Eric Wiegand: "Schwellenländer mit Outperformance-Chancen"

Schwellenländer konnten nach einer längeren Durststrecke gegenüber Industrieländern wieder deutlich Boden gut machen. Wir haben mit Eric Wiegand, Leiter Xtrackers Vertriebsstrategie, Europa und Asien-Pazifik bei DWS, über die Aussichten von Schwellen- und Grenzmärkten gesprochen.

Schwellenländer haben auf Jahressicht im Vergleich zu Industriestaaten die Nase vorn. Das war aber in den vergangenen Jahren jedoch eher umgekehrt. Was hat den Schwellenmärkten zuletzt Auftrieb verliehen?

Die positive Entwicklung an den Schwellenländermärkten in diesem Jahr wird von mehreren Faktoren getragen: Zum einen ist die wirtschaftliche Situation in vielen Schwellenländern sehr solide und wichtige ökonomische Indikatoren weisen auch weiterhin positive Tendenzen auf. Beispielsweise zeigt der Export-Subindikator sowohl in China als auch in Taiwan oder Südkorea deutlich nach oben. Zum anderen sind auch die Unternehmenszahlen sehr vielversprechend. Zudem haben die Zentralbanken, deren Entscheidungen eine nachhaltige Wirkung auf die Vermögenspreise in den Emerging Markets haben, zuletzt sehr zurückhaltende Töne angeschlagen. Potenzielle weitere Zinserhöhungen der Fed sind als Risikoszenario daher erst einmal passé und auch der Dollar dürfte erst einmal nicht mehr so stark steigen. Davon haben viele Schwellenländer profitiert. Und nicht zuletzt deuten sich im US-Chinesischen Handelskonflikt einige Fortschritte an und stimmen die Anleger optimistischer.

Ist auch in den kommenden Jahren mit einer Outperformance zu rechnen?

Langfristig bleibt unsere Sicht auf die Schwellenländer definitiv positiv. Aber auch kurzfristig sehen wir durchaus Chancen für eine Outperformance, da sich das makroökonomische Bild in den Schwellenländern weiter verbessert. Die Treiber der starken Entwicklung in den vergangenen Monaten bleiben vorerst weiter bestehen. Natürlich lässt sich diese Entwicklung nicht einfach fortschreiben, da einige der Risikofaktoren nicht aus der Welt sind. Aber strategisch halten wir die Emerging Markets weiterhin durchaus für interessant.

Tipp: Wenn auch Sie sich für die Emerging Markets interessieren, dann sollten Sie unseren Anlageleitfaden „Investieren in Emerging Markets“ lesen.

Welche Schwellenländer halten Sie für interessant, welche sind mit Vorsicht zu genießen? Und warum?

Besonders spannend finden wir aktuell China, Indien, Indonesien und Südkorea. In China gab der Wohnungsmarkt weniger nach als befürchtet und der Konsum stabilisiert sich gerade. Im zweiten Quartal erwarten wir erste Impulse durch Fiskalprogramme wie Mehrwertsteuerentlastung, Einkommensteuersenkung und geringere Sozialbeitragssätze. In Indien rechnen wir bei einem Wahlsieg Modis damit, dass sich die Stimmung verbessern könnte und wahlbedingte fiskalische Maßnahmen und monetäre Impulse folgen dürften. Ähnlich stellt sich die Situation in Indonesien da: Nach der Wahl im April sollte sich die Stimmung  verbessern und die Investitionsnachfrage beleben. Auch in Südkorea sind es vor allem der fiskalische Stimulus und ein rekordhohes Haushaltsbudget für 2019, die zu einer Stärkung von Konsum und Investitionen führen sollten.

Weniger optimistisch gestimmt sind wir beispielsweise hingegen für Venezuela: Das Ausmaß der Misere nimmt täglich zu und die politische Lage bleibt ungewiss. Politische Unwägbarkeiten sind auch der Grund für unsere Zurückhaltung in der Türkei; regelmäßige Markteingriffe verschrecken zunehmend ausländische Investoren. In Brasilien bleibt die von vielen erhoffte zyklische Erholung bisher aus und auch die angekündigten Reformen scheinen sich zu verzögern. Das Wirtschaftswachstum droht im laufenden Jahr erneut hinter den Erwartungen zurück zu bleiben.

In der Hierarchie dahinter folgen die Grenzmärkte. Dazu haben Sie auch einen ETF. Was raten Sie Privatanlegern in Bezug auf solche kleineren, weniger stabilen Märkte?

Grenzmärkte sind für Privatanleger in der Regel im Portfolio nur als Beimischung zur Diversifizierung sinnvoll. Zwar bieten sie die Chance auf hohes Wachstum und entsprechende Renditen, allerdings ist die Volatilität hier auch signifikant höher als beispielsweise in Schwellenländern. Xtrackers bildet beispielsweise über einen ETF den S&P Select Frontier Index ab: Hier zählen zu den am stärksten im Fonds vertretenen Ländern Kuwait, Vietnam, Argentinien und Kambodscha. Da in diesen Ländern die Risiken höher und die Transparenz geringer sind, müssen Anleger in einem viel größeren Umfang Kursschwankungen aushalten können. Daher raten wir hier zu Besonnenheit. Grenzmärkte sollten bei Privatanlegern nur einen geringen Anteil des Portfolios ausmachen.

In welchem Mischverhältnis sollten Anleger Ihres Erachtens Schwellen- und vielleicht auch Grenzmärkte in einem Weltportfolio aufnehmen?

Für diese Entscheidung ist in erster Linie die Renditeerwartung und das Risikoprofil des Anlegers entscheidend. Für einen Anleger mit einer mittleren Risikoerwartung könnte ein Portfolio geeignet sein, das circa je zur Hälfte aus Aktien und Anleihen besteht, die international gestreut sind. In diesem Fall würden Schwellenländer-Aktien etwa zehn Prozent des Gesamtportfolios ausmachen. Anleger, die vor allem eine hohe Rendite erzielen wollen und dafür auch höhere Schwankungen in Kauf nehmen, können diesen Anteil auch erhöhen. Allerdings ist die Portfoliozusammenstellung immer eine individuelle Entscheidung, die Anleger ausführlich mit ihrem Berater besprechen sollten. Grenzmärkte sollten aufgrund der höheren Risiken – wie schon gesagt – nur einen kleinen Teil am Gesamtportfolio ausmachen.