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Fannie Wurtz (Amundi) über Schnäppchen-ETFs und Nachhaltigkeit

Amundi sorgte vor wenigen Monaten für Aufsehen, als das französische Haus etliche ETFs zum Schnäppchenpreis (Prime-ETFs) eingeführt hat. Wir haben Fannie Wurtz, die die ETF-Sparte bei Amundi leitet, dazu und zu anderen Themen befragt.

Frau Wurtz, laut Amundi-Website haben Sie europaweit das kostengünstigste ETF-Sortiment. Was hat Sie veranlasst, die Prime-ETF-Palette einzuführen?

Sie haben Recht, insgesamt hat unser ETF-Angebot eine durchschnittliche laufende Gebühr von 22 Basispunkten p.a. – gegenüber 27 Basispunkten p.a. für den gesamten europäischen ETF-Markt. Wettbewerbsfähige Gebühren waren schon immer zentraler Baustein unserer Geschäftsstrategie. Die Prime-ETFs sind nur das jüngste Beispiel dafür. Die neue ETF-Palette wurde für Anleger entwickelt, die auf der Suche nach einfachen Lösungen sind, um sich in den wichtigsten Märkten und Anlageklassen zu sehr niedrigen Kosten zu positionieren. Konkret weisen diese ETFs laufende Kosten von 0,05 Prozent p.a. auf; das sind die günstigsten Gebühren für eine Palette von Standard-Anlagen in Europa. Das Angebot richtet sich vor allem an europäische Privatanleger, die vor allem wegen der Transparenz und günstigen Gebühren vermehrt auf ETFs setzen. Durch neue regulatorische Anforderungen wird sich dieser Trend unserer Einschätzung nach noch beschleunigen.

Bei den Prime-ETFs greifen Sie nicht auf die bekannten Indizes von MSCI zurück, sondern auf Solactive. Wieso?

Grundsätzlich bieten wir ETFs auf Indizes aller renommierten Indexanbieter und Benchmarks an. Mit den Prime-ETFs wollen wir Anlegern, die weniger Wert auf das Branding des Indexanbieters legen, zusätzliche Anlagemöglichkeiten bieten. Nach ausführlichen Analysen haben wir uns aus verschiedenen Gründen für eine Partnerschaft mit Solactive entschieden. Der Indexanbieter, der seinen Sitz übrigens in Deutschland hat, hält alle Qualitäts- und Regulationsstandards ein. Solactive verfügt zudem über eine ausgezeichnete Expertise bei der Entwicklung von Aktien- und Rentenindizes, die für ihren jeweiligen Markt repräsentativ sind und gleichzeitig auf einer einfachen, transparenten und robusten Methodik basieren. Last but not least überzeugen die Indizes durch wettbewerbsfähige Preise sowie ein hohes Maß an Flexibilität. Der Indexanbieter blickt inzwischen auf eine mehr als zehnjährige Erfolgsgeschichte zurück. Das heißt, wir sind überzeugt, dass die von uns geforderten hohen Qualitätsstandards erfüllt werden.

In der Branche ist immer wieder von zunehmender Regulierung die Rede. Inwiefern betrifft das Amundi?

Die EU-Richtlinie Mifid 2 hat neue Rahmenbedingungen und Vorschriften für Finanzmärkte und Anlageprodukte geschaffen. Dabei geht es unter anderem um die Verbesserung des Anlegerschutzes. Mifid 2 hat erheblichen Einfluss auf die Vermögensverwaltungsbranche und lenkt den Fokus beispielsweise stärker auf Transparenz zu Kosten und Risiken.

Insgesamt gehen wir davon aus, dass die neuen Bestimmungen für ETFs von Vorteil sind. Das heißt, wir haben die Prime-ETFs auch mit Blick auf Mifid 2 lanciert, um speziell Privatanlegern und Retail-Vertriebspartnern den Zugang zu Produkten zu ebnen, die diesen Anforderungen entsprechen. Eine weitere Folge der zunehmenden Regulierung ist, dass Vertriebspartner bestrebt sind, mit einer begrenzten Anzahl langfristiger Partner zusammenzuarbeiten, die das gesamte Spektrum an Dienstleistungen und Lösungen anbieten können. Als größter europäischer Asset Manager verfügt Amundi über die Fähigkeit, Größe und Kapazitäten, um Vertriebspartner bei ihren verschiedenen Herausforderungen zu begleiten.

Und auch das Thema Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Auch bei Privatanlegern?

Nachhaltigkeit ist weit mehr als ein Schlagwort. Wir sehen, dass immer mehr Investoren – vom professionellen Großanleger bis hin zum privaten Sparer – die Geldanlage an individuellen Werten und Überzeugungen ausrichten oder direkt in Projekte mit Umweltnutzen investieren möchten. Banken und Vermögensverwalter bieten ihren Kunden ein breites Spektrum an Lösungen. Dazu zählen auch ETFs mit gewissen ESG-Mindestanforderungen oder Dachfonds, die in nachhaltig ausgerichtete ETFs investieren.

Europa ist mit einem Volumen von 10,5 Milliarden Euro Anlagevolumen sowie einem Wachstum von zwölf Prozent während der letzten 24 Monate die führende Region für verantwortungsbewusstes Investieren. Als größte europäische Fondsgesellschaft verstehen wir uns global als Partner für Investoren, die nachhaltig investieren möchten.

Greifen Kunden eher zu ESG-ETFs oder zu den noch strengeren SRI-Produkten?

In den letzten Jahren haben zwei größere Trends die Kapitalmärkte erfasst: Erstens das Wachstum passiver Investments und zweitens die zunehmende Integration von ESG-Faktoren in Anlageentscheidungen und in den Dialog von Investoren mit Unternehmen. Anleger setzen Nachhaltigkeitsstrategien dabei unterschiedlich intensiv um. Die Spanne reicht dabei von Anlagen mit einfachen Ausschlusskriterien bis hin zu maßgeschneiderten Ansätzen, mit denen institutionelle Investoren beispielsweise individuelle Ziele zur Reduktion des CO2-Fußabdrucks im Portfolio verfolgen. So gibt es Investoren, die Unternehmen mit sehr kritischen Geschäften und Praktiken mithilfe eines eher groben ESG-Filters ausschließen möchten. Andere setzen auf Indizes, die nachhaltige oder Low-Carbon-Indizes abbilden. Es sind aber auch komplexe Ziele, wie die Verbesserung des ESG-Scores bei gleichzeitiger Verringerung des C02-Fußabdrucks und einem höheren Investitionsgrad in grünen Technologien möglich.

Wie ist Amundi in Sachen Nachhaltigkeit grundsätzlich aufgestellt?

Amundi zählt zu den Pionieren im Bereich verantwortungsvolles Investieren. Die hervorgehobene Bedeutung zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Nachhaltigkeit seit der Gründung eine der vier strategischen Säulen der Unternehmensstrategie ist. Diese stützt sich speziell auf zwei Überzeugungen: erstens die Verantwortung von Unternehmen und Investoren gegenüber der Gesellschaft und zweitens die Tatsache, dass Unternehmen, die eine ethische oder nachhaltige Unternehmensstrategie verfolgen, in der Regel auch gut geführte und zukunftsfähige Unternehmen sind. Ein wichtiger Nachhaltigkeitsbaustein ist unsere Abstimmungs- und Engagement-Politik, die bei Amundi neben aktiven als auch passive Investments umfasst. Diese Philosophie ermöglicht es uns, auf Unternehmen auch in puncto ESG einzuwirken und gegebenenfalls Beschlüsse auf Hauptversammlungen abzulehnen. So stimmte Amundi 2018 bei über 2.500 Hauptversammlungen ab, was fast doppelt so viel ist wie der Branchendurchschnitt. Das ETF-Team kann dabei auf das ESG-Know-how der Amundi-Gruppe zugreifen, um Anlegern eine breite Palette von Fonds und maßgeschneiderten Nachhaltigkeitsanlagen anzubieten. Darüber hinaus schließen wir kontroverse Waffen systematisch von allen unseren ETFs und offenen Indexfonds aus.

Um Faktor-Anlagen ist es dagegen ruhiger geworden. Welche Faktor-ETFs stehen derzeit bei Ihren Kunden auf der Kaufliste?

Factor-Investments zielen darauf ab, die mit den Anlagefaktoren Value, Size, Momentum, minimale Volatilität, Dividende und Qualität verbundenen Eigenkapitalrisikoprämien zu nutzen. Aus unserer Sicht ist dies ein vielversprechender Weg, um Risiken zu reduzieren oder besser zu diversifizieren und langfristig eine bessere Performance zu erzielen. Beispielsweise ist das aktuelle Kapitalmarktumfeld durch erhebliche Unsicherheiten gekennzeichnet. In solchen Phasen haben sich die Faktoren minimale Volatilität und Qualität als gute Lösung zur Umsetzung defensiver Anlagestrategien erwiesen. Dies spiegelt sich auch in den Mittelzuflüssen wider: So haben Qualitäts-ETFs seit Jahresbeginn in Europa mehr als 1,6 Milliarden Euro und Low Volume-ETFs rund 1,4 Milliarden Euro angezogen.