Aktienmarkt und Spieltheorie – Vorsicht bei „Spieleinladungen“ an der Börse

Am Aktienmarkt gibt es ein Nullsummenspiel: what goes up, must come down. Ein rationaler Schutzmechanismus versagt bei emotionalen Triggern. Setzen Sie am besten auf ETFs.

Die Aufregung ist noch nicht zu Ende: Aktuell sorgt die Gamestop-Aktie wieder für hohe Ausschläge. Inzwischen beginnen aber auch die „Aufräumarbeiten“: Was sind die Lehren aus dem Zockerspiel um den US-Computerspielehändler? Immerhin folgte kürzlich noch eine Anhörung vor dem Finanzausschuss des US-Repräsentantenhauses, und auch die deutsche Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin prüft die Vorgänge hinsichtlich möglicher Absprachen, um den Markt zu manipulieren. Doch in vielen Anlegerdepots ist der Verlust bereits realisiert, weil viele zu spät eingestiegen sind.

Nach Ansicht von Lutz Neumann, Leiter Vermögensverwaltung der Hamburger Sutor Bank, haben sich viele unerfahrene Kleinanleger auf ein Spiel eingelassen, das dem Roulette gleicht. Die Gefahr, dass es für weitere Anleger ein böses Erwachen gibt, sei sehr real: „Derzeit sehen wir noch einige Nachwehen bei Gamestop. Doch das Spiel geht längst weiter, nach Gamestop sind weitere Anlageziele ins Visier eines unkontrollierten Flashmobs geraten. Das, was hier gespielt wird, nennt sich in der Spieltheorie ein Nullsummenspiel. Anleger sollten sich reiflich überlegen, ob sie die nächste Einladung zu einem derartigen Spiel annehmen sollten“, sagt Lutz Neumann.

Nullsummenspiele am Aktienmarkt: what goes up, must come down

Das Kennzeichen eines Nullsummenspiels ist gemäß der Spieltheorie, dass die Summe der Gewinne und Verluste aller Spieler zusammengenommen null ist: in dem Ausmaß, wie der eine gewinnt, verliert der andere. Auf den Aktienmarkt übertragen heißt das: Die Fahrt geht nach oben und in gleichem Maße wieder nach unten. Auf dieser Strecke gibt es Gewinner, die vor dem Absturz aussteigen, und Verlierer, die den rechtzeitigen Ausstieg verpasst haben – und nun, nach dem tiefen Fall darauf hoffen, dass die Kurse wieder hochgehen. „Per se funktionieren Aktienmärkte nicht wie ein Nullsummenspiel.

Denn dort, wo Wirtschaft wächst, gibt es ein Fundament für im langfristigen Durchschnitt steigende Aktienkurse. Die aktuellen Vorgänge zeigen, wie schnell Unternehmen zum Gegenstand eines kruden Nullsummenspiels werden können, obwohl sie selbst nur Zuschauer sind“, erklärt Lutz Neumann. Ein pseudo-moralischer Anstrich, nämlich Hedgefonds ins Bockshorn zu jagen, ändere nichts daran, dass es sich um ein sehr gefährliches Spiel handele. 

Tipp der Redaktion: Bei Aktien gilt es, breit gestreut zu investieren. Orientieren Sie sich dazu an unseren Musterportfolios.

Das Wesen eines Nullsummenspiels lässt sich bei Gamestop, aber auch bei anderen Werten, bei denen es eine solche „Spieleinladung“ gab, klar erkennen: Lag der Gamestop-Kurs bis 12. Januar bei um die 16 Euro, verdoppelte sich der Kurs bis 21. Januar auf 33 Euro, um am 28. Januar bei 420 Euro seinen „Peak“ zu erreichen. Danach ging es wieder rasant bergab bis auf unter 30 Euro – nun sorgt mutmaßlich die Meldung über den Abgang des Gamestop-Finanzchefs für erneute hohe Volatilität. Anderes Beispiel: Varta: Auch die Aktie des deutschen Batteriekonzerns wurde zum Spielobjekt mit Ansage. Pendelte der Kurs bis Mitte Januar bei um die 120 Euro, so stieg der Kurs bis 28. Januar bis auf knapp über 180 Euro – ein Plus von 50 Prozent innerhalb weniger Tage. Doch mittlerweile ist auch dieser Kurs wieder auf um die 120 Euro gefallen. „Das Prinzip ist stets gleich: what goes up, must come down“, kommentiert Lutz Neumann.

Aktienmarkt: Rationaler Schutzmechanismus versagt bei emotionalen Triggern

Nach Ansicht von Lutz Neumann sind diejenigen, die das Spiel gegen die Hedgefonds eröffnet haben, keinen Deut besser als diejenigen, denen sie damit schaden wollten. Beide Seiten agieren hochspekulativ und setzen alles – dem Roulette mit seinen beiden Farben rot und schwarz ähnlich – auf eine von zwei Möglichkeiten: hopp oder top. „Das Perfide daran ist, dass das Spiel sich nur umsetzen lässt, wenn noch viele weitere Mitspieler an den Tisch gezogen werden. Denn nur dann kann es zu einer signifikanten Kursbewegung nach oben kommen, weil viele als Käufer auftreten“, sagt der Experte. 

„Leider versagt bei emotionalen Triggern oft der natürliche rationale Schutzmechanismus. Wenn exorbitante Gewinne in Aussicht gestellt werden, sollten bei jedem Anleger jedoch die Alarmglocken schrillen“, warnt Lutz Neumann. Man könne nur eindringlich darauf hinweisen, sich an solchen Spielen nicht zu beteiligen. 

Next stop Tesla?

Allerdings sei nicht jedes Zockerspiel so einfach zu durchschauen. „Als Investor heißt es ganz genau hinzuschauen, auf welche Werte man setzt. Gibt es ein stabiles Fundament für einen Kursanstieg?“, erläutert Neumann. Bei einem Wert wie Tesla etwa deute einiges auf ein ähnliches Phänomen wie Gamestop hin. „Der Aktienkurs von Tesla hat innerhalb eines Jahres um knapp 270 Prozent zugelegt.

Mit Autoverkäufen macht Tesla bislang Verlust – Gewinnbringer 2020 war hingegen der Handel mit Abgaszertifikaten. Im Unterschied zu Gamestop ist es jedoch nicht zuletzt Firmengründer Elon Musk selbst, der mit seinen Äußerungen zum Gewinnspiel einlädt“, fügt Lutz Neumann hinzu. 

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Ein guter Schutz gegen hanebüchene Börsenspiele ist nach Meinung von Lutz Neumann vor allem eines: Investments in Einzelwerte sollten entweder ganz vermieden werden oder nur sehr wohldosiert sein. „Für wenig markterfahrene Anleger ist eine weltweit breit streuende Fondslösung immer die bessere Wahl gegenüber einem einzelnen oder wenigen Einzelinvestments. Wer das berücksichtigt läuft kaum Gefahr, seine finanzielle Zukunft emotionsgetrieben aufs Spiel zu setzen.“