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„Künstliche Intelligenz wird in vielen Lebensbereichen eine Rolle spielen“

Klassische Leitindizes enthalten aufgrund ihrer Marktgewichtung vor allem Aktien großer eingesessener Unternehmen, die mit aktuellen Geschäftsmodellen hohe Gewinne einfahren. Wer sein Depot aber zukunftsfähig machen möchte, sollte auch künftige Megatrends im Blick haben. Einer dieser Megatrends ist die künstliche Intelligenz, der über ETFs investierbar ist. Wie Künstliche Intelligenz unser Leben verändern wird, zeigt ein Interview des Extra-Magazins mit  Stefan Rüping, Leiter der Abteilung „Knowledge Discovery“ am Fraunhofer IAIS.

Wie wird  die künstliche Intelligenz künftig unseren Alltag beeinflussen?

KI ist wie Strom – ebenso wie heute Strom nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken ist, wird Künstliche Intelligenz in Zukunft in nahezu allen Lebensbereichen und Branchen eine Rolle spielen. Denn es ist absehbar, dass nach der Automatisierung von manuellen Arbeiten auch die gedankliche Arbeit mit KI unterstützt wird. Durch Maschinelles Lernen sind wir bereits heute dazu imstande, das Verstehen, Entscheiden oder Handeln, also kognitive Leistungen, zu automatisieren. Dabei hat KI mittlerweile eine Leistungsfähigkeit erreicht, mit der sie an vielen Stellen im Alltag oder Berufsleben, etwa als Übersetzersoftware auf dem Smartphone, in der Analyse von Finanzdaten oder der medizinischen Diagnostik, bereits zum Einsatz kommt. Sobald eine KI dann noch Emotionen interpretieren kann und zum Beispiel erkennt, ob ein Mensch gestresst agiert, kann sie ganz neue Einsatzgebiete erschließen, etwa im Dienstleistungsbereich.

Welche Chancen und Risiken sehen Sie bei dieser Technologie und wer sind aus ihrer Sicht die Gewinner & Verlierer?

Grundsätzlich sehe ich mehr Chancen als Risiken, denn besonders angesichts des demografischen Wandels bietet KI viele neue Potenziale: Wir müssen die vergleichsweise wenigen Menschen, die arbeiten werden, produktiver machen und das können wir mit KI erreichen. Zudem denke ich, dass uns intelligente Technologien zumindest über einen langen Zeitraum hinweg nicht ersetzen werden – vielmehr sind es Hilfsmittel. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir einfach weitermachen sollen wie vorher, ganz im Gegenteil: Jedes Unternehmen, das nicht spätestens jetzt anfängt, sich mit dem Einsatz von KI-Techniken zu beschäftigen, hat eigentlich schon verloren. Denn Firmen, die bereits intelligente Technologien nutzen, haben ihren Konkurrenten gegenüber derartige Wettbewerbsvorteile, dass es fatal wäre, den Einsatz länger als nötig hinauszuzögern. Jetzt ist der späteste Zeitpunkt anzufangen, drüber nachzudenken, an welchen Stellen das Unternehmen Einsparungspotenzial, langwierige oder fehleranfällige Prozesse hat oder mehr Präzision und Entscheidungsunterstützung braucht.

Welches wirtschaftliche Potenzial sehen Sie im Bereich Künstliche Intelligenz für die Gesamtwirtschaft?

Viele deutsche und europäische Unternehmen sind in ihren Märkten bestens positioniert. Es muss nun Ziel sein, das enorme Entwicklungspotenzial bei hochqualitativen KI-Anwendungen aus der deutschen Forschungslandschaft stärker zu nutzen und schneller in marktfähige Produkte und Anwendungen zu transferieren. Zahllose Unternehmen haben Zugang zu den notwendigen Daten und dem Branchenwissen, auf deren Basis neue kognitive Komponenten entwickelt werden können. Mit dem in Deutschland entstandenen „International Data Space“ wird darüber hinaus von mittlerweile mehr als 100 Unternehmen auch das notwendige Ökosystem etabliert, um Daten souverän, intelligent und sicher verknüpfen und nutzen zu können. Daraus ergeben sich ganz neue branchenübergreifende Anwendungsszenarien. Dabei besteht großer Handlungsdruck, denn die Wettbewerbssituation rund um KI entwickelt sich rasant. Neben den großen Internetriesen Amazon, Google und Facebook, die viel Geld in die KI-Forschung investieren, hat sich China vorgenommen, bis 2030 Weltmarktführer in allen Bereichen der KI zu sein. Das muss ernst genommen werden, denn diese Konzerne preschen immer wieder in neue Domänen und Branchen vor.

Das Fraunhofer IAIS forscht sehr intensiv auf dem Gebiet künstlicher Intelligenz. Was sind die derzeit spannendsten Projekte und wie ist Deutschland im internationalen Wettbewerb gerüstet?

Schon heute hat Deutschland eine leistungsfähige Wissenschafts- und Forschungslandschaft im Bereich KI. Als eine der führenden Einrichtungen für angewandte KI-Forschung in Europa bietet das Fraunhofer IAIS mit einem starken KI-Netzwerk und Exzellenzinitiativen wie dem „Kompetenzzentrum Maschinelles Lernen Rhein-Ruhr“ oder der „Kompetenzplattform KI.NRW“ beste Voraussetzungen um die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz und des Maschinellen Lernens in Deutschland auf ein weltweit führendes Niveau zu bringen. Unser Ziel ist es, Spitzenforschung und Qualifizierung weiter zu stärken, Kompetenzen zu bündeln und insbesondere den Transfer in Unternehmen zu sichern. Ein ganz besonders wichtiger Teil unserer aktuellen Arbeiten beschäftigt sich mit der Entwicklung sicherer und vertrauenswürdiger KI-Verfahren. Im gleichen Maße wie KI mit immer anspruchsvolleren Aufgaben betraut wird und dafür immer sensitivere Daten analysiert, steigen auch die Anforderungen an ihre Verlässlichkeit. Dabei spielen digitale Souveränität, Ethik und Datenschutz eine zentrale Rolle. In einer Studie mit der BaFin haben wir im letzten Jahr beispielsweise das Spannungsfeld zwischen neuen Möglichkeiten der KI und neuen Anforderungen an sie konkret in der Finanzbranche untersucht.

Viele Menschen haben angesichts der Erhebung von immer mehr Daten Angst vor dem gläsernen Menschen. Andere fürchten sich vor dem Arbeitsplatzverlust infolge zunehmender Digitalisierung? Inwieweit sind solche Ängste berechtigt und was muss die Gesellschaft unternehmen, um mögliche Risiken so klein wie möglich zu halten?

Wir beschäftigen uns am Fraunhofer IAIS sehr engagiert mit dem souveränen und sicheren Umgang mit Daten. Hier sehen wir uns in der Verantwortung, auch zur gesellschaftlichen und politischen Diskussion beizutragen. In Bezug auf die Sorgen der Arbeitnehmer denke ich, dass der Einsatz von KI einen positiven Effekt haben wird, indem Menschen von vielen Routineaufgaben entlastet werden und gleichzeitig neue Arten von Arbeitsplätzen entstehen. Arbeitnehmer werden in Zukunft dadurch aber oft anders arbeiten als heute. Mit unserem eigenen Schulungsprogramm tragen wir dazu bei, Arbeitnehmer im Bereich KI fit zu machen und ihnen einen sicheren Umgang mit KI und deren Chancen und Grenzen zu vermitteln. Mit unserer Bildungsinitiative „Roberta – Lernen mit Robotern“ fördert das Fraunhofer IAIS außerdem seit mehr als 15 Jahren spielerisch Programmier- und Robotikkenntnisse bei inzwischen mehr als 450 000 Kindern und Jugendlichen ab der Grundschule. Um die gesellschaftliche Akzeptanz von Künstlicher Intelligenz weiter zu stärken, forschen wir auch an KI-Modellen, welche die Analysen und Entscheidungen der KI zu jeder Zeit nachvollziehbar machen, damit die KI ihre Entscheidungen nicht in der „Black Box“ trifft. Darüber hinaus ist es sehr wichtig, Bürger und Kunden aufzuklären und ihnen zu verdeutlichen, was mit ihren Daten geschieht. Man sollte stets Technologien einsetzen, welche den Datenschutz garantiert gewährleisten. Dafür haben wir Methoden des „Privacy Preserving Data Mining“ entwickelt, deren Ziel es ist, Informationen und Muster aus großen Datenbeständen zu erschließen, ohne dabei personenbezogene Informationen preiszugeben.

Anmerkung der Redaktion:

Mit verschiedenen ETFs wie dem Amundi Stoxx Global Artificial Intelligence (WKN: A2JSC9), dem WisdomTree Artificial Intelligence UCITS ETF (WKN: A2A7NJ) sowie dem Xtrackers Artificial Intelligence and Big Data UCITS ETF (WKN: A2N6LC) können Anleger in Unternehmen aus dem Bereich künstliche Intelligenz investieren. Details zu diesem Megatrend erfahren Sie in der Extra-Magazin-Ausgabe April/Mai 2019 oder in unserem ETF-Ratgeber Investieren in Megatrends.

Zur Person:

Dr. Stefan Rüping leitet die Abteilung „Knowledge Discovery“ am Fraunhofer IAIS. Er hat langjährige Erfahrung in Consulting, Projekten und Lehre sowohl in Kundenprojekten als auch in der Forschung. Seine Forschungsinteressen sind das Maschinelle Lernen, Künstliche Intelligenz und Data Mining. Rüping studierte Informatik an der Technischen Universität Dortmund, wo er auch als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Künstliche Intelligenz arbeitete. Im Jahr 2006 promovierte er im Bereich des maschinellen Lernens zum Thema »Learning Interpretable Models«.