Von Thomas Brummer28. April 2022
Maik Thielen, Senior-Produktmanager beim S-Broker.

Maik Thielen (S-Broker): "Ohne weitere Eskalationen könnten Dax und Co die Tiefs überwunden haben"

Erst kam der Corona-Schock über die Börsen. Jüngst zog der russische Angriffskrieg Dax und Co nach unten. Maik Thielen, Senior-Produktmanager beim S-Broker, legt seine Sicht dazu dar.

Herr Thielen, die Corona-Pandemie scheint zumindest an der Börse längst vorbei zu sein. Können Sie bitte die Phase um den damaligen Crash und die rasche Erholung Revue passieren lassen?

Als die Pandemie im Frühjahr 2020 Europa erreichte, wusste keiner, was für Auswirkungen das mit sich bringen würde. Viele Anlegerinnen und Anleger zogen erst einmal die Reißleine. Die Märkte preisten die Veränderungen sehr schnell ein. Der Dax büßte innerhalb von zwei Wochen rund ein Drittel ein, der MSCI World fiel um mehr als 30 Prozent. Bald wurde deutlich, dass die Geschäftsmodelle und damit Aktien einiger Unternehmen im neuen Umfeld mit Lockdowns umso gefragter waren. Das waren zum Beispiel die Aktien von Lieferdiensten, Anbietern digitaler Kommunikation oder Hardware, kurz „Stay-at-home-Aktien”.

Aber auch andere Marktsegmente erholten sich schnell. Dazu haben die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aus niedrigen Zinsen und hoher Inflation, anfangs aber vor allem die fiskal- und geldpolitischen Reaktionen beigetragen. Ein Jahr später verzeichneten viele Indizes bereits wieder Höchststände – bei technologielastigen Indizes wie dem Nasdaq und in Teilen auch dem S&P 500 sogar schon nach wenigen Wochen.

Viele der anfänglichen Profiteure wurden 2021 abgestraft, als die harten Lockdowns vorüber waren. Es zeichnete sich ab, dass längst nicht alle Unternehmen die teils überoptimistischen Erwartungen erfüllen würden. Indizes aus diesen Aktien haben 2020 teilweise über 50 Prozent dazugewonnen – 2021 dann nur sechs Prozent, sodass sie vom europäischen Aktienmarkt um etwa 20 Prozent outperformt wurden.

Welche Lehren sollten Privatanleger daraus ziehen?

Wieder einmal hat sich gezeigt, dass es zu Beginn einer Krise ungewiss ist, wie stark die Börsenkurse nachgeben werden und wann der Wendepunkt erreicht ist. Man sollte nicht davon ausgehen, den idealen Zeitpunkt für einen Aus- oder Einstieg zu treffen, besonders, wenn man nicht nah am Börsengeschehen dran sein kann oder möchte.

Statt in Panik zu verkaufen, sollten sich Privatanlegerinnen und -anleger in solchen Situationen fragen, wie ihre Portfoliostruktur aufgebaut ist. Eine der wichtigsten Fragen dabei: Wie lang ist der Anlagehorizont? Wenn man noch Jahre hat, um eine Krise im eigenen Portfolio zu überwinden, ist Panik fehl am Platz. Diese kurstechnische Krise war beim Dax beispielsweise nach 322 Tagen vollständig abgeschlossen.

Wer ein breit gestreutes Depot mit langfristigen Anlagen hat, schläft in solchen Phasen ruhiger. Breit streuende ETFs und Fonds sind da eine geeignete Möglichkeit. Ansonsten können technische Hilfsmittel wie eine Stop-Loss-Order helfen, bereits erzielte Gewinne abzusichern.

An der Börse sind zeitweise Über- oder Unterbewertungen normal, wie man an einigen der „Stay-at-home-Aktien” sehen konnte. Beispielsweise hat die Aktie des Fitnessgeräteherstellers Peloton 2020 zeitweise um 400 Prozent gewonnen. Das stand in keinem Verhältnis zum Unternehmenswachstum. Bald darauf stürzte die Aktie dann ab. Kennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis oder das Kurs-Umsatz-Verhältnis können dabei helfen, Überbewertungen zu erkennen.

Die vergangenen beiden Jahre haben gezeigt, dass selbst ein sehr außergewöhnliches Ereignis wie eine globale Pandemie das Wachstum an der Börse nicht nachhaltig beeinträchtigen konnte. Wertpapiere wie ETFs, Fonds oder Aktien bleiben weiterhin die beste Wahl für einen langfristigen Vermögensaufbau.

Was sollten Anleger aktuell beachten?

In kurzer Zeit ist der Dax in ein Bärenmarkt-Territorium vorgedrungen, lag also mehr als 20 Prozent unter seinem Allzeithoch. Der Dow Jones und der S&P 500 haben zunächst 10 Prozent ihrer Allzeithochs verloren. Die europäischen und US-Sanktionen gegen Russland treffen in unserer vernetzten Weltwirtschaft nicht nur Russland. Der Dax ist von der Automobilbranche geprägt, wo es wegen eines Rohstoffmangels sogar zu Produktionsstopps kam. Das wirkt sich wiederum negativ auf viele Depots aus – insbesondere, wenn sich hauptsächlich deutsche oder europäische Einzelaktien darin befinden. International breit streuende ETFs und Fonds kommen besser davon.

Tipp: Langfristig lohnt sich regelmäßiges Sparen. Dazu bietet sich zunächst der ETF-Sparplan-Vergleich an.

Auch wenn die Märkte aktuell großen Schwankungen unterliegen, ist es wahrscheinlich, dass wir früher oder später neue Rekorde an der Börse sehen werden. Militärische oder sanktionsbezogene Eskalationen würden die Erholung natürlich bremsen.

Schwankungen sind bei Anlagen mit höheren Renditechancen nichts Ungewöhnliches. Man kann hier deutlich erkennen, wie an der Börse stets neue Themen in den Fokus rücken. Die Zeit der „Stay-at-home-Aktien” ist vorbei. Stattdessen sind Öl, Gas, Rohstoffe und Edelmetalle gefragt. Zudem könnte die aktuelle Dynamik die Klimawende deutlich beschleunigen. Entsprechende Wertpapiere werden dadurch noch interessanter.

Bei welchen realistischen Szenarien sehen Sie welche Entwicklung für Dax und Co in den nächsten Wochen und Monaten?

Ohne weitere Eskalationen könnten Dax, EuroStoxx 50 und Dow Jones die Tiefs vorerst überwunden haben. Allerdings ist der Krieg nicht das einzige Thema an den Aktienmärkten. Inflationssorgen und stärkere Zinsanhebungen spielen ebenso eine Rolle, sodass man ein Ereignis nie autark betrachten kann. Die Fed hat schnellere, kräftigere Zinserhöhungen bereits angekündigt, die EZB bewegt sich bei dem Thema jetzt auch ein wenig und es gibt Stimmen, die von einer ersten Zinsanhebung im Sommer sprechen. All das sind natürlich auch Herausforderungen für die Aktienmärkte. Wachstums- und Tech-Werten dürfte das mehr Kopfschmerzen bereiten als den sogenannten Value- und Dividendentiteln. Mindestens bis zum Sommer dürfte die Reise aber eher seitwärts, bei Tech abwärts verlaufen. Anleihen werden nun natürlich wieder interessanter.

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