Riestern oder nicht Riestern? 

Der Ruf von Riester-Verträgen ist schon lange nicht der beste. Zu selten werden die Zulagen in Anspruch genommen, zu gering die Renditen, zu hoch die Kosten. Neue Anbieter wie fairr.de versuchen, diese Themen anzugehen. Sie bieten transparente Riester-Produkte mit ETF-Anlagen zu geringen Kosten an. Alles gut also?

Leider nicht. Das Problem bleibt die Beitragsgarantie. Deswegen musste gerade der fortschrittliche Riester-Anbieter Fairr im Sog der Corona Krise alle ETF-Anlagen ihrer Kunden in Cash umwandeln. Die zugrundeliegende Buy-und-Hold Strategie wurde damit jäh unterbrochen und die Kunden verpassten das anschließende Recovery an den Börsen. 

Wie konnte das passieren?

Alle Riesterverträge enthalten eine Beitragsgarantie. Diese ist vom Gesetzgeber vorgeschrieben und gibt den Kunden einen Anspruch auf Erhalt ihrer Beiträge bei Rentenbeginn. Eine solche Garantie hat Konsequenzen für die Anlage. Dazu lesen wir bei Fairr: „Um die Beitragsgarantie zu gewährleisten, überwacht die Sutor Bank laufend das Portfolio. Durch die Steuerung der Aktien- und Anleihenquote des Portfolios kann das Kapital zum Ende der Vertragslaufzeit garantiert werden.“

Ausgelöst durch die Corona-Krise kam es seit dem 24. Februar 2020 zu deutlichen Schwan­kungen und Kurs­verlusten an den Finanz­märkten. Aus Sorge über weitere Kursverluste, die die Beitragsgarantie gefährden könnten, entschied die Sutor Bank am 12. März 2020, alle Aktien­fonds und Aktien-ETFs zu verkaufen und den Gegenwert in Liquidität zu halten. Erst am 12. Juni gab fairr bekannt, die Anlagen ihrer Kunden wieder in Aktien zu investieren. In den drei Monate seit dem 12. März hat der MSCI World allerdings um 22 % zugelegt. Dieser Wertzuwachs ist den fairr Kunden entgangen.

Lohnt sich Riester dann überhaupt?

Das schlagende Argument für die Riesterrente sind die Zuschüsse. Pro Jahr erhält man 175 Euro sowie 300 Euro pro Kind (185 Euro bei Geburtsjahren vor 2008) vom Staat. Geschenktes Geld nimmt man ja gerne mit.

Aber wie wir oben gelernt haben, kann aufgrund der vorgeschriebenen Beitragsgarantie das Geld nicht effizient angelegt werden. Für eine langfristige Anlage, wie die Altersvorsorge, sind Aktien unverzichtbar, auch wenn sie kurzfristig stark schwanken können.

Im folgenden Zahlenbeispiel gehen wir der Frage nach, ob Riester-Zuschüsse die weniger rentable Anlage kompensieren. Dazu vergleichen wir eine Anlage bei fairr mit einer Anlage bei myPension. Beide Produkte sind online, kostengünstig und durch die Verrentungsoption für die Altersvorsorge geeignet.

myPension ist eine Fondsgebundene Rentenversicherung, die keine Riester-Zuschüsse erhält. Die Anlage kann jedoch ohne Beitragsgarantie zu 100 Prozent in Aktien erfolgen. Entsprechend unterstellen wir bei myPension eine langfristige Rendite von 6 Prozent. Aufgrund der Beitragsgarantie und der dazugehörenden Anlage in Cash / Anleihen unterstellen wir bei fairr eine langfristige Rendite von 3 Prozent.

In unserem Beispiel unterstellen wir eine Person mit zwei Kindern, die den maximale Riester-Förderbetrag von 2.100 Euro pro Jahr spart. Im Riestervertrag nimmt sie die Zuschüsse mit, also 175 Euro + 2 x 300 Euro, macht 775 Euro pro Jahr. Netto legt sie also nur 1.325 Euro pro Jahr an. Die gleiche Summe kann die Person alternativ bei myPension anlegen. Nach 30 Jahre und nach Berücksichtigung der Kosten ergibt sich folgendes Guthaben:

 FairrMyPension
Förderbetrag:2.100 Euro-
Riester-Zuschüsse:- 775 Euro-
Eigener Beitrag:1.325 Euro1.325 Euro
Rendite:3,00 % p.a.6,00 % p.a.
Guthaben im Alter:86.439 Euro94.066 Euro
Quelle: extraETF, eigene Berechnungen

Es zeigt sich, dass das Guthaben bei myPension durch die effizientere Anlage um 7.628 Euro (9 Prozent) höher ist, trotz Verzicht auf Zuschüsse.

Das Ergebnis ist noch ausgeprägter, wenn wir Steuern in Betracht nehmen. Die Auszahlung bei Riesterverträge wie fairr ist voll steuerpflichtig im Alter. Bei einer Fondsgebundenen Rentenversicherung wie myPension ist die Auszahlung steuerbegünstigt (nur Erträge werden mit dem halben Steuersatz belastet). Unter Berücksichtigung von 20 Prozent Steuern und Kosten ergeben sich folgende Guthaben nach 30 Jahren:

 FairrMyPension
Guthaben im Alter:86.439 Euro94.066 Euro
Steuer (20 %):- 17.288 Euro- 9.407 Euro
Guthaben nach Steuer:69.151 Euro84.660 Euro
Quelle: extraETF.com, eigene Berechnungen

Nun zeigt sich ein Guthaben, das sogar 19.484 Euro (28 Prozent) höher ist! Die Schlussfolge ist, dass Riestern sich keineswegs lohnt, selbst nicht bei einem kostengünstigen Anbieter wie Fairr. Die weitere ernüchternde Schlussfolge ist, dass die Riester-Zuschüsse vom Staat (immerhin 30 x 775 Euro = 23.250 Euro) verschwendetes Geld sind.

Und wenn die Riester-Rendite höher als 3 Prozent ist?

Eine interessante Frage zum Schluss ist, ab welcher Rendite sich die Riester-Anlage dann wohl lohnen würde. Unter den Bedingungen in unserem Rechenbeispiel ist die Antwort: ab 4,5 Prozent pro Jahr.

Aber selbst, wenn man trotz Beitragsgarantie an eine solche Rendite glauben würde, kann man Riestern aufgrund der eingeschränkten Flexibilität nicht empfehlen. Bei vorzeitiger Vertragsbeendung müssen die Förderbeträge komplett zurückgezahlt werden und im Alter muss mindestens 70 Prozent des Guthabens verrentet werden. Bei Kündigung einer Fondgebundenen Rentenversicherung müssen keine Förderbeträge zurückgezahlt werden und im Alter kann man sich das Vermögen zu 100 Prozent auszahlen lassen.

Tipp: Kennen Sie Ihre Rentenlücke? Wie Sie diese berechnen können haben wir in dem Beitrag „Rentenlücke ermitteln – Wie geht das?“ im Detail beschreiben. Nutzen Sie unsere Finanzrechner um verschiedene Szenarien zum Ansparen und Entsparen zu berechnen.