei uns alle Kosten beinhaltet sind.

 

Details zum Rohstoffmarkt und wie Sie am besten in Rohstoffe über ETFs und ETCs investieren können, erfahren Sie in unserem Anlageleitfaden.

Zur Person:  Kemal Bagci ist Derivate-Spezialist bei BNP Paribas. In dieser Position entwickelt er neue strukturierte Produktlösungen, unter anderem auf Trend- und Rohstoffmärkte. Mit regelmäßigen Markt- und Produktanalysen ist er häufig in den Medien vertreten. Im Zertifikate- und ETC-Markt arbeitet er seit dem Jahr 2006, zunächst bei der Deutschen Asset Management in London und danach bei RBS Frankfurt. Seit September 2014 ist er bei BNP Paribas in Frankfurt tätig. Kemal Bagci hält einen Master of Science in Management.

Erklärungen:

*Backwardation: Hierbei ist der nächstfolgende Future billiger als der aktuelle. Der Anleger erzielt so Rollgewinne beim Hinüberrollen in den folgenden Future.

**Contango: Hierbei ist der nächstfolgende Future teurer. Beim Hinüberrollen in den nachfolgenden Future werden somit Rollverluste erzielt.