Das japanische Experiment

Das japanische Experiment

Es sieht so aus, als würde die Welt in diesem Jahr ein wirtschafts- und währungspolitisches Experiment nie gesehenen Ausmaßes erleben. In allen großen Industrieländern bestand bisher weitgehender Konsens über die politischen Prioritäten. Die Staatsschulden sollen ohne größere Gefährdung des Wachstums abgebaut werden. Die hohe Liquidität auf den Märkten darf nicht zu einer Inflation führen. Jetzt kommt der neue Ministerpräsident von Japan, Shinzo Abe und will alles ganz anders machen.

Den Teufelskreis durchbrechen

Er hat sich vorgenommen, den Teufelskreis aus Rezession und Deflation, in dem sich Japan seit 20 Jahren befindet, zu durchbrechen. Dazu will er das Wirtschaftswachstum ohne Rücksicht auf die Staatsschulden (die in Japan bekanntlich schon heute die höchsten der Welt sind) mit höheren Staatsausgaben ankurbeln. Noch für Januar plant er ein erstes Programm von JPY 10 Billionen (umgerechnet rund EUR 90 Mrd. oder rund 2,6 % des BIP). Gleichzeitig soll die Preissteigerung, die derzeit unter Null liegt, auf 2 % angehoben werden. Dazu soll die Bank of Japan, die formell nach wie vor unabhängig ist, die Geldschleusen noch weiter öffnen. In ihrer letzten Sitzung des Jahres hat die Zentralbank quasi in vorauseilendem Gehorsam ihr Wertpapierankaufsprogramm noch einmal erhöht. Sie wird aber sicher noch mehr tun müssen.

Auswirkungen

Hüfner 03012013Wenn Shinzo Abe mit dieser Politik Erfolg hätte, würde das die Welt in vielerlei Hinsicht verändern. Es würde Japan nicht nur selbst wieder besser gehen. Das Wachstum würde wieder über die 1 % steigen, die in den letzten 20 Jahren im Schnitt erzielt wurden (siehe Grafik). Es hätte auch positive Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Japan würde zudem als wirtschaftliche Macht in Asien wieder eine größere Rolle spielen. Das würde angesichts der bestehenden politischen Spannungen in der Region und den außenpolitischen Ambitionen Abes freilich nicht jedermann freuen. Schließlich würde die bisherige wirtschafts- und währungspolitische Strategie Europas und Amerikas in Frage gestellt. Man müsste darüber nachdenken, ob man die japanischen Rezepte nicht auch anderswo einsetzen könnte. In jedem Fall wäre das Menetekel vom Tisch, dass niedriges Wachstum und Deflation ein Schicksal alternder Industriegesellschaften sind.

Aber wird Abe Erfolg haben? Die Märkte sind derzeit optimistisch. Die Aktienkurse in Tokio sind in den letzten Wochen so stark gestiegen wie schon lange nicht mehr. Die japanischen Zinsen haben sich von ihrem Tiefstand von unter 0,7 % erholt und notieren für 10-jährige Staatsanleihen wieder bei knapp 0,8 %. Der Wechselkurs des Yen hat sich abgewertet und entlastet damit die Exportwirtschaft. Die Märkte sind offenbar beeindruckt von dem Schwung, mit dem die neue Regierung vorgeht. Mancher erinnert sich an die alte Erfahrung, was Japan alles erreichen kann, wenn es seine Kräfte konzentriert und auf ein Ziel fokussiert. Auch mancher westliche Kommentator ist beeindruckt.

Nur kurzfristig wirksam

Ich schließe mich der Euphorie nicht an. Das Ziel der Regierung, Wachstum anzuregen und die Deflation zu überwinden, ist lobenswert. Die Mittel dazu, sind aber keine Innovation, sondern ein Griff in die alte Mottenkiste keynesianischer Rezepte. Deficit Spending und lockere Geldpolitik sind geeignet, um kurzfristige Nachfrageausfälle zu kompensieren, aber nicht um langfristig nachhaltiges Wachstum zu generieren.

Japan hat vor allem Strukturprobleme. Dazu braucht es andere Rezepte. Seine Bevölkerung geht demografisch bedingt zurück. Dazu müsste man die Grenzen für Einwanderer öffnen. Die binnenmarktorientierten Unternehmen, vor allem der Mittelstand, sind nicht produktiv genug. Dazu bräuchte es spezielle Wachstumsimpulse. Es fehlt an Wettbewerb und Corporate Governance (wie sich im Fall Fukushima deutlich zeigte). Der Unternehmensverband Keidanren fordert dazu Deregulierungen. Es ist angesichts der Historie und der traditionell auf die Landwirtschaft fixierten Partei des neuen Ministerpräsidenten (LDP) zu bezweifeln, dass er solche Ideen aufgreift.

Schlechte Bedingungen

Hinzu kommt, dass die Ausgangsbedingungen für ein rein keynesianisches Programm denkbar schlecht sind. Japan befindet sich wie andere Industrieländer in der berühmten Liquiditätsfalle. Hier kann mit monetären Maßnahmen wenig bewirkt werden. Wenn die Staatsverschuldung weiter steigt, ist zu befürchten, dass die Rating-Agenturen die Bonität Japans herabstufen. Das würde die Zinsen erhöhen und die private Investitionstätigkeit beeinträchtigen.

Es ist im Übrigen auch schwer vorstellbar, dass die Handelspartner Tokios das alles widerspruchslos hinnehmen. Die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der japanischen Unternehmen durch eine Abwertung der Währung ist „Beggar-thy-Neighbour“-Politik pur. Das werden weder die Amerikaner noch die Chinesen akzeptieren. Auch die Europäer würden dagegen sicher ihre Stimme erheben.

Für den Anleger

Zwei Schlussfolgerungen. Zum einen wird das japanische Experiment keine Auswirkungen auf die politischen Prioritäten in den USA und in Europa haben. Dazu ist es zu einfallslos. Zum anderen sollte man beim Anstieg des Nikkei-Index vorsichtig sein. Natürlich ist der Kursanstieg der letzten Wochen verlockend. Man muss nicht gleich an die früheren Höchststände von 38.000 denken, die sicher nicht mehr erreicht werden. Aber Kursniveaus von 15.000 könnten durchaus interessant sein. Ich vermute, dass der Nikkei (wenn das internationale Umfeld stimmt) in den ersten Monaten der neuen Regierung durchaus noch Spiel nach oben hat. Ich rechne jedoch mit einer Ernüchterung, sobald sich zeigt, dass die Probleme Japans mit den vorliegenden Konzepten nicht zu lösen sind.

© 03. Januar 2013 /Martin Hüfner