ETF und Steuern – Investmentsteuerreform 2018

Mit der Einführung der Investmentsteuerreform 2018 hat sich für Fondsanleger in Bezug auf die Besteuerung einiges geändert. Anfang 2019 kam dann eine weitere Neuerung hinzu – Banken ziehen nun die Vorabpauschale ab. Wir erläutern in diesem Beitrag, was Anleger in puncto Steuern alles beachten müssen.

Einleitung Investmentsteuerreform 2018

Das deutsche Steuerrecht hat den Ruf, nicht nur zu kompliziert, sondern auch abschreckend zu sein. Für Anleger sollte das aber kein Grund sein, sich nicht mit der Materie auseinanderzusetzen. Schließlich wirken sich Steuern am Ende auf die Rendite aus. Ziel der Investmentsteuerreform 2018 war es, die Besteuerung von Investmentfonds zu vereinheitlichen. Denn inländische Fonds wurden hinsichtlich der steuerlichen Behandlung anders behandelt als ausländische. Eine steuerliche Schlechterstellung von im EU-Ausland aufgelegten Fonds widersprach jedoch europäischem Recht. Zudem sollte der Aufwand der Besteuerung für Privatanleger reduziert werden. Denn künftig werden viele Aufgaben der Besteuerung von den Depotbanken der Anleger übernommen.

Investmentsteuerreformgesetz
Investmentsteuerreformgesetz 2018 Quelle: FIL Fondsbank GmbH

Wichtige Steuerbegriffe kurz erklärt

Bevor wir in die Art der Besteuerung einsteigen, klären wir zunächst einige grundlegende Begriffe der Besteuerung von Investmentfonds.

Kapitalertragsteuer

Sie ist bei Veräußerungen von Wertpapiergeschäften sowie bei Ausschüttungen und Dividenden zu entrichten. Die Höhe der Abgeltungssteuer beträgt 25 Prozent zuzüglich 5,5 Prozent Solidaritätszuschlag, also insgesamt 26,375 Prozent. Hinzu kommt ggf. noch Kirchensteuer.

Vorabpauschale

Die Vorabpauschale soll sicherstellen, dass eine bestimmte Mindestbesteuerung auf Anlegerebene stattfindet – auch in Fällen, in denen ein Fonds keine Ausschüttung vornimmt oder aber eine Ausschüttung vornimmt, die geringer ist als der Basisertrag. Wirtschaftlich betrachtet stellt die Vorabpauschale eine vorweggenommene Besteuerung zukünftiger Wertsteigerungen dar. Der Vorabpauschale liegt ein Basisertrag zugrunde. Dieser ist der Höhe nach begrenzt auf die Wertsteigerung der Fondsanteile in einem Kalenderjahr. Bei Wertverlusten im selben Kalenderjahr fällt daher keine Vorabpauschale an. Die Steuern auf die Vorabpauschale müssen vom Anleger entrichtet werden und werden von der depotführenden Stelle eingezogen. Die Vorabpauschale fließt dem Anleger steuerlich allerdings erst im Januar des folgenden Kalenderjahres zu.

Basisertrag

Der Basisertrag bildet die Berechnungsgrundlage der Vorabpauschale. Der Basisertrag ist zudem gedeckelt auf die Höhe der Wertsteigerung in einem Kalenderjahr zzgl. der Ausschüttungen. Er wird wie folgt berechnet: Basisertrag = Wert zu Beginn des Kalenderjahres × 70 Prozent × Basiszins.

Basiszins

Der Basiszins leitet sich aus der langfristig erzielbaren Rendite öffentlicher Anleihen ab. Er orientiert sich am Zinssatz, den die Deutsche Bundesbank anhand der Zinsstrukturdaten jeweils auf den ersten Börsentag des Jahres errechnet. Das Bundesministerium der Finanzen veröffentlicht den maßgeblichen Zinssatz im Bundessteuerblatt. 2019 betrug er 0,52 Prozent. 2020 nur noch 0,07 Prozent.

Teilfreistellung

Künftig fallen für bestimmte inländische Erträge auf Fondsebene Steuern an. Als Ausgleich dafür bzw. als Ausgleich für den Wegfall der Anrechnungsmöglichkeit für ausländische Quellensteuern werden auf Anlegerebene Ausschüttungen, Vorabpauschalen und Veräußerungserlöse anteilig freigestellt. Je nach Fondskategorie fällt die Teilfreistellung unterschiedlich hoch aus. Für ETF-Anleger sind hier vor allem Mischfonds mit mindestens 25 Prozent Aktienanteil (15 %) und Aktienfonds mit mindestens 51 Prozent Aktienanteil (30 %) relevant. Das bedeutet, dass bei einem Aktien-ETF Erträge nur zu 70 Prozent steuerpflichtig sind, 30 Prozent sind von der Steuer teilfreigestellt.

Steuerpauschbetrag

Solange die Erträge unter dem Steuerpauschbetrag von 801 Euro für Singles bzw. 1.602 Euro für Verheiratete liegen, müssen keine Steuern bezahlt werden.

Bestandsschutz

Kursgewinne, die ab dem 1. Januar 2018 auf die bestandsgeschützten Alt-Anteile eintreten, werden erst dann besteuert, wenn diese tatsächlich verkauft werden. Die Depotbank führt zunächst die fälligen Steuern ab. Im Rahmen der Einkommensteuererklärung können sie mit dem Freibetrag von 100.000 Euro verrechnet werden.

Automatisierter Prozess

Anleger müssen seit der Investmentsteuerreform nicht mehr selbst aktiv werden, wenn ihr Depot bei einer inländischen Bank geführt wird. Die depotführende Bank zieht die Vorabpauschale sowie die Abgeltungssteuer automatisch ein und führt die Beträge an das Finanzamt ab.

Belastung der Kapitalertragsteuer

Die Kapitalertragsteuer auf die Vorabpauschale muss vom Anleger auf dem angegebenen Verrechnungskonto bereitgestellt werden. Die depotführende Bank zieht die Steuern auf die Vorabpauschale im Januar direkt beim Anleger ein. Kann die Steuer nicht abgebucht werden, erfolgt eine entsprechende Meldung an das Finanzamt.

So werden ETFs künftig besteuert

Nachdem wir die wichtigsten Begriffe erläutert haben, sehen wir uns im nächsten Schritt zwei Beispiele für die Besteuerung von ausschüttenden und thesaurierenden Investmentfonds an.

ETF-Steuerrechner: Zur Berechnung Ihrer Steuerlast steht Ihnen unser ETF-Steuerrechner zur Verfügung. Der Rechner berücksichtigt die wesentlichen Änderungen des Investmentsteuergesetzes von 2018, wonach thesaurierende und ausschüttende ETFs prinzipiell gleich besteuert werden.

Zum ETF-Steuerrechner

Steuerliche Behandlung von ausschüttenden Investmentfonds

In diesem Beispiel hat ein Anleger Fondsanteile im Wert von 10.000 Euro im Depot. Für unser Beispiel nutzen wir einen ETF auf den MSCI Europe Index. Dieser ETF wird als Aktienfonds klassifiziert und hat daher eine Teilfreistellung von 30 Prozent. Erträge sind demnach nur zu 70 Prozent steuerpflichtig. Am Jahresende wird die ETF-Position zu 10.500 Euro verkauft. Im Jahresverlauf erhält der Anleger eine Ausschüttung in Höhe von 200 Euro. Welche Steuer hat der Anleger nun insgesamt zu bezahlen?

Wert am 01.01.201910.000 Euro
Verkauf am 31.12.201910.500 Euro
Ausschüttung:200,00 Euro
Kursgewinn:500,00 Euro
Gesamtertrag:700,00 Euro
Basiszins 20190,52 %
Steuerpflicht (Teilfreistellung)70,00 %

Im ersten Schritt wird der Basisertrag (36,40 Euro) berechnet und davon die erhaltene Ausschüttung (200 Euro) abgezogen. Das Ergebnis beträgt in diesem Fall: -163,60 Euro. Da die Vorabpauschale nicht negativ sein kann, wird sie mit 0 Euro angesetzt.

Formel: Wert 1.1. x 70 % x Basiszins = Basisertrag – Ausschüttung

Berechnung: 10.000 Euro x 70 % x 0,52 % = 36,40 Euro – 200 Euro = – 163,60 Euro

=> Vorabpauschale 0,00 Euro

Im Schritt zwei wird die Steuer auf die Ausschüttung berechnet. Diese beträgt 36,93 Euro, da nur ein Teil der Ausschüttung steuerpflichtig ist (Teilfreistellung). In Schritt drei wird die Steuer auf die Vorabpauschale berechnet. Diese beträgt in unserem Beispiel 0 Euro. Ein Wert über null käme nur zustande, wenn die Ausschüttung geringer wäre als der Basisertrag.

Formel: Ausschüttung x Steuerpflicht % x 26,375 %

Berechnung: 200 Euro x 70 % x 26,375 % = 36,93 Euro

=> Steuer auf Ausschüttung 36,93 Euro

Im letzten Schritt wird der Kursgewinn des Anlegers besteuert. Dieser ist ebenfalls nur zum Teil steuerpflichtig (Teilfreistellung). Der Steuerbetrag liegt im Beispiel bei 92,31 Euro.

Formel: Kursgewinn x 70 % x 26,375 %

Berechnung: 10.500Euro – 10.000 Euro x 70 % x 26,375 % = 92,31 Euro

=> Steuer auf Kursgewinn 92,31 Euro

In der Summe wird der Anleger mit 129,24 Euro Steuer belastet. Der Anleger muss also sowohl die Ausschüttung als auch den Kursgewinn versteuern. Allerdings zu unterschiedlichen Zeiträumen.

Formel: St. Vorabpauschale + St. Ausschüttung + St. Verkauf

Berechnung: 0,00 Euro + 36,93 Euro + 92,31 Euro = 129,24 Euro

=> Gesamtsteuer 129,24 Euro

So wird die Steuer auf die Ausschüttung und den Verkauf bei Zufluss fällig, die Steuer für eine eventuelle Vorabpauschale fließt allerdings erst im Januar des folgenden Kalenderjahres zu und wird auch erst dann versteuert. Hat der Anleger einen Sparpauschbetrag (801 Euro bzw. 1.602 Euro) bei der Bank gestellt, erhält er die Erträge sogar ohne Steuerabzug gutgeschrieben.

Steuerliche Behandlung von thesaurierenden Investmentfonds

Das folgende Beispiel zeigt deutlich, dass es keinen Unterschied bei der Besteuerung von ausschüttenden und thesaurierenden Fonds mehr gibt.

Wert am 01.01.201910.000 Euro
Verkauf am 31.12.201910.700 Euro
Ausschüttung:-
Kursgewinn:700,00 Euro
Gesamtertrag:700,00 Euro
Basiszins 20190,52 %
Steuerpflicht (Teilfreistellung)70,00 %

Die Berechnung der Steuer ist zwar etwas anders, das Endergebnis ist mit 129,24 Euro allerdings identisch.

Berechnung der Vorabpauschale

Formel: Wert 1.1. x 70 % x Basiszins = Basisertrag – Ausschüttung

Berechnung: 10.000 Euro x 70 % x 0,52 % = 36,40 Euro – 0 Euro = 36,40 Euro

=> Vorabpauschale 36,40 Euro

Besteuerung der Vorabpauschale

Formel: Vorabpauschale x  70 % x 26,375 %

Berechnung: 36,40 Euro x 70 % x 26,375 % = 6,72 Euro

=> Steuer auf Vorabpauschale 6,72 Euro

Besteuerung Kursgewinn

Formel: Gewinn x 70 % x 26,375 % – Vorabpauschale

Berechnung: 700 Euro x 70 % x 26,375 % – 6,72 Euro = 122,52 Euro

=> Steuer auf Kursgewinn 122,52 Euro

Summe Steuer

Formel: St. Vorabpauschale + St. Ausschüttung + St. Verkauf

Berechnung: 6,72 Euro + 0,00 Euro + 122,52 Euro = 129,24 Euro

=> Gesamtsteuer 129,24 Euro

Bei thesaurierenden Fonds sollten Anleger allerdings auf eine Besonderheit achten: Wenn kein Sparerpauschbetrag vorliegt oder bereits an anderer Stelle geltend gemacht wurde, müssen Anleger ausreichend Geld auf ihrem Konto hinterlegt haben, denn die Bank zieht die Steuer auf die Vorabpauschale direkt vom Konto des Kunden ein. Wenn das wegen einer fehlenden Deckung nicht möglich ist, wird eine entsprechende Meldung an das Finanzamt weitergeleitet.

Was passiert mit Alt-Bestanden?

Um bei der Besteuerung von Fondserträgen auf Anlegerebene eine Vermischung des alten und neuen Rechts auszuschließen, nahm der Gesetzgeber für sämtliche Fondsanteile eine Veräußerungs- und Rückkaufsfiktion vor. Das bedeutet, dass alle Fondsanteile, die vor dem 1. Januar 2018 angeschafft wurden, zum 31. Dezember 2017 als veräußert gelten und zum 1. Januar 2018 als wieder angeschafft.

Die durch den fiktiven Verkauf ermittelten steuerrelevanten Wertzuwächse werden dann tatsächlich besteuert, wenn der Anleger seine Fondsanteile verkauft. Die Banken müssen sich zu diesem Zweck den steuerrelevanten Betrag vom 31. Dezember 2017 „merken“ und dürfen diesen erst bei einem „echten Verkauf“ der Fondsanteile abrechnen.

Mit dieser Veräußerungs- und Rückkauffiktion fällt ab dem 1. Januar 2018 der Bestandsschutz für Alt-Anteile (die vor Einführung der Abgeltungssteuer am 01.01.2009 angeschafft wurden) faktisch weg. Die bis zum 31. Dezember 2017 eingetretene Wertentwicklung ist allerdings steuerfrei. Um den Verlust des Bestandsschutzes zu kompensieren, wird ein Freibetrag in Höhe von 100.000 Euro (pro Anleger) gewährt. Dieser Freibetrag gilt für Wertveränderungen ab dem 1. Januar 2018 und nur für Fondsanteile, die vor dem 1. Januar 2009 angeschafft wurden. Die Berücksichtigung dieses Freibetrags erfolgt durch das Finanzamt. D. h. die Steuer, die auf die ab dem 1. Januar 2018 eintretende Wertsteigerung entfällt, wird bei tatsächlichem Verkauf der Anteile zunächst von der depotführenden Stelle eingezogen. Der Freibetrag kann aber vom Anleger im Rahmen der Einkommenssteuer geltend gemacht werden. Die Steuer wird rückvergütet.

Was ist in der Steuererklärung zu tun?

Die gute Nachricht für Anleger ist: Wer ein Depot bei einer inländischen Bank führt, für den wird die Kapitalertragsteuer automatisch an das Finanzamt abgeführt. Diese Erträge müssen daher nicht extra in der Steuererklärung aufgeführt werden. Anders gestaltet sich der Fall für Geringverdiener: Wenn der Einkommensteuersatz unter 25 Prozent, also unter dem Kapitalertragsteuersatz, liegt, kann man die gezahlte Steuer in der Steuererklärung geltend machen und erhält die Differenz dann vom Fiskus zurückerstattet.

Nur Gewinne werden versteuert

Prinzipiell gilt: Ist der Kurswert im Depot vom Jahresanfang bis zum Jahresende gestiegen, dann fallen Steuern an. Wenn man im Jahr 2019 nur einen thesaurierenden ETF im Depot hatte, dessen Wert bis Jahresende gefallen ist, fallen Anfang 2020 keine Steuern an, denn nur auf Gewinne werden Steuern bezahlt. Die Vorabpauschale entfällt. Abgeltungssteuer zahlt man bei thesaurierenden ETFs ohnehin erst bei Verkauf. Wenn der ETF eines Anlegers Ausschüttungen vornimmt, dann zieht die depotführende Bank automatisch die Abgeltungssteuer ein und führt sie an das Finanzamt ab. Das geschieht natürlich nur, wenn der Anleger seinen Freistellungsauftrag (Sparerpauschbetrag von 801 Euro bzw. 1.602 Euro) bereits ausgeschöpft oder nicht gestellt hat.

Besteuerung von Verlusten

Auf Verluste zahlen Anleger keine Steuern, aber es gibt Sonderfälle, z. B. wenn der Depotwert in einem Jahr sinkt, man aber trotzdem Ausschüttungen erhalten hat. Die Ausschüttung muss in dem Fall natürlich höher sein als der Verlust, dann müsste noch die Differenz versteuert werden. Generell gilt: ETF-Verluste können bei ETF-Gewinnen geltend gemacht werden. Aber: Nicht jeder „Topf“ darf mit jedem „Topf“ verrechnet werden. Die Einzelheiten klärt man am besten mit einem Steuerexperten.

Fazit zur Besteuerung von ETFs:

Mit der Investmentsteuerreform hat der Gesetzgeber die Besteuerung von ausländischen und inländischen Fonds harmonisiert. Die neuen Regeln zur Besteuerung wirken auf den ersten Blick recht kompliziert. Unser ETF-Steuerrechner erleichtert die Ermittlung der Steuer. Großes Plus: Die Besteuerung von ausschüttenden und thesaurierenden Fonds ist nun nicht mehr unterschiedlich.